Die Villa Rezek – das rekonstruierte „Glas-Haus“
Mit der Villa Rezek ist ein vergessener Schatz der Wiener Moderne wiederentdeckt worden. Jetzt erschien auch ein Buch über die Familie Rezek und ihr Haus
Die Wilbrandtgasse in Wien-Währing folgt dem grünen Kamm eines Ausläufers des Wienerwaldes. Steigt man zu ihr hinauf, wird die Luft frischer, kühler, waldiger. Ein Kontrast, der vor 92 Jahren noch deutlicher gewesen sein muss, als in Wien mit Holz und Kohle geheizt wurde und die Tuberkulose noch grassierte, die der Wiener Oberstadtphysikus Dr. August Böhm eine „Wohnungskrankheit“ nannte.
Zu jener Zeit suchte das junge Arztehepaar Philipp und Anna Rezek für sich und die kleinen Kinder Esther und Susanne ein neues Zuhause abseits von Rauch und Enge. Anna, aus einer wohlhabenden jüdischen Familie stammend, hatte soeben geerbt, man investierte in ein neues Haus – eines mit viel Licht, Luft und Sonne. Wie viele jüdischen Wiener Bürger der Zwischenkriegszeit waren die Rezeks der Moderne aufgeschlossen, man interessierte sich für Wissenschaft, Psychologie, Musik, Kunst und die Verbindungen dazwischen.
Dass die Architektur diesen freien Geist der Gegenwart widerspiegeln sollte, verstand sich von selbst. In Hietzing hatte sich das Fabrikanten-Ehepaar Julius und Margarete Beer 1930 von Josef Frank und Oskar Wlach die Villa Beer entwerfen lassen, die Rezeks wählten einen weniger bekannten Architekten: Hans Glas. Ein ideales Grundstück fand sich im September 1932 in der Wilbrandtgasse 37. Im Frühjahr 1934 zog die junge Familie ein.
Licht, Luft, Sonne
Den Wunsch nach Licht, Luft und Sonne hatte Hans Glas perfekt umgesetzt. Vier Geschosse mit nach Süden orientierten Terrassen, deren weiß lackierte Metallgeländer an die Reling von Schiffen erinnerte. Große Fenster mit ausgeklügelten Mechanismen, die ursprünglich für Tuberkulose-Spitäler entwickelt wurden. Ein Wintergarten, dessen Fensterfront sich komplett im Boden versenken ließ. Auch die Ausstattung der Küche war für damalige Verhältnisse High-Tech: Elin-Elektroherd, amerikanische Sunbeam-Küchenmaschine, Electrolux-Kühlschrank, Speisenaufzug. Das nach Süden orientierte Wohn- und Esszimmer bot Raum für Klavierabende, an der schattigen Straßenseite wurde eine Bibliothek und ein kleines Labor für die Behandlung der Patienten von Philipp Rezek eingerichtet. Für den steil abfallenden Garten schuf der Landschaftsarchitekt Albert Esch eine Fortsetzung der Terrassen und Räume im Freien.
Doch das weltoffene, moderne Wien war bedroht, und der Einmarsch der Nationalsozialisten 1938 beendete es abrupt. Die Rezeks flohen in die USA und ließen sich in Miami nieder, die Bibliothek und die Möbel wurden in Containern verschifft, das Haus wurde „arisiert“. Zwar wurde es nach dem Krieg 1953 restituiert, doch die Rezeks wollten nicht ins Österreich der Shoah zurück und verkauften es umgehend weiter.
Heute lässt sich wieder nachspüren, wie der moderne Wohnalltag der Rezeks vor der Vertreibung ausgesehen hat – und dabei sah es noch vor wenigen Jahren nicht danach aus. Denn als die Villa 2010 unter Denkmalschutz gestellt wurde, rissen die damaligen milliardenschweren Besitzer die noch erhaltenen Einbauten komplett heraus. Ein zweiter Akt der Verwüstung, der 72 Jahre nach der Vertreibung. Die Provinzialität, auf die Wien nach Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bürger zurückgeschrumpft war, schien zu triumphieren.
Spurensuche nach Möbel
Doch dann kam der junge Architekt Max Eisenköck ins Spiel, der die Villa Rezek von 2020 bis 2024 in enger Abstimmung mit dem Bundesdenkmalamt restaurierte. Er stellte die zerstörten Einbauten wieder her, begab sich auf Spurensuche nach Möbeln und nahm Kontakt zu den Enkelkindern der Familie Rezek auf. „Ich habe mir die Frage gestellt, wie man rekonstruiert, wenn es kaum Spuren und Substanz gibt“, sagt Eisenköck. „Im Laufe des Projektes hat sich eine Dynamik ergeben, die immer mehr in Richtung Wiederherstellung des Urzustandes von 1933 ging. Bei der Restaurierung mussten wir vielerorts auf die Suche nach Spuren in der Substanz gehen.“
Heute ist das Haus bei Führungen für die Öffentlichkeit zu besichtigen – eine Erfahrung, die manche Erwartungen korrigiert, so Eisenköck. „Viele Besucher waren anfangs irritiert, weil sie sich aufgrund der modernen äußeren Erscheinung ein Bauhaus-Interieur erwartet hatten. Die Wiener Moderne von Adolf Loos und Josef Frank zeichnete sich jedoch durch eine ganz andere, behaglichere Möblierung und Ausstattung aus, die vom Biedermeier und der englischen Wohnkultur geprägt war.“
Ein lediglich hübsch anzuschauendes Möbelmuseum soll die Villa Rezek jedoch nicht sein. Denn im Zuge der Restaurierung hat das Haus immer mehr begonnen, zu erzählen. „Zu Beginn war das Projekt sehr architekturlastig, dann kam nach und nach immer mehr Zeitgeschichte dazu. Es geht mir nicht in erster Linie um das Haus selbst, sondern darum, die Geschichte erlebbar zu machen.“
Dialog mit der Geschichte
Diese Zeitgeschichte lässt jetzt, hervorragend aufbereitet, in einer Buchpublikation der Kunsthistorikerin Caroline Wohlgemuth nachlesen. Der Titel Das Glas Haus: Wien 1933. Vertriebene Visionen macht bereits deutlich, dass hier die Erinnerungsarbeit im Vordergrund steht. Es ist kein dekoratives Coffee-Table-Book, und auch Stefan Oláhs schöne Fotografien des heutigen Zustands verstehen sich als Dialog mit den gleichen Blickwinkeln der Bilder aus den frühen 1930er-Jahren.
„Glas-Haus“ – das ist auch jener Name, den die Rezeks und ihre Enkelkinder dem Wohnhaus selbst gaben. Es zeugt auch vom Respekt der Bauherren für den Architekten. „Hans Glas hatte ein sehr enges, freundschaftliches Verhältnis zur Familie Rezek“, sagt Caroline Wohlgemuth. „Er hat den Kindern erklärt, wie die Fenster funktionieren und er hat auch die Räume für die Dienstboten auf deren Bedürfnisse abgestimmt.“
Vor allem aber lässt das Buch anhand der Geschichte von Familie und Villa Rezek eine kulturelle Blütezeit wieder aufleben, was deren brutales Ende in um so schärferen Konturen spürbar macht. „Erzwungene Emigrationen wie diese bedeuteten neben all den menschlichen Tragödien auch das abrupte Ende der Blüte moderner Architektur und der Wiener Wohnkultur“, heißt es im Buch. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen die meisten vertriebenen Künstler und Architekten nicht mehr nach Österreich zurück. „Der Verlust war unwiederbringlich – ein Riss in der Zeit, gefolgt von jahrzehntelangem Verschweigen, Verdrängen und Vergessen.“ Eine Rekonstruktion kann den Riss in der Zeit zwar nicht heilen – aber sie kann das Verschweigen und Vergessen beenden.
Buchtipp: Caroline Wohlgemuth, Maximilian Eisenköck, Stefan Oláh,„Das Glas Haus. Wien 1933. Vertriebene Visionen“, 192 Seiten/EUR 40,50, Park Books 2025