Bauwerk

Bibliothek Cottbus, IKMZ BTU
Herzog & de Meuron - Cottbus (D) - 2005
Bibliothek Cottbus, IKMZ BTU, Foto: Margherita Spiluttini
Bibliothek Cottbus, IKMZ BTU, Foto: Margherita Spiluttini
Bibliothek Cottbus, IKMZ BTU, Foto: Margherita Spiluttini
Bibliothek Cottbus, IKMZ BTU, Foto: Margherita Spiluttini

Gestalt und Gestaltlosigkeit

Am Angelpunkt zwischen Innenstadt und Universitätsgelände ist in Cottbus eine neue Bibliothek entstanden. Herzog & de Meuron, die hier – anders als vor einigen Jahren in Eberswalde – auch das Innere gestalten konnten, realisierten einen Baukörper, der mit seinem Oszillieren zwischen repräsentativer Geste und beiläufiger Gestalt auch für den heutigen Umgang mit der Organisation des Wissens steht.

15. April 2005 - Hubertus Adam

Studenten, so sagt man mir, sind nicht unzufrieden mit ihrer Stadt. Während das Geld anderenorts gerade einmal für ein bescheidenes Zimmer in einem Wohnheim reicht, kann man in Cottbus, der zweitgrössten Stadt Brandenburgs, grosszügige Räume in unrenovierten Gründerzeitvillen beziehen. Und darüber hinaus zahlt die Stadt den Studenten, die hier ihren Erstwohnsitz anmelden, eine erkleckliche Summe – damit die Bevölkerungszahl nicht unter die magische Grenze von 100 000 sinkt und Cottbus seinen mit Zuwendungen der öffentlichen Hand verbundenen Status als Grossstadt verliert. Diese Gefahr besteht ständig, da die Hauptstadt der Niederlausitz wie andere Städte im Osten Deutschlands unter Bevölkerungsschwund und Rezession leidet. Der nahe Spreewald und der am südöstlichen Stadtrand gelegene Branitzer Park des Fürsten von Pückler-Muskau sind touristische Attraktoren ersten Ranges, doch die Nähe zu Berlin, das eine gute Autostunde entfernt ist, hat diese Orte zu Zielen von Tagesausflügen werden lassen, von denen Cottbus wenig profitiert. Auch das Lehrpersonal der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU), das sich ohnehin zum grössten Teil aus der Bundeshauptstadt rekrutiert, ist zu einem Wohnungswechsel kaum zu motivieren: Wer in den Kiezen von Schöneberg oder Wilmersdorf, von Charlottenburg oder Prenzlauer Berg sozialisiert ist, sehnt sich nicht nach abendlichen Rundgängen durch die eher öde Innenstadt von Cottbus. Als ich im Städtischen Theater, einem hervorragend erhaltenen Jugendstil-Bau des Architekten Bernhard Sehring, ein Konzert besuche, senke ich den Altersdurchschnitt erheblich. Immerhin, es wird nicht nach jedem einzelnen Satz von Bartók geklatscht.

Hoffnungsträgerin Universität

Die BTU, nach der Wende aus der früheren Hochschule für Bauwesen und einigen anderen Instituten hervorgegangen, ist eine der wenigen Hoffnungsträgerinnen für Stadt und Region. Der Campus, ein aus DDR-Zeiten stammendes Ensemble aus rektangulären Baukörpern, befindet sich nordwestlich der Innenstadt und grenzt im Osten an die stark befahrene Magistrale der Karl-Marx-Strasse, welche das Unigelände in direkter Nord-Süd-Richtung mit dem Hauptbahnhof verbindet. 1994 lobte das Land Brandenburg einen Wettbewerb aus, um mit einem zentralen Hörsaalgebäude und einer Bibliothek für die nunmehr gewachsene BTU jene zentralen Einrichtungen zu schaffen, an denen es bislang mangelte. Herzog & de Meuron erlangten in dieser Konkurrenz den zweiten Platz – mit einem Konzept, das auf dem östlich der Karl-Marx-Strasse gelegenen Erweiterungsgelände zwei solitäre Baukörper zu errichten vorsah, deren orthogonale Gestalt durch den bestehenden Raster der gegenüberliegenden Universitätsbauten bestimmt war. Die Bibliothek sollte aus einem rechteckigen Volumen mit drei ebenfalls rechteckigen Lichthöfen bestehen.

Als die Planung 1998 wieder aufgenommen wurde, war das Auditorium Maximum nach dem Entwurf des erstplatzierten Büros KSP an einer anderen Stelle errichtet worden, und zwar inmitten des bestehenden Campus. Weil nun nur noch ein einziges Gebäude auf der Erweiterungsfläche visà- vis zu errichten war, unterzogen Herzog & de Meuron ihr Bibliotheksprojekt einer grundsätzlichen Neukonzeption. Aus dem strengen, orthogonalen Block wurde nach mehreren Stufen der Überarbeitung ein komplexes Volumen über einem amöbenförmigen Grundriss. Diese Form, die aus sich überlagenden Kreisen verschiedener Grössen entwickelt ist und zunächst eher beliebig erscheint, reagiert auf die städtebauliche Situation: Nach Westen hin, zur Karl-Marx-Strasse, öffnet sie sich in einer einladenden Geste Richtung Universität; nach Südosten hin, Richtung Innenstadt, empfängt sie die Besucher aus dem Cottbuser Zentrum. Programmatisch steht die neue Bibliothek – im politisch korrekten, aber schwerfälligen Neudeutsch als Informations-, Kommunikationsund Medienzentrum (IKMZ) bezeichnet – jedem Interessenten offen und besetzt deswegen folgerichtig einen städtebaulichen Angelpunkt zwischen Stadt und Universität. Neben 5000 Studierenden bedient das IKMZ ausserdem 7000 universitätsexterne Leser.

Fast wäre das Projekt aufgrund der Finanzknappheit im Jahr 2000 zum Erliegen gekommen. Herzog & de Meuron mussten ihren Entwurf noch einmal revidieren, und das hiess nun: dem reduzierten Budget anpassen. Ein runder Lichthof wurde gestrichen, die Ausstattung im Inneren musste sparsamer ausfallen. Vor allem aber war es angesichts der Grundwassersituation nicht möglich, zwei Untergeschosse unterhalb des Bodenniveaus zu realisieren. Um eine kostspielige und zeitverzögernde Neuplanung zu vermeiden, entschied man sich, das Gebäude gleichsam anzuheben und die Umgebung aufzuschütten, so dass die Bibliothek nun aus einem Hügel herauswächst.

Innen und aussen

Wer die Anfang Februar offiziell eröffnete Bibliothek besucht, muss konzedieren, dass all die Veränderungen dem Projekt nicht geschadet haben. Der 32 Meter aufragende Baukörper, dessen doppelte Glasfassaden beidseitig mit einem Muster aus überdruckten Buchstaben verschiedener Sprachen versehen sind – Christine Binswanger sprach von einem «babylonischen Sprachengewirr » –, oszilliert zwischen Offenheit und Hermetik. Dadurch, dass das All-over der Fassaden die Geschosseinteilung überspielt, wirkt das Volumen kompakt, ja monumental, beinahe erhaben; es verändert ständig seine Gestalt, erscheint bald als Turm, bald als Festung – und ist doch anziehend und einladend. Es distanziert sich von der ruppigen Umgebung, die mit verstreuten Bauten eher die Anmutung einer Stadtbrache aufweist, aber es reagiert eben mit seinen vier konvexen Ausbauchungen und seinen vier konkaven Einschnürungen auch auf die vorgefundene Situation.

Tritt man in das Innere, so ergibt sich ein vollständig anderer Eindruck. Von dem Durchgang aus, der die stadtund universitätsseitigen Eingänge verbindet und von dem aus auch die Cafeteria zugänglich ist, gelangt man in das Foyer – und damit in ein Universum von fast überbordender Farbigkeit. Über das Unter- und Erdgeschoss schichten sich sechs frei zugängliche Bibliotheksebenen, das oberste Geschoss ist der Bibliotheksleitung und der Verwaltung vorbehalten. Keine der aus Beton gegossenen Geschossplatten füllt die gesamte Ebene aus; mehrfach wechselnd, bleiben in den Ausbauchungen Abschnitte frei, die zum Teil zwei, mal auch drei Geschosse überspannen. Das gesamte Bibliotheksinnere bildet also einen kontinuierlichen Raum, der sich durch sämtliche Stockwerke zieht; als vertikale Erschliessung dient eine expressiv ausgebildete Beton-Wendeltreppe im Norden, dazu treten zwei überdies der Aussteifung dienende Serviceund Liftkerne. Die lichten Bereiche in den Ausbauchungen dienen als Lesesäle – insgesamt bietet die Bibliothek ihren Nutzern rund 600 Arbeitsplätze für Nutzer; die Farbigkeit ist hier mit weissen, von Herzog & de Meuron entworfenen Kunststofftischen, grauen Bodenbelägen, weissen Eames- und Jacobsen-Stühlen sowie Stehleuchten von Arne Jacobsen und ebenfalls von den Architekten geplanten Spiral-Leuchtern reduziert gehalten und dient der Konzentration. Demgegenüber zeigen sich die niedrigeren Bereiche im Inneren des Gebäudes bunt: Die Kautschukböden, auf denen die Stahlregale der Freihandbereiche stehen, gliedern sich in jedem Geschoss in parallele farbige Streifen – und zwar in westöstlicher Richtung in der Abfolge gelb, grün, magenta, rot und blau. Die Se- 73 quenz ist in jedem Geschoss identisch; Farbe wird hier also nicht als Leitsystem eingesetzt und dient auch nicht der Markierung von bestimmten Sammlungsbereichen. In der Wendeltreppe, die sich auf der Grenze zwischen dem grünen und dem magentafarbenen Bereich befindet, verschlingen sich die beiden Farben zu einem furiosen Wirbel. Sie intensivieren sich durch die Spiegelungen in den Regalen und den Streckmetallverkleidungen unterhalb der Decke; Streckmetall wurde im Übrigen auch für die Kojen der Einzelarbeitsplätze, so genannte Carrels, und zur Trennung der öffentlichen Zonen von den Arbeitsbereichen der Mitarbeiter eingesetzt.

Wissensorganisation im Wandel

Im Gegensatz zu ihrem Bibliotheksbau in Eberswalde ( archithese 1.2000) konnten Herzog & de Meuron in Cottbus ihre räumlichen Vorstellungen auch im Inneren umsetzen. Dass hier durchaus mit einfachen Materialien gearbeitet werden musste, etwa mit Streckmetall oder mit simplen Regalsystemen, stärkt eher das Konzept; eine prätentiöse Detaillierung wäre im spröden Kontext von Cottbus fehl am Platz gewesen. Die Architekten aus Basel haben ein Gebäude realisiert, das sich funktional zeigt und überaus angenehm zu nutzen ist.

In der heutigen Zeit, in der mit der digitalen Revolution neue Formen der Wissensakkumulation entstanden sind, hat die klassische Bibliotheksrotunde, bei der sich das Wissen der Welt radial um das intelligible Individuum gruppiert, ausgedient; in Cottbus ist an ihre Stelle eine zunächst amorph erscheinende Form getreten, in welcher die klassische Kreisform zu miteinander verbundenen Blasen verschiedener Grössenordnung mutiert zu sein scheint, die durch Abschnürung zu Filiationen werden könnten. Konzeptionell zeigt der Cottbuser Bau in seiner Bildlichkeit eine prozessuale Architektur und repräsentiert damit den heutigen, im Fluss befindlichen Umgang mit der Organisation des Wissens. Form und Formlosigkeit finden zusammen – auch im Bedrucken der Fassaden. Herzog & de Meuron rufen mit ihrem Volumen durchaus Elemente des Monumentalen, das historischen Bibliotheken eignete, in Erinnerung, um dann doch die Starre in Geschmeidigkeit aufzulösen. Fest und flüssig, hart und weich, geformt und amorph finden hier auf spannungsvolle Weise zusammen.

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