Bauwerk

Bankgebäude
A.D.N.S - Prag (CZ)
Bankgebäude, Foto: Walter Zschokke

Ein Blick zurück nach vorn

In Prag hat das junge tschechische Architektenteam A.D.N.S. ein Bankgebäude errichtet - und trotz härtester ökonomischer Bedingungen erfolgreich an die Tradition der tschechischen Moderne angeknüpft.

4. Mai 1996 - Walter Zschokke
Auf der Eisenbahnfahrt von Wien über Brünn nach Prag gleitet der Zug durch sanftwellige Landschaften mit vorfrühlingshaft braunen Feldern, die da und dort von Feldrainen, Hecken und Gehölzgruppen unterbrochen werden. Klares Morgenlicht liegt auf den Fluren und heitert den Geist auf. Ab und zu führen die Geleise auch durch kleinere Waldstücke. Die wenigen Dörfer an der Strecke weisen klare Ränder auf, eine Zersiedelung hat nicht stattgefunden.

Bei der Durchfahrt größerer Ortschaften und der Städte fallen immer wieder rationale Bauwerke mit sorgfältig proportionierten Fassaden auf, die offenbar aus den zwanziger oder dreißiger Jahren stammen. Zuweilen kommen Getreidesilos ins Blickfeld, die wahrscheinlich auch einen Le Corbusier ins Schwärmen gebracht hätten. Ohne Anstrengung läßt sich erkennen, daß die Moderne sich auf dem Gebiet der heutigen Tschechischen Republik bis 1938 wesentlich besser hat entfalten können als etwa in Österreich.

Das Prager Stadtzentrum ist dagegen mehrheitlich von historistischen und gründerzeitlichen Bauten bestimmt; da und dort wurde im 20. Jahrhundert ein Neubau errichtet, der sich aber in die vorgegebene Struktur einfügte.

Im Stadtteil Vinohrady, südlich des über den Wenzelsplatz blickenden Nationalmuseums, hat an der Anglická-Straße kürzlich das junge tschechische Architektenteam A.D.N.S. einen Neubau für eine Bankfiliale fertiggestellt, der angenehm auffällt.

In die rot eingefärbte Putzfassade sind elegante, großstädtisch wirkende, querformatige Fenster eingeschnitten. Erstes und zweites Obergeschoß sind durch drei flach vortretende, verglaste Körper zusammengefaßt, die vom Ausdruck her einer Mezzaninzone entsprechen. Daraus ergibt sich der klassische Aufbau eines Stadthauses mit Sockel- oder Ladengeschoß, Mezzanin oder Piano nobile, aufsteigender Wand und Dach. Mit dem zurückgesetzten Dachgeschoß enthält das Gebäude acht Stockwerke über der Erde und vier darunter.

Im Untergrund verlaufende Tunnels für Eisenbahn und U-Bahn erschwerten und verteuerten die Gründung, und die hohen Quadratmeterpreise zwangen zu einer optimalen Verwertung des Grundstücks. Außer einem kleinen Lichthof und dem schrägen Anschnitt zur Wahrung des Lichtkeils für ein Nachbarhaus ist das zulässige Bauvolumen voll ausgenützt.

Ein erster Entwurf, wie er auf dem Verkaufsprospekt des Investors zu sehen ist, wies eine Mittenbetonung auf, die im Sockelbereich mit einer glänzenden Rundstütze verstärkt wurde. Er gleicht gewissen Neubauten an der Wiener Mariahilfer Straße, deren architektonischer Wert bescheiden ist. Mit der Verdoppelung der Scharte im Sockel- und Dachbe-reich wäre die Kontinuität in der Fassadenfolge stärker gestört worden. Von der Nutzung her gibt es aber keinen Anlaß, das Gebäude wesentlich über seine Nachbarn hinauszuheben; und das sakrale Prinzip der betonten Mittelachse ist einem städtischen Geschäftshaus wenig angemessen.

Demgegenüber weist das fertige Gebäude eine gehörige Qualitätssteigerung auf: Die Gleichbehandlung der Felder zwischen den bis zum Gehsteig herunterreichenden Mauerpfeilern beruhigt die anspruchsvolle Fassade, die im Erdgeschoß immerhin eine zweispurige Garageneinfahrt, das Portal zu den Bankschaltern und den Hauseingang bewältigen mußte. Die „Füße“ der Mauerpfeiler sind mit Naturstein verkleidet, und auch der eingeschoben wirkende Sockelteil beim Hauseingang, der den Bankomatschalter wie mit einem Passepartout rahmt, erhielt eine vorgeblendete Schicht Steinplatten.

Die das erste und das zweite Obergeschoß zusammenfassenden, kastenartig vorstehenden Fenster der Mezzaninzone erzeugen eine urban wirkende, abstrahierte Kolossalordnung. Dahinter liegen attraktive Büros für Kundenverkehr und die Direktion. Darüber sind die breiten Fenster in der Mitte senkrecht unterteilt, eine schmalere Sprosse trennt in eine obere und eine untere Hälfte, die sich jeweils zum Lüften zurückklappen lassen. Die einfache Teilung wirkt emotionslos und profan, durch die gedehnte Proportionierung aber weder bieder noch billig.

Der Einschnitt im Bereich der obersten zwei Geschoße, in dem etwas zurückgesetzt die helle Glasfassade des Dachgeschoßes in Erscheinung tritt, erzeugt eine dynamische Staffelung und macht aus der rotverputzten Mauer eine Schildwand oder eine Art schützende Verpackung für etwas Kostbares. Durch diese vertikale Schichtung und insbesondere durch die nächtliche Beleuchtung des zurückgesetzten Teils erhält das Gebäude einen verheißungsvollen Ausdruck, was für eine Geschäftsbank sicher nicht falsch ist.

Obwohl wenig Raum zur Verfügung stand, haben die Architekten den mittig nach hinten führenden Schalterraum mit doppelter Geschoßhöhe aufgewertet; er ist von einem galerieartigen Gang von oben überblickbar und auch von den Kundenbereichen im ersten Obergeschoß einsehbar. Damit gelingt es, diesem Bereich, trotz normaler Raumhöhe, einen Rest Großzügigkeit zu geben. Der Fußboden ist in Naturstein ausgeführt, Schalter und Wände der Bankhalle wurden mit Buchenholzfurnier verkleidet. Mit verhältnismäßig geringen Mitteln gelingt es hier, durch eine sorgfältige und ruhige Gestaltung eine dem Geldinstitut angemessene, noble Atmosphäre zu erzeugen.

Etwas problematisch erscheint nur das Ablagebrett für Taschen vor den Schaltern, das zwar aus Naturstein besteht, aber durch die Aufteilung in eine dünne Platte und einen stirnseitig daruntergeklebten Streifen etwas unbeholfen wirkt. Dieses Detail soll jedoch nicht davon ablenken, daß es den engagierten Architekten gelungen ist, trotz härtester ökonomischer Bedingungen die architektonisch problematische Investoren- Postmoderne deutscher Provenienz zu überwinden und eine wesentlich besser gestaltete Fassade zu errichten, die an der Qualität der tschechischen Moderne anknüpft.

Diese wichtige Verteidigung einer hochstehenden Architekturtradition vor einem inferioren Investorengeschmack, wie er oft genug auch in Wien oder im übrigen Europa die Neubauten prägt, ist unabdingbare Voraussetzung für die Wiederherstellung einer niveauvollen Architekturkultur.

Wenn man die Türen zwischen Publikumsbereich und internen Büros hinter sich hat, sinkt der Ausbaugrad rapid ab. Mit geschwungenen Glasflächen im Treppenhaus und Natursteinabdeckungen in den Sanitärräumen ist ein Rest Vornehmheit gewahrt. Die Büros und internen Gänge jedoch sind sparsamst aufgeteilt. Hier fehlen auch Naturmaterialien, wie Holz oder Stein, und Farben. Türen und Wände sind ohne Differenzierung in einem cremig getönten Weiß gehalten. Vor allem die Grundrißorganisation ist nicht mehr so leicht durchschaubar, weil Stiegenhaus und Lichthof eng und von den Gängen keine Ausblicke in den Außenbereich möglich sind. Das erschwert die Orientierung. Hier hat die Flächenoptimierung emotionslos zugeschlagen. Was der Bankkunde nicht sieht, darf nach Ansicht des Investors offenbar bedenkenloser gestaltet sein. In den reinen Verwaltungsbüros haben die Architekten eindeutig den kürzeren gezogen.

Bei zwei Aspekten im Bereich der Fassade hat sich der Besucher aus Wien ergebnislos nach dem Warum gefragt. Zum einen sind die Pfeiler zwischen den Mezzanin-Erkern nicht senkrecht, sondern weichen bis zum Gehsteigniveau leicht schräg nach hinten zurück. Damit deuten sie an, etwas anderes zu sein als die darüber aufsteigende, rotverputzte Wand. Da sie aber in der gleichen Farbe gehalten sind, entsteht Unklarheit. Denn zum anderen sind die Böden dieser Erker massiv, der Übergang vom Innen- zum Außenraum nützt das Zurückweichen der Wand nicht aus, der Glaskörper ist nicht allseitig verglast, sondern nur an der Vorderseite.

Die Reduktion des architektonischen Ausdrucks auf das flache Bild eines Gebäudes, ohne ausreichende Überlegungen zur räumlichen Wirkung und zu den dreidimensionalen Übergängen, verweist auf eine aktuelle Problematik. Wenn die Informationen über das internationale Architekturgeschehen nur auf Zeitschriften oder auf schönen Bildern basieren, bleibt viel an Inhalten auf der Strecke, denn nur die gebaute Architektur ist zugleich eindeutiges und eigentliches Medium der Architektur.

Man kann daher nur davor warnen, die Bilder der Bauwerke von Stararchitekten zu plündern - wie in den siebziger und achtziger Jahren die Architekturgeschichte als Reservoir für unreflektiert und oberflächlich angewendete Stilelemente herhalten mußte. Die Rückbesinnung auf die tschechische Moderne ist jedoch richtig, da die originalen Vorbilder in der Nähe und daher „greifbar“ sind. Mit zunehmender praktischer Erfahrung der Entwerfer, und nachdem sich das Bauhandwerk etwas erholt haben wird, werden auch die Details exakter werden. Am Ende macht der wachsende kulturelle Druck sogar Investoren architektonisch lernfähig.

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