Bauwerk

Haus Wittgenstein
Ludwig Wittgenstein, Paul Engelmann - Wien (A) - 1928
Haus Wittgenstein, Foto: Margherita Spiluttini
Haus Wittgenstein
Haus Wittgenstein, Foto: Margherita Spiluttini
Haus Wittgenstein, Foto: Margherita Spiluttini

Haus Wittgenstein

14. September 2003 - Az W

Die für Margarethe Stonborough, eine Schwester Ludwig Wittgensteins, entworfene Villa gilt ihrer formalen Radikalität wegen als Unikat in der Wiener Architektur. Paul Engelmann, Schüler von Adolf Loos und Sekretär von Karl Kraus, zählte zum engsten Freundeskreis Wittgensteins und konnte für die bedeutende Industriellen- und Mäzenatenfamilie einige Inneneinrichtungen gestalten.

Ende 1925 beauftragte ihn Margarethe Stonborough mit dem Entwurf eines Wohnpalais, wobei sie auch wichtige Vorgaben einbrachte. So benutzte Engelmann als Referenz neben dem für die Loos-Schule typischen Atriumhaus vor allem das Entree und Raumprogramm des Wittgenstein`schen Stadtpalais. Als Wittgenstein im Sommer 1926 zur Detailplanung und Baudurchführung beigezogen wurde, fehlte noch die nordwestliche Raumschicht sowie jener Feinschliff aller Maße und aller Details, mit der er - ein „genialer Dilettant“- dem Bau erst die unverwechselbare Präzision und Luzidität verlieh.

Er verwendete vorwiegend künstliche, moderne Materialien und in Wien damals im Wohnbau ungewöhnliche Techniken: Fußbodenheizung, spezielle Fenster- und Türkonstruktionen aus Feineisen, Kunststeinböden, Aufzug, Metallkurtinen. Doch seine aufs Essentielle reduzierten Lösungen, seine ausgeklügelten mechanischen Elemente demonstrieren gerade nicht, „wie sie gemacht sind“. Sie sind - von den Boden- und Fensterteilungen bis zu den lapidaren Türgriffen, von den nackten Glühlampen, vom entmaterialisierenden Glanz der Stuccolustrowände und des geschliffenen Zementputzes der Halle bis zum spurlosen Schimmer der Metalltüren Teil einer geschlossenen Gesamtkonzeption.

Wittgensteins Arbeit an der Architektur gleicht insofern seiner Kritik am Sprachgebrauch in der Philosophie, als er auch hier eine klare Grenzziehung zwischen dem Sagbaren und dem Unaussprechlichen vornimmt, indem er die Syntax der klassischen Baukunst jeglicher Rethorik entkleidet und sie an jenen Nullpunkt zurückführt, wo sie „sub specie aeternitatis“ gesehen werden kann. So ist der Bau auch ein Manifest für Wittgensteins grundlegende Gleichsetzung von Ethik und Ästhetik, ein Werk außerhalb der Avantgarde aber auch jenseits der Konvention.


Die Geschichte des Hauses
Das Haus Wittgenstein wurde 1926 - 1928 als Wohnpalais für Margarete Stonborough erbaut. Sie war eine geborene Wittgenstein und entstammte einer der vermögendsten Industriellenfamilien von Wien. Ludwig Wittgenstein war ihr jüngster Bruder. Im Herbst 1926 hatte sie das Grundstück in der Kundmanngasse erworben und vom Wiener Gemeinderat die Bewilligung erhalten, einen Teil davon zu bebauen.

Das Haus ihrer Eltem spielte eine bedeutende Rolle im Kunst- und Musikleben Wiens zur Jahrhundertwende. Ihr Vater, Karl Wittgenstein, war einer der wichtigsten Förderer der Wiener Secession. Josef Hoffmann etwa konnte bis 1914 eine Reihe von Projekten für verschiedene Familienmitglieder verwirklichen, darunter die bekannte Einrichtung von Karl Wittgensteins Jagdhaus auf der Hochreith, die von der Wiener Werkstätte ausgeführt wurde.
Paul Engelmann, Schüler und Mitarbeiter von Adolf Loos und zeitweise Sekretär von Karl Kraus, war seit 1926 über Verrnittlung von Loos mit Ludwig Wittgenstein befreundet. Durch ihn in die Familie eingeführt, realisierte er nach dem Krieg verschiedene Inneneinrichtungen im Elternhaus (Argentinierstraße 16) und im Sommersitz in Neuwaldegg, Margarete beauftragte ihn Ende 1925 mit dem Entwurf ihrer Villa. Sie hat die Charakteristik und das Raumprogramm ihrem Lebensstil entsprechend geprägt. (In ähnlich enger Zusammenarbeit hatte sie 1913 mit dem Wagner-Schüler Rudolf Perco die Villa Toscana in Gmunden umgebaut).

Ludwig Wittgenstein, der zu dieser Zeit Volksschullehrer in Otterthal war, zeigte von Beginn an reges Interesse an der Planung und wurde im Sommer 1926 als Architekt beigezogen. Im November 1926 genehmigte der Magistrat die von Engelmann und Wittgenstein gemeinsam unterfertigten Pläne, und Wittgenstein übernahm von da an die Bauüberwachung und die gesamte Detailplanung. Der Bau für seine Schwester gab ihm in einer schwierigen Lebensphase die Gelegenheit, sein geistiges und ethisches Konzept in der Gestaltung einer ebenso konkreten wie komplexen Aufgabe zu verwirklichen. Engelmann hatte das räumliche Gerüst vorgegeben, die Grundlage gelegt. Wittgenstein aber präzisierte und verfeinerte in zweijähriger Arbeit diesen Entwurf in allen Proportionen, in allen technischen und formalen Details und schuf damit ein einzigartiges kulturgeschichtliches Dokument.

In diese Zeit der Arbeit am Bau fielen auch sein erstes Treffen mit Moritz Schlick und die ersten Zusammenkünfte und Konversationen mit Schlick, Friedrich Waismann, Rudolf Carnap, Herbert und Marie Feigl.Ende 1928 wurde das Haus bezogen. Margarete richtete die Räume mit französischen und chinesischen Möbeln, mit Stücken aus der Wiener Werkstätte und aus ihrer umfangreichen Kunstsammlung ein.

Während des Krieges, als sie sich in Amerika aufhielt und das Mobiliar ausgelagert war, wurde das Haus vom Roten Kreuz als Heereslazarett benutzt, später als Heimkehrerstelle. Margarete bewohnte dann das Haus wieder bis zu ihrem Tode, 1958. Ihr Sohn, Dr. Thomas Stonborough, verkaufte 1971 das Grundstück an den Bauuntemehmer Dipl.lng.Franz Katlein. Der damals geplante Abbruch des Hauses zugunsten eines kommerziellen Hochhausprojektes wurde durch eine von Bernhard Leitner eingeleitete Initiative von Architekten und Schriftstellern mit Unterstützung der internationalen Presse in letzter Minute verhindert und das Haus unter Denkmalschutz gestellt. Dennoch wurde 1971 der prächtige alte Garten abgeholzt, das Grundstück geteilt und ab 1974 in bedrängender Nähe ein Bürohochhaus errichtet.

Ende 1975 erwarb die Botschaft der Volkrepublik Bulgarien das devastierte Haus und gab ihm eine neue Nutzung als Kulturinstitut. Der Bau wurde 1976/77 renoviert, wobei einige Veränderungen, insbesondere die Erweiterung im Souterrain für einen großen Vortragssaal, vorgenommen wurden, die Substanz aber weitgehend bewahrt blieb. (Text: Otto Kapfinger)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirthfruehwirth[at]azw.at