Bauwerk

Franz-Liszt-Konzerthaus
Atelier Kempe Thill, Brands United - Raiding (A) - 2006
Franz-Liszt-Konzerthaus, Foto: Ulrich Schwarz
Franz-Liszt-Konzerthaus, Foto: Ulrich Schwarz

Franz-Liszt-Konzerthaus

29. Oktober 2006 - Az W

In unmittelbarer Nähe des (museal genutzten) Geburtshauses des Komponisten Franz Liszt im burgenländischen Raiding wurde nun ein Konzerthaus errichtet, das dem Werk des Musikers auch in seiner Heimatgemeinde würdige Präsenz verleihen und der strukturschwachen Region nahe der ungarischen Grenze kulturelle Impulse geben sollte. Aus einem offenen internationalen Wettbewerb, der im Herbst 2004 durchgeführt wurde, ging das Projekt des holländischen Ateliers Kempe Thill als Sieger hervor.

Die Bebauung in Raiding wird bestimmt durch klare, meist zurückhaltende Baukörper. Die Fassaden sind – wie beim Geburtshaus – oft weiß, Fenster sind meist nur im Erdgeschoss vorhanden. Ausgangspunkt des Entwurfes bildet diese vorgefundene Normalität, in der gleichzeitig die Charakteristik des Burgenlandes zu finden ist. "Das neue Konzerthaus forciert - trotz seiner erheblichen Dimensionen - keinen Bruch, sondern sucht Anschluss an den bestehenden Kontext mit dem Ziel diesen fortzusetzen."
Das Konzerthaus ist umschlossen von weißen Wänden und hat - genau wie die Bauernhäuser der Umgebung - allein Fenster im Erdgeschoss. Der wesentliche Unterschied zu ihnen liegt nicht im proportionalen Aufbau, sondern in seinen absoluten Dimensionen. Das neue Haus erhält dadurch etwas Erhabenes und setzt sich - bei aller Anlehnung - durch eine schlichte, aber noble Monumentalität ab.

Diese Wirkung wird noch gesteigert durch die Gestaltung der Fassade. Der Entwurf nimmt das in der Region übliche Wärmedämmverbundsystem als ökonomische und gestalterische Grundbedingung an, veredelt aber dessen Aussenputz durch die Verwendung einer Polyurethanspritzfolie. Hierdurch entsteht eine glatte und leicht glänzende Fassade, die zudem wasserabweisend ist. Durch diese Vorgehensweise wird eine Fassadenbehandlung möglich, bei welcher Wand und Dach gleich behandelt werden können und sonst notwendige Dachränder entfallen können. Das Haus erscheint hierdurch viel abstrakter als die angrenzende Bebauung, die Banalität der Umgebung wird übersteigert und der Versuch unternommen ein Potential für die Architektur dieser Region zu demonstrieren.

Landschaft als Panorama - das Gebäude als “Sehmaschine”.
Einen eigentümlichen Umstand bildet die Tatsache, dass sich das Grundstück nicht an der Strasse, sondern innerhalb eines Parks befindet. Dieser ist zudem noch von Mauern umschlossen und dadurch weitestgehend der Sicht der Öffentlichkeit entzogen. Ziel des Entwurfes ist es, diesen ausgesprochen intimen Charakter des Parks nicht zu zerstören, sondern ihn weiter zu entwickeln, um eine organische Verwobenheit zwischen Landschaft und Haus realisieren zu können.

Eine wichtige Rolle spielt dabei die öffentliche Foyerzone des Hauses. Diese ist als ein kontinuierlicher Raumzusammenhang gestaltet und umschliesst als zweigeschossiger Bau die höhere, eigentliche Konzerthalle. Dieser Raum wird im Inneren wesentlich bestimmt durch weisse Wände und einen hölzernen Fussboden. Zum Park hin öffnet er sich nach allen Seiten mit 18m bzw. 13m langen und 4m hohen Fenstern, die symmetrisch die Fassade gliedern. Diese Fenster wurden, um störende Einteilungen zu vermeiden, nicht als konventionelle Glasverbundfassade sondern aus monolithischen Acrylscheiben realisiert. Die Scheiben wurden aus einem Stück in der Fabrik gefertigt und vor Ort montiert und poliert. Durch diese enormen Verglasungen entsteht eine intensive Beziehung zwischen dem Park und dem Inneren des Hauses. Vom Foyer aus wird die Wahrnehmung der Landschaft extrem intensiviert - sie erscheint als Panorama und wird in ihre Erscheinung durch den hermetischen Charakter der Fenster noch gesteigert. Das Franz Liszt Geburtshaus wird auf einem Graspodium an die Besucher präsentiert und erscheint dabei wie eine Ikone. Von Aussen artikulieren sich die Fenster nicht als Wanddurchbrüche, sondern erscheinen als kraftvolle, straffe Objekte innerhalb der Wand, die den umgebenden Park reflektieren.

Neben den Fenstern sind jeweils Holztüren angebracht. An der Seite zum Geburtshaus haben diese Türen mit 4mx4m ungewöhnlich große Abmessungen. Als inszenatorische Elemente ermöglichen Sie ein großzügiges Öffnen des Foyers und laden die Besucher während der Konzertpause zum Verweilen im Park ein. Der Park kann somit selbst zum Foyer werden und wird aktiv in den Konzertbetrieb eingebunden.

Im vorliegenden Entwurf wird im Gegensatz dazu der Versuch unternommen einen synthetischen und ganzheitlichen Raum zu erzeugen. Dabei wird auf das klassische Konzept des Konzertsaals als „Schuhschachtel“ zurückgegriffen und ein Raumproportion kreiert die vergleichbar ist mit Musiksälen des 19. Jahrhunderts. Der Raum wird dabei konstruiert aus Holzleimbindern. Diese formen ein vereinheitlichendes Raster mit einem maximalen konstruktiven Abstand von ca. 2,60 bei 3,60m, wobei Wand und Decke gleich behandelt werden. Hierdurch wird eine sehr gute akustische Grundstruktur realisiert.
In 4m Höhe umschliesst ein umlaufender Balkon den gesamten Saal. Dieser bietet ausgezeichnete Sichtbedingungen und wirkt sich ebenfalls günstig auf die Raumakustik aus. Auch unterstreicht er die Kollektivität des gemeinsamen Musikgenusses und stimuliert einen allseitigen Raumgebrauch.
Das Leimbinderraster wird mit Dreischichtplatten aus Fichtenholz ausgefacht. Um die gewünschte starke Resonanz zu erzielen, sind diese Platten mit eine Gewicht von bis zu 350 kg pro Stück (40 kg/m2) außergewöhnlich schwer. Um Flatterecho zwischen den Wänden zu vermeiden und eine möglichst diffuse Verteilung des Tones im Raum zu erzeugen, wurden die Platten dreidimensional zur Mitte hin gekrümmt. Dies wurde möglich durch den Einsatz einer CNC-Fräse, wobei allein die Oberschicht der Dreischichtplatte bearbeitet wurde. Die Platte variiert in ihrer Dicke zwischen 12 cm in der Mitte und 8 cm am Rand. Der Fussboden des Saales wurde als Doppelboden realisiert und ist – wie das Foyer - mit Eichenparkett versehen. Der entstehende Zwischenraum innerhalb des Fussbodes wird als Plenum für die Belüftung des Raumes mit Quelluft benutzt. Die Absaugung der Luft erfolgt über Fugen in der Decke. (Gabriele Kaiser nach einem Text der Architekten)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirthfruehwirth[at]azw.at

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