Details
- Adresse
- Sankt Alban-Graben 8, 4052 Basel, Schweiz
- Architektur
- Christ & Gantenbein (Emanuel Christ, Christoph Gantenbein)
- Bauherrschaft
- Stadt Basel
- Tragwerksplanung
- ZPF Ingenieure AG (Andreas Zachmann, Helmuth Pauli, Nico Ros, Sali Sadikaj)
- Weitere Konsulent:innen
- Ausführung: Peter Stocker AG Baumanagement
Bauleitung: FS Architekten GmbH
HLKKSE-Koordination: Stokar + Partner AG
- Maßnahme
- Erweiterung
- Funktion
- Museen und Ausstellungsgebäude
- Wettbewerb
- 2010
- Planung
- 2010
- Ausführung
- 2012 - 2016
- Eröffnung
- 2016
- Grundstücksfläche
- 3.636 m²
- Bruttogeschossfläche
- 11.481 m²
- Nutzfläche
- 4.426 m²
- Bebaute Fläche
- 1.582 m²
- Umbauter Raum
- 64.621 m³
- Baukosten
- 100,0 Mio CHF
Publikationen
werk, bauen + wohnen, Basel, Verlag Werk AG, Zürich 2016.
TEC21, Kunstmuseen, erweitert, espazium magazin, Zürich 2016.
Bauwelt, Annex für die Moderne, Bauverlag BV GmbH, Berlin 2016.
The Making of - Neubau Kunstmuseum Basel, Dokumentation des Planungs- und Entstehungsprozesses, Hrsg. Kanton Basel-Stadt, Kunstmuseum Basel, Philippe Bischof, Stefan Charles, Christoph Merian Verlag, Basel 2016.
Karte
Pläne
Presseschau
Erotik in Schwarz-Weiß
Bei Kunst verstehen die Schweizer keinen Spaß. Oder etwa doch? Ein bewegter Spaziergang durch die sinnliche Welt des neuen Basler Kunstmuseums.
Man fühlt sich wie ein Statist in einem Schwarz-Weißfoto. Das Auge kennt sich nicht aus. Das Hirn sowieso nicht. Komplette Überforderung. „Es ist fast so, als hätte jemand im Photoshop das Bild desaturiert, als wären alle Farbnuancen verschwunden“, sagt Emanuel Christ, Architekt des Hauses, weißes Hemd, dunkelgrauer Anzug, heller Teint, perfekt ins monochrome Bild passend. „Genau das war unsere Absicht. Die Bühne gilt der Farbenvielfalt der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wir haben uns entschieden, diesen Werken räumlichen Vorrang zu geben.“
Ja, wenn es bloß so wäre. Tatsächlich wandelt man sinnesberauscht und glücktrunken durch die Räume, schweift mit der Hand über den grauen Kratzputz und erwischt sich beim Streicheln und Liebkosen der marmornen Stiegenbrüstung, die mit einer gewissen Speckigkeit so etwas wie Soft-Porno-Erotik in die Architekturwelt hineinzaubert. Viel Gedankenspielraum für die Muse der Kunst, scheint es auf den ersten Blick, bleibt da nimmer.
Es ist eine gewisse Beruhigung zu wissen, dass man offenbar nicht der Einzige ist, der hierorts von texturellen, materiellen Wallungen heimgesucht wird. Die Damen und Herren, die Journalistinnen und Redakteure, die sich bei dieser Exklusiv-Preview im neuen Zubau zum Kunstmuseum Basel vor wenigen Tagen angeschlossen haben, steht bei der Berührung des Hauses derselbe Hauch von Glückseligkeit ins Gesicht geschrieben. Kommenden Donnerstag, den 14. April, wird das schon jetzt preisverdächtige Bauwerk feierlich eröffnet. Die Öffentlichkeit darf sich freuen.
„Dass wir das Kunstmuseum Basel erweitern konnten, ist zu einem sehr großen Teil dem Engagement und der Großzügigkeit der Privatwirtschaft zu verdanken“, sagt Guy Morin, Bürgermeister und Regierungspräsident des Kantons Basel-Stadt. 50 Prozent der insgesamt 100 Millionen Schweizer Franken (92 Millionen Euro) stammen vom Kanton Basel, die restlichen 50 Prozent sowie auch die Kosten für das Grundstück steuerte die Roche-Erbin und Mäzenin Maja Oeri über die von ihr ins Leben gerufene Laurenz-Stiftung bei. „Dieses Zusammenspiel von Mäzenatentum und Öffentlichkeit ist für das Kunstmuseum identitätsstiftend.“
100 Millionen Franken, die in der Schweiz nur so aus dem Füllhorn fließen, sind kein Klacks. Schon gar nicht für ein 8000 Quadratmeter kleines Haus mit bescheidenen 3300 Quadratmetern Ausstellungsfläche. Das macht, ganz im Geiste eidgenössischer Rechenkultur, fast 12.000 Euro Baukosten auf den Quadratmeter. „Ja, aber das geht gar nicht anders“, meint Stefan Charles, kaufmännischer Direktor. „Qualität kostet. Außerdem bauen wir ja nicht für uns alleine, sondern in erster Linie für die Gesellschaft und für die Menschen nach uns.“ Dieser Weitblick, dieses tief in den Knochen steckende kulturelle, generationenübergreifende Verantwortungsbewusstsein lässt den Österreicher vor Scham erröten.
Schon heute besitzt das Kunstmuseum Basel eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen der Welt. Die Times listet die Institution sogar unter den fünf besten Kunstmuseen der Welt. Der Ausbau des Hauses ist ein Quantensprung. In den neuen Räumlichkeiten, die an das denkmalgeschützte Stammhaus von 1936 über eine unterirdische Unterführung unter der Dufourstraße verbunden sind, sollen neben laufenden Wechselausstellungen vor allem Werke amerikanischer Künstler seit 1960 ausgestellt werden – Roy Liechtenstein, Andy Warhol, Jasper Johns, Mark Rothko, Frank Stella, Donald Judd oder Cy Twombly. „Aus kuratorischer Sicht kann ich sagen, dass sich das sehr gut verträgt und dass sich die Räume wunderbar zum Arbeiten eignen“, meint Nina Zimmer, Kuratorin und Vizedirektorin im Hause. „Die Architektur ist zwar brandneu, aber sie hat schon jetzt so etwas wie eine Aura, wie eine Seele, und man kann gar nicht erwarten, dass sich in diesen Räumlichkeiten bald eine Patina bilden wird. Dann wird dieses Gebäude noch mehr, noch deutlicher zu uns sprechen.“
Passivhausqualitäten
Tatsächlich ist der Dialog schon jetzt ein reichhaltiger. Das Stiegenhaus ist in kühlen, grauen, haptisch ansprechenden Kratzputz gehüllt. Die Methode ist aufwendig und handwerklich herausfordernd, weil der Putz zunächst ein wenig anzieht, bevor der Trocknungsprozess unterbrochen und die Oberfläche mit einer Nagelbürste wieder aufgekratzt wird. Die Risse, die sich dabei bilden, verleihen ihm auf diese Weise ähnliche bauphysikalische Eigenschaften wie Lehmputz. Tausende Quadratmeter davon zieren Wand und Decke. „Dieser Putz kann so viel Feuchtigkeit und Wärme absorbieren, dass die Unterschiede zwischen Tag und Nacht, zwischen Sommer und Winter, zwischen vielen und wenigen Besuchern gut kaschiert werden“, erklärt Emanuel Christ, Partner im Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein. Das entlastet die Heizung, Kühlung und Klimatisierung der Räume so sehr, dass das Gebäude unterm Strich Passivhausqualität erreicht. „Die Kuratoren dachten am Anfang sogar, dass die Klima- und Luftmessgeräte kaputt seien“, so Christ. „Unabhängig von Wetter, Temperatur und Anzahl der Menschen im Raum war die angezeigte Luftqualität immer die gleiche.“
Hochwertigster Luxusputz also. Dazu geschmeidig grauer Bardiglio-Marmor aus Carrara. Gewachst – und nicht poliert, wie der Architekt betont, denn das hätte alles kaputtgemacht. Verklebtes Eichenparkett mit hoch belastbaren Füllungen aus Holzzementmörtel – beste österreichische Handarbeit. Und dann eine farblos-graue Fassade aus gebrannten Ziegeln, denen mittels Stickstoff das Gelb und Rot entzogen wurde. Die integrierte, indirekte LED-Beleuchtung im umlaufenden Fries hoch oben, die das Kunstmuseum in bewegliche Schriften und Ornamente hüllt, lässt den Besucher zum wiederholten Male vor Begeisterung in die Knie gehen. Große Architektur.
Doch plötzlich grinst Christ in die Runde. Den eben noch verzückten, vor Ehrfurcht erstarrten Journalisten und Redakteurinnen steht nun der Schock ins Gesicht geschrieben. Türen, Handlauf und Lampeneinfassungen sind aus handelsüblichem, fleckig galvanisiertem Stahlblech zusammengeschweißt, wie man sie in jedem x-beliebigen Baumarkt auf der ganzen Welt erhält. Ein Planungsfehler? Eine Fehlbestellung? Ein Baustellenprovisorium gar? „Ein Museum ist nicht zuletzt eine Lagerstätte“, sagt Christ. „Auch diesen industriellen, unbeschönigten Touch wollten wir herzeigen, sonst wäre dieses Haus viel zu proper, zu clean und zu vorhersagbar schweizerisch geworden. Es braucht das Normale. Das ist schon auch sexy, oder?“
[ Der Zubau zum Kunstmuseum Basel wird kommenden Donnerstag, den 14. April eröffnet. Die Reise erfolgte auf Einladung des Kantons Basel-Stadt. ]
Mäzenin ermöglicht Erweiterungsbau
Das Basler Architekturbüro Christ & Gantenbein, das die Erweiterung des Landesmuseums entworfen hat, baut in der Basler Innenstadt eine Filiale des Kunstmuseums.
Der Erweiterungsbau des Kunstmuseums Basel, ein Entwurf der Basler Architekten Emanuel Christ und Christoph Gantenbein, befindet sich noch im Rohbau, und doch erhält man mit Blick aus der Rittergasse eine erste Vorstellung von der Präsenz des neuen Gebäudes. Bisher bildete der alte Burghof einen losen und eher zufälligen Bezug zwischen dem 1936 erbauten monumentalen Hauptbau des Kunstmuseums und der St.-Alban-Vorstadt, einer der historisch wertvollen Altstadtgassen Basels. Nun schafft der neue, kraftvolle Erweiterungsbau in dieser heterogenen Umgebung einen verbindenden Akzent. Er formt die Kreuzung zu einer Art Platz und wirkt auf diese Weise respektvoll und selbstbewusst zugleich. Ein starker Auftakt für die Kulturmeile, die vom Kunstmuseum über das Antikenmuseum zum Theater und bis zum Stadtcasino am Barfüsserplatz führt.
Mäzenin ermöglicht Neubau
Vorerst aber schliesst das Kunstmuseum Basel am Wochenende seine Tore für die Öffentlichkeit für mehr als ein Jahr. Im Haupthaus steht die erste Etappe von umfangreichen Sanierungsarbeiten an, ausserdem entsteht eine unterirdische Verbindung zum neuen Gebäude auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Im April 2016 wird das Haus wiedereröffnet, zusammen mit dem Bau des Büros Christ & Gantenbein, das auch für die Erweiterung des Landesmuseums in Zürich verantwortlich ist. Die Ausstellungsfläche des Museums wird insgesamt um rund einen Drittel vergrössert. Es erhält auf diese Weise mehr Raum und Flexibilität, die vor allem für die Realisierung von Sonderausstellungen benötigt werden. Deren Kadenz wird erhöht. Mit rund einem Drittel mehr Besuchern rechnet Stefan Charles, kaufmännischer Direktor des Kunstmuseums Basel.
Für Basel bedeutet der Ausbau des Kunstmuseums, das eine der bedeutendsten Gemäldesammlungen besitzt und von der «Times» zum fünftbesten Kunstmuseum der Welt erklärt wurde, einen weiteren Quantensprung im Kulturbereich. Ermöglicht wird er durch die Roche-Erbin und Mäzenin Maja Oeri und die von ihr ins Leben gerufene Laurenz-Stiftung, die die Mittel für den Ankauf der Parzelle stifteten und die Hälfte der Baukosten in Höhe von 100 Millionen Franken finanzierten. Weitere Mittel steuert der Kanton bei. Dieses Zusammenspiel von Mäzenatentum und Öffentlichkeit ist für das Kunstmuseum identitätsstiftend. Schon seine Entstehung folgte dieser Logik: Auf Initiative interessierter Professoren kaufte Basel im Jahre 1661 das Amerbach-Kabinett an, eine schon damals beträchtliche Privatkollektion.
Als erste Stadt in Europa gelangte Basel so in den Besitz einer öffentlich zugänglichen Kunstsammlung. Das städtische Engagement fiel auf fruchtbaren Boden. Schenkungen, Vermächtnisse und private Zuwendungen ermöglichten im Verlaufe der Jahrzehnte und Jahrhunderte einen sukzessiven Zuwachs der Sammlung über künstlerische Epochen hinweg bis zur Gegenwart. 1980 initiierte Maja Sacher-Stehlin, Grossmutter von Maja Oeri, durch eine Schenkung die Einrichtung des Museums für Gegenwartskunst als Zweigstelle des Kunstmuseums in einer ehemaligen Papierfabrik unweit des Hauptbaus. Das Haus widmet sich der bildenden Kunst der vergangenen 35 Jahre.
Mäzenatentum und öffentliches Engagement bedingten sich beim Ausbau des Museums stets gegenseitig. Bis heute ist eine Abstimmung aus den 1960er Jahren unvergessen, als sich die Stimmbürger an der Urne für einen 6-Millionen-Kredit für den Ankauf von zwei Picasso-Bildern aussprachen. Auch die gegenwärtige Weiterentwicklung des Kunstmuseums erfordert öffentliche Mittel: Der Kanton zahlt 50 Millionen Franken an die Kosten für den Erweiterungsbau und erhöht den Beitrag an die Betriebskosten um 2,3 Millionen Franken pro Jahr. Für die erste Sanierungsetappe werden ebenfalls rund 25 Millionen Franken veranschlagt.
«Keine ikonische Skulptur»
Es ist für Basel nicht untypisch, dass die Kosten politisch weniger zu reden gaben als die Ankündigung der Museumsleitung, das Haus während des Umbaus für 13 Monate zu schliessen. Der Basler Polemik («unsinnige und teure Total-Schliessung») rund um diesen Entscheid, der bei Renovationsarbeiten dieser Grössenordnung keineswegs unüblich ist, haftet zwar die der Stadt eigene Provinzialität an. Doch gleichzeitig demonstriert sie die Verbundenheit mit der Institution. Der Erweiterungsbau nimmt dieses Traditionsbewusstsein auf, unterstreicht jedoch die Notwendigkeit zur Weiterentwicklung.
«Ein Museum ist ein Stück Stadt und keine ikonische Skulptur», umschreibt Emanuel Christ die städtebauliche Strategie bei den Entwurfsarbeiten für den Erweiterungsbau. So nimmt der neue Solitaire deutlich erkennbar Bezug zum Haupthaus, beispielsweise was die Bauhöhe oder die Fenster betrifft. Die aus Sichtbacksteinen in verschiedenen Grautönen gestaltete Fassade, die im oberen Bereich mit einem durchgehenden Fries aus weissen Leuchtdioden versehen wird, verspricht dagegen ein eigenes Lichtspiel und zeitgemässe Urbanität. Im Innern orientieren sich die (im Gegensatz zur mehrfach geknickten Aussenform) streng rechteckigen Ausstellungsräume am Hauptbau, während das Raumgefühl im Treppenhaus die Wucht des Neuen unterstreicht.
Noch ist es zu früh, um die Wirkung abzuschätzen, die das neue Objekt auf die Stadt haben wird. Vorerst bestimmen Baustellen-Flair und die damit verbundenen Störungen im Feierabendverkehr die Wahrnehmung am St.-Alban-Graben. Doch die Chancen stehen gut, dass es sich für Basel wieder einmal lohnt, solche Irritationen hinzunehmen.
Erweiterungsbau für Fondation Beyeler
dgy. ⋅ Auch die Fondation Beyeler in Riehen plant einen Erweiterungsbau. Sie habe das Kaufrecht für den benachbarten Iselin-Weber-Park erworben, in der Absicht, ein «architektonisch hochwertiges Haus» mit Ausstellungsräumen für Kunst sowie einen multifunktionalen Raum für kulturelle Veranstaltungen zu realisieren, teilte die Fondation am Donnerstag in einem Communiqué mit. Auch finanzielle Zusicherungen lägen bereits vor: Den Grundstein für das Vorhaben legen Schenkungen der Wyss Foundation sowie der Daros Collection in Höhe von 50 Millionen Franken. Noch offen ist, bis wann der Neubau realisiert werden soll. Führende nationale und internationale Architekten sollen zu einem Studienauftrag für den Ergänzungs- Neubau eingeladen werden. Laut der Fondation Beyeler wird erst nach Sicherung der gesamten Finanzierung und Vorliegen der Baubewilligung über den Zeitplan informiert. Der Neubau werde aber deutlich kleiner als das bestehende Hauptgebäude von Renzo Piano.