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tec21 2006|9
Schlieren beobachten
tec21 2006|9
zur Zeitschrift: TEC21
Verlag: Verlags-AG

Beobachten, wie Schlieren baut

In Schlieren hat eine fotografische Langzeitbeobachtung begonnen. Das Forschungsprojekt der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich soll systematisch registrieren, wie sich die Agglomerationsgemeinde im erwarteten Entwicklungsschub in den nächsten 15 Jahren verändert. Die Arbeit kann im Internet verfolgt werden.

24. Februar 2006 - Ruedi Weidmann
Wer in Schlieren, der westlichen Nachbargemeinde von Zürich, aus dem Bus steigt, findet sich in einem äusserst merkwürdigen Ortszentrum wieder. 13000 Leute sollen hier leben. Aber wo? Eine öde Wiese wird von einem Strassenring umrundet, einige Kleinbauten stehen wie vergessen im Verkehrslärm zwischen Abzweigespuren und Strassenstummeln. Die wohnlichen Teile Schlierens liegen hinter Lärmschutzwänden und Industriearealen versteckt.

Verkehrswunden heilen

Mit dem Eisenbahnbau entstand neben dem Bauerndorf die Metallarbeiterstadt Schlieren. Auf beiden Seiten der Gleise wuchsen Industriequartiere und trennten die Wohnquartiere im Norden und im Süden voneinander. Als 1970 die Achse Zürcher-/Badenerstrasse auf vier Autospuren verbreitert wurde und der Verkehr auch auf der Bernstrasse zunahm, wurde die Stadt noch stärker in mehrere Teile zerschnitten. Die Industriegebiete wurden nie ganz überbaut. Ab den 1980er-Jahren verödeten weitere Teile davon, in anderen ersetzten allmählich Bürobauten, Lagerhallen und Auto-Occasionshändler die Fabriken. Es entstand ein löchriger Flickenteppich, für Fussgänger beschwerlich, städtebaulich disparat und sozial zunehmend segregiert. In den Medien wird Schlieren heute als einer der hässlichsten Orte im Land gehandelt.
Doch Schlieren hat durchaus Trümpfe: seine intakten Wohnquartiere, attraktive Naherholungsgebiete - und viel Bauland an zentralen Lagen. Der Stadtrat will sie endlich ausspielen. 2004 liess er ein Stadtentwicklungsleitbild erarbeiten (vgl. Plan S.8-9). Auf dieser Grundlage lobte er 2005 einen Wettbewerb zur Umgestaltung des Zentrums aus, den das Planungsteam weberbrunner architekten, Zürich, Kuhn Truninger, Zürich, und asa, Uster, gewannen (tec21 9/2005). Der auf den ersten Blick unspektakuläre Vorschlag eröffnet mit einer Verlegung der Hauptverkehrsachse in der schwierigen Situation viel Potenzial. Diese Zentrumsplanung wird derzeit konkretisiert. Daneben bearbeitet die Abteilung Bau und Planung der Stadtverwaltung, ebenfalls auf der Basis des Stadtentwicklungsleitbilds, über ein Dutzend grössere Bauprojekte, Planungen und Arealentwicklungen mit Zeithorizonten zwischen 0 und 15 Jahren (vgl. Plan S.8). Zusammen machen sie laut Stadtingenieur Manuel Peer rund ein Viertel der gesamten Bauzone aus. Schlieren steht vor einem Entwicklungsschub. Geht es nach dem Willen der Behörden, wird in den nächsten 15 Jahren im Zentrum eine dichte Wohn- und Arbeitsstadt mit Wohnanteilen über 60% entstehen. Die Verkehrsführung soll umgekrempelt werden (vgl. Artikel S.17), und auf den Industriebrachen im Westen, Norden und Osten sind gemischte Überbauungen mit ebenfalls hohen Wohnanteilen in Planung. Arbeits-, Wohn- und Lebensqualität sollen sich verbessern und damit auch das Image der Stadt.

Die Veränderung des Raums festhalten

Das fotografische Forschungsprojekt der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich wird in den nächsten 15 Jahren genau beobachten, wie sich diese Projekte und die Massnahmen im Stadtentwicklungskonzept auf den Lebensraum auswirken. Dabei fokussiert es auf den öffentlichen Raum und seine Veränderung. Es soll so aufzeigen, wie sich räumliche Entwicklungen in Agglomerationsgebieten abspielen und inwiefern sie durch Planung gesteuert werden können.
Ulrich Görlich und Meret Wandeler, die das Projekt initiiert haben, wollen damit Methoden zum Einsatz der Fotografie als Wahrnehmungs- und Analyseinstrument für die Raumbeobachtung entwickeln, die auch an anderen Orten benutzt werden können. Den Planern soll das Projekt als Monitoring ihrer Arbeit dienen und Material zur Weiterentwicklung des Instruments Stadtentwicklungskonzept liefern. Schlieren mit seinem für die Agglomeration typischen heterogenen öffentlichen Raum eignet sich als Labor. Die Gemeinde erhält mit den Bildern ein anschauliches Mittel zur Erläuterung der Planungsanliegen an Bevölkerung und Wirtschaft. Als fotografische Ortsgeschichte wird die Dokumentation auch zur Geschichtsschreibung der Alltagskultur in der Agglomeration beitragen. Für ihr eigenes Fach wollen die Fotografen ästhetische und technische Strategien zur Beobachtung räumlicher Prozesse prüfen und möglicherweise auch zur Weiterentwicklung der zeitgenössischen Stadt- und Landschaftsfotografie beitragen.

Sinnlicher Zugang zu Planung

Erstaunlich: Aus den Diskursen über Siedlungsentwicklung ist der Begriff «Bild» nicht wegzudenken, und bei der Vermarktung von Bauland und Immobilien spielen Bilder eine zentrale Rolle. Doch zur Beobachtung und Analyse räumlicher Prozesse werden Bilder in der Schweiz kaum gezielt eingesetzt. Dabei können Fotoserien Entwicklungen sehr einfach darstellen. Das Medium mit seinem spezifischen Realitätsbezug erlaubt es, die im Alltag kaum wahrnehmbare Siedlungsentwicklung, die sich aus mehreren Prozessen mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten zusammensetzt, sinnlich erfahrbar zu machen. Es ermöglicht insbesondere die Darstellung ästhetischer Aspekte, die für das Wahrnehmen und Erleben des Raums, für den emotionalen Bezug zu einem Ort, essenziell sind, aber mit den üblichen Darstellungsformen der Planung (Pläne, Daten, Statistiken) nicht vermittelt werden können. Damit soll das Projekt auch helfen, eine breitere Öffentlichkeit für die Anliegen von Stadtplanung und Agglomerationspolitik zu sensibilisieren.

Die fotografische Methode

In der soeben abgeschlossenen ersten Phase des Projekts wurde anhand der ersten Aufnahmenserie die Methode entwickelt. Damit das Projekt von wechselnden Fotografen durchgeführt werden kann, wurde genau festgelegt, wie fotografiert wird. Ausgehend vom heutigen Zustand und den Themen und Zielen des Stadtentwicklungskonzepts wurden zunächst die Gebiete festgelegt, die beobachtet werden sollen. Abgedeckt werden alle wichtigen Entwicklungsgebiete sowie die Vielfalt der Situationen: zentrumsnahe und periphere Areale, leere und noch genutzte Baugebiete, öffentliche Räume, die aufgewertet werden sollen, aber auch intakte Quartiere ohne Projekte, in denen möglicherweise Auswirkungen der kommenden Entwicklung zu beobachten sein werden. Je nach Entwicklungstempo werden die Orte alle zwei oder alle fünf Jahre wieder fotografiert.

Übersichten

Es werden zwei Arten von Aufnahmen gemacht: Übersichten und Detailbilder. Sie entsprechen zwei verschiedenen Sichtweisen. Die Übersichten werden immer vom gleichen, genau vermessenen Standort aus aufgenommen, und zwar waagrecht, vom Stativ auf Augenhöhe (1.70 m), mit einem Weitwinkelobjektiv und bei gleichmässigem Licht (keine Sonne). Der
Standort muss im Bild nachvollziehbar sein und sich auf öffentlichem Grund befinden. Die Übersichten erfassen die ausgewählten Gebiete aus verschiedenen Richtungen; insgesamt sind es rund 60.
Die Übersichten zeigen Ensembles aus Gebäuden, Strassen und Freiräumen. Auf den ersten Blick wirken sie leer. Sie schauen von Arealgrenzen oder Platzrändern her in den weiten, tiefen Raum, in dem Veränderungen erwartet werden. An den Bildrändern werden Dinge angeschnitten: Arealgrenzen, Randsteine, Rabatten, Gartenmauern oder Hausecken. Sie deuten die Fortsetzung des abgebildeten Raums ausserhalb des Bildes an und enthalten kleine Zeichen, die wesentliche Informationen über den Kontext, die Nutzung und den Zustand eines Ortes liefern. Die Auflösung der Bilder ist mit 8 Mio. Pixel so hoch, dass diese Details deutlich sichtbar sind. Alle zwei oder fünf Jahre werden die Übersichten genau gleich wieder aufgenommen. Mit fortschreitender Bautätigkeit werden sich Teile der Bildausschnitte verändern; die entstehende Sequenz wird die Entwicklung zeigen.

Detailfotos

Die Detailfotos hingegen werden bei sonnigem Wetter mit einer dem Normalobjektiv entsprechenden Brennweite aus der Hand geschossen und haben einen Gegenstand im Zentrum: ein Gebäude, einen Hauseingang, eine Baumaschine, eine Gartenwirtschaft usw. Innerhalb der Areale, die von den Übersichten grossräumig überblickt werden, fokussieren die Detailfotos auf typische Elemente, Orte, Artefakte und Materialien, die für den Charakter und die
Stimmung eines Gebiets bestimmend sind und exemplarisch für die Art seiner Gestaltung. Rund 90 Detailfotos wurden in der ersten Runde gemacht. Sie werden ebenfalls nach zwei oder fünf Jahren wiederholt, jedoch nicht an den exakt gleichen Stellen. Detailfotos werden nicht nur gebietsweise, sondern auch themenbezogen aufgenommen. Diese Serien zeigen beispielsweise Hauseingänge oder Schaufenster in der ganzen Stadt und werden so einmal eine Gesamtentwicklung aufzeigen können.
Zentral für das Projekt ist die Frage, welche räumlichen Veränderungen bewusst wahrgenommen werden und welche sich unterhalb der Wahrnehmungsgrenze abspielen. Die Langzeitbeobachtung stellt prägnante Veränderungen und massive Eingriffe den kleinen, langsamen und kontinuierlichen Veränderungen gegenüber. Sie will so unterschiedliche Tempi verschiedener Prozesse sichtbar machen und zeigen, wie stark auch kleinere Eingriffe den Charakter und die Atmosphäre von Lebensräumen verändern.

Keine Menschen, aber Lebensspuren

Menschen sind auf den Bildern nicht zu sehen. Das scheint im Widerspruch zur Absicht zu stehen, Anknüpfungspunkte für emotionale Bezüge zur Stadt zu erfassen. Doch die Projektentwickler begründen den Entscheid überzeugend: Sobald ein Mensch auf einem Bild ist, lesen wir es als Ausschnitt aus einer Geschichte und interpretieren den Raum in Abhängigkeit von der Figur: Ein frierender Bettler macht eine Gegend kalt und abweisend, ein tanzendes Kind macht sie zum friedlichen Garten. Ein Vergleich der abgebildeten Räume würde so unmöglich.
Hingegen sind die Bilder voller Lebensspuren; die Menschen sind in Zeichen sichtbar. So erlauben etwa die Details in einem Zeitschriftenaushang, auf häufige Nationalitäten und die Altersstruktur des Publikums zu schliessen. Der fotografische Blick konzentriert sich auf die Gestaltung. Er fragt: Wie richten sich die Menschen ein? Wenn in einigen Jahren Sequenzen vorliegen, die den Wandel dokumentieren, dann wird die Lebendigkeit der Räume selber sichtbar werden, die im Alltag unsichtbar ist, weil wir uns jeweils zu schnell an Neuerungen gewöhnen.

Öffentliche Datenbank

Die Fotos werden fortlaufend in einer Bilddatenbank abgelegt, die ab Ende April 2006 über das Internet öffentlich zugänglich sein wird. Zu jedem Bild wird eine genaue Beschreibung verfasst, die den Bestand, die involvierten Akteure und die erwartete Entwicklung umfasst. Die Bilder können nach Gebiet oder nach Thema oder über den Stadtplan aufgerufen werden.
Alle fünf Jahre erfolgt eine Zwischenauswertung aus fotografischer und raumplanerischer Perspektive. 2020 wird die Datenbank rund 800 Bilder umfassen. Nach Abschluss des Projekts sind eine Publikation und eine Ausstellung geplant. Das Schlieremer Bauamt überlegt sich, wie es die Bilder schon vorher für die öffentliche Diskussion der Planung oder etwa auch als Postkarten nutzen könnte.
Ein neuer Blick auf die Agglomeration?
Alles in allem ist die Sichtweise in beiden Bildkategorien nüchtern, neutral und vor allem genau. Das Konzept zwingt zu einer systematischen, möglichst objektivierten Sichtweise. Der Gefahr des subjektiven Blicks beim Fotografieren wird mit den genauen Regeln begegnet, nach denen die Aufnahmen wiederholt werden müssen. Kriterium für die Sujet-Auswahl ist nicht die ästhetische Qualität eines Ortes, sondern sein bauliches Veränderungspotenzial. Das Vorgehen generiert Bilder, die sich - für die Fotografin und den Fotografen überraschend deutlich - von denen unterscheiden, die sie sich bisher von der Agglomeration machten. Frappierend ist beispielsweise, wie die Systematik der Aufnahmen den Charakter der Gebiete verdeutlicht. Jedes Quartier scheint seine eigenen Gestaltungsprinzipien zu kennen. In der umgenutzten ehemaligen Waggonsfabrik gestalten Gewerbebetriebe ihre Aussenräume offensichtlich bewusst für Betrachter, also ihre Kunden (Bilder 11-18). Die spezifischen ästhetischen Merkmale unterscheiden das Areal klar von Schlieren West, wo man sich nicht um ästhetische Kundenwünsche schert - aber durchaus auch gestaltet (Bilder 3-10). Deutlich sichtbar wird auch, was Biologen schon lange wissen, nämlich dass Brachen alles andere als leer sind. Neben Pionierpflanzen und Tieren siedeln hier auch vielfältige Zwischennutzungen.

Was zeigen die Bilder?

Wer wird die Fotos dereinst brauchen? Das scheint heute durchaus offen. Die Stadtplaner wollen sie als Spiegel ihrer Arbeit nutzen und an ihnen in 15 Jahren ihr Stadtentwicklungskonzept überprüfen. Schon jetzt bewirken sie beim Planer Peter Wolf einen Lernprozess: Beim Verfassen der Bildbeschreibungen müsse er genauer als sonst überlegen, was die vorgeschlagenen Massnahmen an den fotografierten Orten konkret bewirken und wann welche Entwicklung möglich sein werde. Auch bei Stadtingenieur Manuel Peer schärfen die Bilder den Blick; spannend werde es ab der zweiten Runde, wenn erste Veränderungen sichtbar werden und man sich und dem Volk Rechenschaft ablegen könne. Gut möglich, dass die Fülle an Informationen auf den Bildern auch Auswertungen zulässt, an die heute noch gar niemand denkt.
Ein Effekt der Bilder könnte auch sein, bewusst zu machen, dass sich in Schlieren während des jahrelangen Stillstands auf gewissen Arealen durchaus starke lokale Identitäten entwickelt haben. Vergleicht man die Bilder von improvisierten Gartenwirtschaften und vom Sommerflieder auf den Industriebrachen mit der blechernen Ästhetik in der bereits umgenutzten Waggonsfabrik, wird deutlich, dass die Entwicklung nicht auf leerer Fläche stattfindet, sondern ihren Preis haben wird. Auf den Bildern werden in den nächsten 15 Jahren alle sehen können, wie weit die Stadtplanung greift, was gewonnen wird, aber auch, was in der Euphorie verloren geht.

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Für den Beitrag verantwortlich: TEC21

Ansprechpartner:in für diese Seite: Judit Soltsolt[at]tec21.ch

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