Bauwerk

Allianz-Arena
Herzog & de Meuron - München Fröttmaning (D) - 2005
Allianz-Arena, Foto: Gerhard Hagen / ARTUR IMAGES
Allianz-Arena, Foto: Gerhard Hagen / ARTUR IMAGES

Prozession zum Stadion

Mit Spielen des TSV München gegen Nürnberg und des FC Bayern gegen die deutsche Nationalelf wurde Ende Juni das neue Münchner Fussballstadion eröffnet. Herzog & de Meuron haben das perfekte Gehäuse für den Sport gebaut: strahlend nach aussen und konzentriert auf das Innere.

15. August 2005 - Hubertus Adam

Weltoffen und friedlich wollte man sich 1972 in München präsentieren, die Olympischen Spiele sollten Deutschland aus dem Schatten von 1936 treten lassen, als die Nationalsozialisten die «Jugend der Welt» nach Berlin gerufen hatten. Entsprechend geriet das Stadion, das Günter Behnisch in München realisierte, zu einer programmatischen Antithese des monumentalen Berliner Olympiastadions.

Beschwingt und elegant wird die Arena von einer zeltartigen Struktur aus Stahlseilen und Acrylglasplatten überfangen, die sich organisch mit der Landschaft verbindet. Behnisch und dem Ingenieur Frei Otto war es nicht nur gelungen, die Bauaufgabe Stadion mit ihrer scheinbar schwerelosen Konstruktion grundsätzlich neu zu formulieren, sie hatten überdies eine Inkunabel der Architektur des 20. Jahrhunderts geschaffen – es gibt kein anderes Bauwerk, in dem sich die demokratischen Ideale der Bundesrepublik so verkörpert hätten wie im Münchner Olympiastadion.

Nun hat die bayrische Hauptstadt ein neues Stadion erhalten, entworfen von Herzog & de Meuron. Gewiss: Wer nach drei Jahrzehnten in eine Idealkonkurrenz zu Behnischs Meisterwerk treten will, dessen Messlatte liegt hoch. Doch ohne Zweifel haben Herzog & de Meuron ein Stadion realisiert, das unvergleichlich ist, das Massstäbe setzt und dem zukünftig eine ähnliche Bedeutung beigemessen werden dürfte wie dem Bau von 1972. Wem der Sieg gebührt, diese Frage zu beantworten ist müssig – denn die Rahmenbedingungen für den Sport und damit für den Stadionbau haben sich grundlegend geändert. Und ohne diese veränderten Bedingungen fände das Eröffnungsspiel der Fussballweltmeisterschaft am 9. Juni 2006 auch nicht in einem neuen Stadion statt.

Neubau statt Umbau

Ausschlaggebend für den Neubau waren zunächst die von FIFA und UEFA nach dem Unglück im Brüssler Heysel-Stadion vor zwanzig Jahren er- lassenen Sicherheitsnormen, denen die heutigen Stadien genügen müssen. Dies hat im Vorfeld der WM in deutschen Stadien zu diversen Umbaumassnahmen geführt, und auch in München dachte man zunächst, zumindest seitens der Stadt, an eine Runderneuerung des Baus von 1972 – zumal Behnisch selbst sein Einverständnis signalisiert und ein Konzept vorgelegt hatte. Es war dann eine massgeblich von der Architektenschaft unterstützte Bürgerinitiative, welche die Stimmung umschlagen liess, Behnisch vor sich selbst bewahrte und irreversible Eingriffe in den Bau verhinderte. Dem FC Bayern München, der die Diskussion um ein neues Stadion 1997 lanciert hatte, mochte das recht sein; eine neue Superarena war eher nach dem Geschmack der Edelkicker als gebasteltes Stückwerk, und unverhohlen hatte Franz Beckenbauer bereits mehrfach den Abriss des Olympiastadions gefordert.

Als der FC Bayern und der TSV 1860 sich im Januar 2001 zu einem Bündnis für einen Stadionneubau zusammentaten, begann die Suche nach einem alternativen Standort. Mehrere Optionen wurden evaluiert – ein relativ innerstädtischer Neubau in der Nähe des Olympiaparks scheiterte am Widerstand der Anwohner. Schliesslich fiel die Wahl auf Fröttmaning, das zwar am nördlichen Stadtrand liegt, aber durch die U-Bahnlinie U4 und die nahe Autobahn relativ gut erschlossen ist. Noch im August 2001 wurden aufgrund von Bewerbungen vier deutsche und vier internationale Architektenteams dazu eingeladen, gemeinsam mit Bauträgern Entwürfe vorzulegen. Zunächst konnten sich Herzog & de Meuron sowie das Hamburger Kommerzbüro von Gerkan, Marg und Partner gegen die Konkurrenz von Peter Eisenman, Norman Foster, Helmut Jahn, Auer+Weber, Engel sowie KSP durchsetzen; im Februar 2002 fiel schliesslich die Entscheidung zu Gunsten des Vorschlags der Basler. Weil der Stadionneubau inzwischen in einem Bürgerentscheid mit Zweidrittel- Mehrheit angenommen worden war, konnte Ende Oktober 2002 mit dem Bau des 286-Millionen- Euro-Projekts begonnen werden. Die Finanzierung des Neubaus, der nun als Allianz Arena firmiert, erfolgte durch die Vereine und ihre Sponsoren; dabei darf indes nicht unterschlagen werden, dass Stadt, Land und Bund eine unwesentlich geringere Summe für die infrastrukturelle Erschliessung des Geländes bereit gestellt haben. Auf eine Mantelnutzung, wie sie andernorts, beispielsweise in Zürich, zur Querfinanzierung vorgesehen ist, wurde ebenso verzichtet wie auf die Möglichkeit, nach dem Vorbild der Amsterdamer Ajax-Arena das Dach schliessen zu können. In der Allianz Arena treten keine Popstars auf, wird auch kein Motocross veranstaltet. Hier gibt es nichts als Fussball.

Zentripetale Inszenierung

Es handelt sich bei der Allianz Arena um das ideale Fussballstadion schlechthin. Grösstmögliche Nähe aller 66 000 Sitze zum Spielfeld, das war die Vorgabe, die Herzog & de Meuron sich gestellt hatten. Im St.-Jakob-Stadion in Basel, das in mancherlei Hinsicht als Vorstufe gelten kann, operierten sie erstmals mit den steilen Tribünen. In München nun haben sie auf das Raffinierteste ausgereizt, wie Architektur Emotionen anheizen kann. 24 Grad misst die Steigung des unteren, 30 Grad die des mittleren, 34 gar die des oberen Rangs. Die Zeiten, in denen man die Spieler mit dem Fernglas verfolgen musste, sind vorbei. Hinzu kommt eine auf den Kontrast setzende Inszenierung der Wegführung innerhalb des Gebäudes: Weit ausschwingende Kaskadentreppen führen vom Eingangsniveau hinauf bis zum obersten Umgang, von wo aus die Fans durch mauselochgrosse Durchgänge auf die oberste Tribüne gelangen. Wer plötzlich im steilen Rund des Kraters steht, ist nahezu überwältigt. Das Spektakel beginnt hier so deutlich wie nirgends vor dem Anpfiff, geht es doch darum, wie Goethe angesichts der Arena von Verona im September 1786 festhielt, «dem Volk mit sich selbst zu imponieren». Seine Bemer- kung, ein Stadion sei «etwas Grosses und doch eigentlich nichts», haben Herzog & de Meuron kongenial umgesetzt. Sitzt man einmal in der Arena, so lenkt nichts vom Spiel ab. Die von den Architekten entworfenen, organisch ausgebildeten Schalen-Klappsitze sind grau, grau wie der Sichtbeton, grau wie die Sonnensegel, die unter den Sektoren der ringsum die Tribünen überwölbenden Dachkonstruktion ausgefahren werden können. Farbakzente setzen nur der von einem Spezialhersteller mit einer neuen Saatmischung ausgelieferte «Powerrasen», die Spieler in ihren Trikots – und vor allem die Fans.

In einer Zeit inflationärer Bildüberflutung hat das authentische Erlebnis eines Spiels im Fussballstadion an Bedeutung gewonnen, und dafür eignen sich die herkömmlichen Leichtathletikstadien (wie das Olympiastadion) mit ihrer grossen Distanz zum Spielfeld nicht mehr. Nur die unmittelbare Nähe zum Spiel lässt Emotionen hochkochen – es bedarf eines Hexenkessels wie der Allianz Arena. Seit geraumer Zeit ist Fussball schichtenübergreifend en vogue, und die Zeiten, da der Sport vor allem durch randalierende Hooligans Schlagzeilen machte, gehören der Vergangenheit an. Zu den Fans, die den Krater füllen und für Stimmung sorgen, kommen in München die betuchten Gäste, die in 106 – an Firmen vermietete – Logen zwischen mittlerem und oberem Rang oder in der Business Lounge Platz finden. Ob die Fussball-Euphorie der Münchner Gesellschaft ewig anhält, weiss man nicht; doch zur Zeit garantieren die Businessbereiche, deren Decken von Herzog & de Meuron mit goldfarbenen Abschnitten von Metallrohren dekoriert wurden und die etwas wie ein DDR-Kulturhaus der Sechzigerjahre wirken, sowie die von den Mietern ausgestalteten Logen den Vereinen satte Einnahmen. Von den Strömen der Fans völlig getrennt, parken die VIPs ihre Autos in den beiden Garagenebenen unter dem Stadion und gelangen über Lifts direkt in die ihnen vorbehaltenen Bereiche.

Leuchtende landmark

Das eigentliche auf das Spiel einstimmende Erlebnis aber verheisst nur die Prozession der Fans über die 600 Meter lange, von dem Zürcher Büro Vogt Landschaftsarchitekten gestaltete, über einem gigantischen Parkhaus mit 11 000 Stellplätzen empor führende Rampe auf das Stadion zu. Wie ein grosser Reifen thront die Arena über der Stadtrandlandschaft von Fröttmaning. Rund 2 800 rautenförmige, mit Druckluft gefüllte Kissen bilden die äussere Haut der Arena. Sie bestehen aus einer lediglich 0,2 Millimeter starken ETFE-Folie (Ethylen- Tetrafluorethylen), einem neuen Werkstoff, der resistent gegenüber Hitze und Kälte, schwer entflammbar, robust und überdies extrem lichtdurchlässig ist. Durch Leuchtstoffröhren hinter der Fassade kann die gesamte Fassade weiss für die Spiele der Nationalmannschaft, rot für die Bayern und blau für die Löwen beleuchtet werden – eine grandiose Lichtinszenierung, die das Stadion als Gralsburg des Sports zum neuen Wahrzeichen von München macht. Anders als beim Olympiastadion von Behnisch, das die Verschmelzung von Innen- und Aussenraum anstrebte, setzen Herzog & de Meuron auf die Trennung: Die leuchtende Haut strahlt als landmark in die Umgebung aus und verbirgt die dahinter befindliche Beton- und Stahlkonstruktion. Sitzt man einmal im Krater der Arena, existiert die Aussenwelt nur noch in Form der Öffnung im Dachoval.

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Für den Beitrag verantwortlich: archithese

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