Bauwerk

Science Center Phæno
Zaha Hadid Architects, Mayer Bährle - Wolfsburg (D) - 2005
Science Center Phæno, Schaubild: Zaha Hadid Architects

Fest und flüssig

Das Phæno in der VW-Stadt Wolfsburg kann man als die kommunale Antwort auf die konzernaffine Autostadt jenseits des Mittellandkanals verstehen. Zaha Hadid ist eine spektakuläre Grossskulptur gelungen, welche als Monument das Konglomerat urbanistischer Fragmente überragt.

21. Juni 2006 - Hubertus Adam

Im Jahr 1996 hielt der erste Inter City Express in Wolfsburg. Spätestens jetzt, wo Berlin in knapp einer Stunde Fahrzeit erreichbar wurde, ging es darum, die Jahrzehnte lang im Schatten der innerdeutschen Grenze gelegene Stadt neu zu positionieren. Wolfsburgs provinzielles Image resultierte indes nicht nur aus der früheren geografischen Randlage, sondern auch aus der Tatsache, dass es der Stadt grundsätzlich an urbanen Qualitäten mangelte. Eigentlich war Wolfsburg seit jeher ein Anhängsel des Volkswagenwerks – und daran hat sich auch in jüngster Zeit trotz verschiedener Anstrengungen nicht viel geändert.

Urbanistische Defizite

Die 1938 nahe der Ortschaft Fallersleben gegründete und nach Entwürfen des jungen österreichischen Architekten Peter Koller für 100 000 Bewohner projektierte «Stadt des KdFWagens » bestand bei Kriegsende aus der riesigen teilzerstörten Autofabrik, einigen versprengten Siedlungsgevierten sowie endlosen Barackenlagern. Wolfsburg, wie die Stadt seit 1945 heisst, wurde mit dem im Volkswagenwerk vom Band laufenden Käfer der Inbegriff des deutschen Wirtschaftswunders. Städtebaulich orientierte man sich am skandinavischen Modell einer weitläufigen, durch Grünzüge gegliederten Siedlungsstruktur von geringer Dichte, daneben entstanden an der schon von Koller geplanten Haupterschliessungsachse Porschestrasse die wichtigen Bauten mit Zentrumsfunktion, so das (mit seiner gesamten Ausstattung erhaltene und unlängst vorbildlich restaurierte) Kulturhaus von Alvar Aalto (1962) und das Stadttheater von Hans Scharoun (1973). Erst zwanzig Jahre später, 1994, wurde das architektonisch eher grobschlächtige Kunstmuseum des Architekturbüros Schweger + Partner in das Ensemble am Südende der Porschestrasse integriert.

Die wesentliche Initiative zur Attraktivitätssteigerung der Stadt ging in den Neunzigerjahren vom VW-Konzern aus. Rechtzeitig zur Expo2000 in Hannover entstand auf der Nordseite des VW-Werk und Stadt trennenden Mittellandkanals die Autostadt – ein Themenpark mit Automuseum, Fünf-Sterne-Hotel und «Markenpavillons», in dem sich die dem VW-Imperium angehörenden Marken präsentieren. Auch wenn die Autobauer mit dem Architekten Gunter Henn nicht eben einen Visionär beauftragten: Die eher enttäuschende Inszenierung der Autostadt ist so erfolgreich, dass die Stadt ihrerseits in Zugzwang geriet. Wollte man von dem Touristenstrom profitieren, so musste im Bereich des Bahnhofs etwas geschehen. Flankiert von Billigsupermärkten und in den vergangenen Jahrzehnten als Fussgängerzone mit Stadtmöbeln und Imbisspavillons ausgestattet, steht die Porschestrasse geradezu paradigmatisch für mehrere Dezennien urbaner Fehlentwicklung, und Aaltos Kulturhaus mit seinen bescheidenen Proportionen sowie einer wunderbaren Materialisierung wirkt in einem Meer von schlechtem Geschmack wie eine Insel der Seligen.

Geradezu verheerend zeigte sich die Situation am «Nordkopf » – also dort, wo die Porschestrasse auf Gleistrassen und Mittellandkanal stösst. Nach einem – nur zum Teil umgesetzten – Plan des Berliner Architekturbüros Léon Wohlhage hat man in den vergangenen Jahren versucht, den ausgefransten Stadtrand im Bereich des Bahnhofsvorplatzes zu konturieren. Gelungen ist das nicht, wie die mediokren Bauten gegenüber dem denkmalgeschützten Hauptbahnhof aus den Fünfzigerjahren beweisen.

Inmitten architektonischer Banalität und urbanistischer Verfehlungen wirkt das Ende 2005 eröffnete, Phæno getaufte Wissenschaftsmuseum von Zaha Hadid wie die Botschaft aus einer anderen Welt.

Grossskulptur aus Beton

Phæno ist die Antwort der Stadt auf die konzernaffine Autostadt jenseits des Kanals. Um dem Themenpark etwas entgegenzusetzen – und entgegensetzen bedeutet in einer Stadt, in der ohne VW gar nichts läuft, komplementär ergänzen –, propagierte der vormalige Kulturdezernent Wolfgang Guthardt entsprechend dem City Branding als Wissenschaftsstandort die Idee eines Science Museum. Im Zeitalter verschärfter Städtekonkurrenz und einer seit Jahren kontinuierlich sinkenden Einwohnerzahl, so das Kalkül, könnte eine derartige Institution ein positives Signal setzen. Guthardt gelang es, das Stadtparlament für die durch Sponsoren unterstützte Gesamtinvestition von 79 Millionen Euro zu gewinnen. Im Architekturwettbewerb konnte sich Anfang des Jahres 2000 Zaha Hadid durchsetzen; unter den übrigen 26 zugeladenen Teilnehmern gelangten Barkow Leibinger und Enric Miralles auf die Plätze zwei und drei.

Die in London lebende und in Bagdad geborene Architektin, deren zentrifugal auseinander strebende dekonstruktivistische Entwurfsvisionen einst als unbaubar galten, konnte im vergangenen Jahr nach dem BMW-Zentrumsgebäude und der Erweiterung der Ordrupgaard Collection in Kopenhagen mit Wolfsburg bereits ihr drittes Projekt einweihen. Beim Komplex des Phæno handelt es sich um einen massiven Sichtbetonkörper über dreieckigem Grundriss, der von insgesamt zehn kegelförmigen Volumina unterschiedlichen Zuschnitts in die Höhe gestemmt wird. Vom Bahnhof aus gesehen gipfelt das Gebäude in einer expressiven Spitze, die ein wenig an das Hamburger Chilehaus erinnern mag, zur Stadt hin zeigt es sich eher als breit gelagerter Riegel, die Längenausdehnung entlang der Bahngleise beträgt stolze 150 Meter. Über einen der kegelförmigen Füsse gelangt man in die 7 Meter über Bodenniveau gelegene «Experimentierlandschaft», welche als fliessender Raum den gesamten Körper durchzieht. Erarbeitet wurde das Konzept des Phæno von Joe Ansel, der mehrere Jahrzehnte als Vizedirektor im 1969 gegründeten Exploratorium in San Francisco tätig war, der Mutter aller Wissenschaftsmuseen. 250 Hands-on-Experimentierstationen, die es erlauben, optische und akustische, chemische sowie physikalische Phänomene zu erproben und – im wahrsten Sinne: zu begreifen – sind im Raum verteilt; gebaut wurden sie in 31 anderen Science Museen, darunter dem Technorama Winterthur. Die Exponate sind grob nach Themen (etwa «Energie», «Materie», «Mikro + Makro») gegliedert, doch ein Rundgang wird bewusst nicht vorgegeben. Man lernt, so das Credo von Ansel, am besten spielerisch und freiwillig, und man begreift mit den Händen – Bildschirme, die an allen Orten sonst als unverzichtbar erscheinen, wurden aus dem Haus nahezu verbannt.

180 000 zahlende Besucher pro Jahr benötigt das Phæno zur Finanzierung seines Betriebs. Ohne Zweifel taugt es auch als Mekka für Architekturinteressierte: Schlicht grandios ist das leicht aufgefächerte Vierendeel-Stahltragwerk der Decke, das diese zwischen den fünf tragenden Gebäudekernen des Ausstellungsgeschosses stützenfrei überspannt. Und realisiert werden konnte die aufwändige Bauskulptur nur dank des neuartig im Hochbau verwendeten selbst verdichtenden Betons. In den Höhlungen und Kratern zwischen den Ebenen, aber auch bei den Kegelfüssen des höhlenartigen Erdgeschosses ist es gelungen, den Beton in jede denkbare Form zu zwingen, auch wenn einige Risse bezeugen, dass die Grenzen des heute Machbaren erreicht wurden. Vielleicht ist die Grotte des Erdgeschosses die eigentliche Herausforderung, welche die Architektin der Stadt mit auf den Weg gegeben hatte. Wie sie einst genutzt werden kann, ist noch fraglich. Ein Café, ein Restaurant, ein Atelier, ein «Ideenforum» und ein Auditorium sind in einigen der Kegelstümpfe vorgesehen; Eingangsbereich, Museumsshop und Materialschleuse werden schon benutzt. Dazwischen spannt sich ein öffentlich zugänglicher kavernenartiger Raum auf, der Ausblicke auf das eindrücklichen VW-Kraftwerk mit seinen vier Schornsteinen jenseits des Kanals, aber auch auf den Bahnhof und die Porschestrasse freigibt. Die Höhlenstruktur schafft Perspektiven auf die Stadt – und muss dennoch erobert werden. Archaisch, fast urtümlich lagert das Phæno zwischen Autostadt und Innenstadt von Wolfsburg, und man weiss nicht so recht, ob es sich in Zukunft als steinernes Herz oder als schlafender Drache erweist, der einmal der Stadt seine feuerspeienden Nüstern entgegenreckt. Wer sich durch die Experimentierlandschaft bewegt, wird auch ab und an von einem Feuertornado erschreckt.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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