Zeitschrift

TEC2 2011|45
Prime Tower
TEC2 2011|45
zur Zeitschrift: TEC21
Verlag: Verlags-AG
Viel Häme ist über den Prime Tower ausgeschüttet worden, seit die Zürcher Architekten Gigon / Guyer 2004 den von der Swiss Prime Site ausgeschriebenen internationalen Studienauftrag gewonnen haben. In der Tat fällt es schwer, sich unvoreingenommen mit dem 126 m hohen Bau auseinanderzusetzen. Das liegt allerdings nicht am Prime Tower selbst. Vielmehr ist es die zwiespältige Einstellung der Schweiz und insbesondere Zürichs zu Hochhäusern, die eine nüchterne Diskussion verhindert.

Hochhäuser sind emotional besetzt. Sowohl Fachleute als auch Laien neigen daher zu radikalen Urteilen. Nach der Euphorie der fortschrittsgläubigen Nachkriegszeit mutierte der Bautypus zum Sündenbock für Probleme, die mehr mit sozialen und infrastrukturellen Gegebenheiten als mit Architektur zu tun hatten; eine 1984 vom Zürcher Stimmvolk angenommene Initiative verbot den Bau von Hochhäusern in der Innenstadt. Erst um die Jahrtausendwende schwenkte die öffentliche Meinung um: Das Verbot wurde gelockert und die Volksinitiative «40 Meter sind genug» 2009 an der Urne abgelehnt. Dieses zeitgeistbedingte Wechselbad lässt an der Sachlichkeit heutiger Wertungen zweifeln.

Zurzeit gelten Hochhäuser jedenfalls als wertvolle Landmarks im Stadtbild und als Symbole von Macht und Erfolg. Dabei entlarven sie allerdings auch, wie viel es braucht, um andere offiziell zu überragen: In Zürich sind es gerade einmal 25 m – ab dieser Höhe gilt ein Gebäude gemäss kantonalem Planungs- und Baugesetz als Hochhaus. Auch das medial aufgeblähte Wetteifern der beiden Nichthauptstädte Zürich und Basel um das höchste Gebäude der Schweiz[1] mutet im internationalen Vergleich skurril an: Das aktuell höchste Gebäude der Welt, der 2010 erbaute Burj Khalifa in Dubai, misst 830 m, der 1889 fertiggestellte Eiffelturm immerhin 300 m.

Der Prime Tower ist kein Wolkenkratzer, dafür ist er zu niedrig. Dies wird ihm ebenso oft vorgeworfen wie die Tatsache, dass seine Höhe den Massstab der benachbarten Altbauten sprengt. Er ist auch kein Turm, sondern eine Scheibe, weil seine Grundrisse bezüglich Sicherheit und Wirtschaftlichkeit optimiert sind. Dennoch bietet er immer wieder neue, unerwartet elegante Ansichten. Trotz allen Einschränkungen ist es dem Projektteam gelungen, ein differenziert auf den Kontext reagierendes Gebäude mit vielfältigen öffentlichen und halböffentlichen Aussenräumen zu realisieren.
Judit Solt

Anmerkung:
[01] Seit 1978 konnte Zürich mit Hardau 1 das höchste Gebäude der Schweiz vorweisen (Max Peter Kollbrunner, 93 m), bis dieses Fanal des gemeinnützigen Wohnungsbaus 2003 vom Basler Messeturm entthront wurde (Morger & Degelo & Daniele Marques, 105 m). Der Prime Tower wiederum soll ab 2015 vom Roche-Hochhaus (Herzog & de Meuron, 175 m) überragt werden.

05 WETTBEWERBE
Umnutzung Transitlager Münchenstein | Kunst am Fachhochschulneubau, Olten

14 MAGAZIN
Ein vielschichtiges Haus | Leserbriefe | Hoch H(in)aus

22 FLIRRENDER KOLOSS
Jutta Glanzmann
Gut Architektur: Der Prime -Tower ist Teil der rasanten Transformation von Zürich West. Er überzeugt mit einer sorgfältig gewählten Volumetrie, einer immer wieder anders erscheinenden Fassade und sinnvollen Erdgeschossnutzungen.

29 SKELETT AUF PFÄHLEN
Gregorij Meleshko
Ingenieurwesen: Das Tragwerk des Prime Tower ist ein Skelett aus Ortbetonwänden, vorfabrizierten Stützen und Flachdecken – ein schweres Tragsystem, aber bezüglich Ausführung und Integration der Haustechnik vorteilhaft und dank ausgewogenem Kräftefluss auch effizient.

34 ENERGIE AUS WASSER UND LUFT
Eric Pusztaszeri
Gebäudetechnik: Wärmepumpen und Eisspeicher reichen in der Regel aus, um den Prime Tower zu heizen bzw. zu kühlen. Ausstellbare Fenster, erhöhte Lüftungsmengen und hohe Schallschutzanforderungen steigern den Komfort.

38 SIA
Abschied von Daniel Kündig | Veranstaltungen | Der Präsidentschaftskandidat steht | EK: Stand der sieben Aktivitäten | Revision Bauhandwerkerpfandrecht | Beitritte zum SIA im 3. Quartal 2011

46 FIRMEN

53 IMPRESSUM

54 VERANSTALTUNGEN

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Verlags-AG der akademischen technischen Vereine

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