Zeitschrift

TEC21 2007|35
Amputationen
TEC21 2007|35
zur Zeitschrift: TEC21
Verlag: Verlags-AG
In «Brüchige Tage» beschreibt der Autor Philippe Besson die letzten Tage im Leben von Arthur Rimbaud. Aus der Perspektive seiner Schwester Isabelle, die er in ein fiktives Tagebuch kleidet, versucht Besson, die Qualen des «poète maudit» einzufangen: das seelische Leiden an der Welt, das ihn zeitlebens trieb, und das physische an der Krankheit, die ihn nun, in den letzten Monaten seines Lebens, ans Bett fesselt.

Das Thema der Amputation ist in dem Buch omnipräsent. Die Geschwulst am Knie, die wuchert, bis das Bein amputiert werden muss: Der physische Eingriff wird zum Sinnbild für den Verlust der Bewegungsfreiheit. Die Fluchten vor dem bigotten Elternhaus, die den Dichter bis nach Afrika verschlugen, sind ihm nun verwehrt. Er ist in seinem Körper gefangen.

Eindringlicher sind die Schilderungen seines Siechtums aus Rimbauds eigener Feder: «Montagmorgen wird mein Bein amputiert. TODESGEFAHR... (...) Ich habe ein Holzbein bestellt, es wiegt nur zwei Kilo, es wird in 14 Tagen fertig sein... (...) Was für eine Langeweile, was für eine Erschöpfung und Trauer, wenn ich an die früheren Reisen denke... Wo sind die Bergüberquerungen, die Gewaltritte, die Streifzüge, die Wüsten, Flüsse und Meere? Und jetzt das Leben eines BETTLER-ARSCHS! Denn ich beginne zu begreifen, dass Krücken, Holzbeine und mechanische Beine Verarschungen sind... Mein Leben ist vorbei, ich bin nichts als ein unbeweglicher Stummel...»[1]

Diametral entgegengesetzt empfindet Rimbauds Schwester Isabelle. Für sie sind die Fliehbewegungen Rimbauds die Amputation: «Weggehen ist eine Entwurzelung, eine Art Amputation. Mit allem zu brechen, ist eine Gewalttat. Wenn man sein Vaterland verlässt, verliert man zwangsläufig einen Teil von sich.»[2]

Tel quel übertragen lässt sich das nicht auf die Architektur. Und doch: Ohne sich von Bauwerken zu verabschieden, Amputationen eben an einem Stadtkörper vorzunehmen, ist kein Fortkommen. Würden Bauten nicht amputiert, würden wir feststecken in der Vergangenheit. Amputationen schaffen Raum für die Weiterentwicklung, verhindern die Musealisierung, wenn nicht gar die Mumifizierung einer Stadt. Doch wenn die Abrissbirne einen Lebensnerv trifft, das Glied abstirbt und durch eine Prothese ersetzt wird, «ein KUNST-Bein, das nicht einmal passt» (um wieder mit Rimbaud zu sprechen)[3], beraubt uns das der «Gedächtniskomponente» – ein treffender Begriff aus dem Fachartikel «Rekonstruktion als Ensembleschutz».
In «Eingriff als Schrumpfung» wird thematisiert, wie der Zürcher Platzspitzpark nach und nach dezimiert wurde. Die heilsame Wirkung des Phantomschmerzes wird in «Abriss als Initialzündung» dokumentiert, und «Rückbau als Vervollständigung» ist ein Plädoyer dafür, eine Prothese zu entfernen, statt den ganzen Baukörper zu ersetzen.
Rahel Hartmann Schweizer

Wettbewerbe
Residenz | Für lokale Seniorengruppen | Studiertes Erbe

MAGAZIN
Verspieltes Kunstgedächtnis? | Zementlehrpfad im Geopark Breggia | Reha-Klinik fördert Biodiversität | Basel: Denkmalstreit am Messeplatz | Sachsen: Steinzeitbrunnen entdeckt | Bern: Altstadtbeleuchtung saniert

Vervollständigung
Michael Hanak
Der Rückbau des Kongresshauses in Zürich würde den Bau in seiner ursprünglichen architektonischen Konzeption rehabilitieren.

Abriss als Initialzündung
Christian Holl
Nachdem das Kulturforum abgerissen worden war, klaffte in Köln jahrelang ein Loch. Kulturschaffende sprangen in die Lücke.

Eingriff als Schrumpfung
Eeva Ruoff
Städtische Parkanlagen werden oft als Baulandreserve behandelt. Exemplarisch illustriert der Zürcher Platzspitzpark den Schrumpfungsprozess.

Ensembleschutz
Christian Kammann
Die Münchner Studentenwohnlage «Oberwiesenfeld» ist denkmalgeschützt und doch nicht sanierbar. Die Rekonstruktion schützt das Ensemble.

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