Der Andrang ist beispiellos: Endlich hat Wien eine Ikone der Moderne, die man auch von innen anschauen kann
Die Villa Beer kann für jede Art von Wohnungsbau Vorbild sein. Wie viel Nachbarschaftskonflikte, wie viel Sozialarbeit, wie viele depressive Verstimmungen könnten wir uns sparen, wenn diesen Überlegungen mehr Beachtung geschenkt würde?
Bald öffnen sich die Pforten der Villa Beer für das Publikum. Innerhalb einer Stunde waren sowohl die Tickets für das „Open House“ am 8. März als auch für das reguläre Programm bis Ende April restlos ausverkauft.
Das ist eine gute Nachricht, denn sie zeigt, dass es ein großes Interesse für die gern als Luxusprobleme abgetanen, mit Vorurteilen kämpfenden Themen Architektur und Denkmalschutz respektive Baukultur im Allgemeinen gibt. In einem Land, wo selbst das öffentlich-rechtliche Fernsehen süffisant „Achtung Denkmalschutz!“ ruft, ist das bemerkenswert.
Bereits in den 1960er-Jahren wurden die ebenfalls um 1930 entstandene Hausikonen der Moderne, die Villa Savoye in Poissy von Le Corbusier und Pierre Jeanneret sowie die Villa Tugendhat in Brünn von Ludwig Mies van der Rohe unter Denkmalschutz gestellt. Der Villa Beer in Wien-Hietzing wurde dieser Schutz erst 1987 zuteil. Es hat wohl diese Jahre der Verzögerung gebraucht, damit eine in jeder Hinsicht von Anfang an schicksalshafte Geschichte eine glückliche Wendung nehmen konnte. Nichts an dieser Entwicklung ist selbstverständlich, alles ist vorbildlich.
Schlüsselwerk der Moderne von Josef Frank und Oskar Wlach
Durch eine glückliche Fügung entdeckte Lothar Trierenberg vor fünf Jahren das zum Verkauf stehende Schlüsselwerk der Moderne von Josef Frank und Oskar Wlach. Vom Haus berührt und begeistert wusste er bei der ersten Besichtigung, dass es von ihm gerettet werden will und er die Freude, diese Architektur erleben zu dürfen, mit anderen teilen möchte. Als Mitbegründer des Möbel, einer Kombination aus Kaffeehaus und Designgalerie, hat Trierenberg bereits vor über zwanzig Jahren gut gestaltete Einrichtungsgegenstände unters Volk gebracht sowie Designschaffenden und der Handwerker-Avantgarde ein Podium gegeben.
Damit wandelte er schon damals auf den Spuren von Frank und Wlach, die mit ihrer Einrichtungsfirma Haus & Garten der Wohnkultur der Zwischenkriegszeit Impulse verliehen. Die Wirkung des Raumgefüges mit seinen Blickachsen und dem Zusammenspiel von Haus und Garten erleben Sie am besten anhand des Originals. Daher seien hier weniger die Architektur und das gelungene Ergebnis der Generalreparatur dieses bedeutenden Hauses eingehend gewürdigt, sondern vielmehr der Prozess, wie es zu diesem erfreulichen Resultat kam.
Wärme aus Tiefenbohrungen
Mit Christian Prasser holte sich Trierenberg einen Architekten, der als ausgebildeter Tischler handwerkliches Verständnis mitbringt und in der Lage war, sich mit der Gedankenwelt von Frank und Wlach zu identifizieren. Im kongenialen Gespann mit seinem Projektleiter Benedikt Dekan widmete er sich der gründlichen Analyse des Hauses, war bereit, eine Vielzahl an Expertenmeinungen offen anzunehmen und wusste sie schließlich richtig zu kanalisieren. Zwei Jahre lang wurde das Haus restauratorisch befundet, weiters der Diskurs mit einem hochkarätig besetzten Expertenrat gepflegt und schlussendlich das Haus mit enormem Aufwand rückgebaut auf das Erscheinungsbild von 1930 versetzt, ohne die Spuren des fast hundertjährigen Alterungsprozesses auszulöschen.
Dem unermüdlichen Hinterfragen von Erkenntnissen und Lösungsvorschlägen wurde viel Raum gegeben und das Revidieren von bereits getroffenen Entscheidungen war kein Tabu. So wurde das Energiesystem adaptiert, nachdem sich herausstellte, dass entgegen den ursprünglichen Annahmen mehr als die Hälfte der Fenstergläser aus der Entstehungszeit stammen. Authentizität – nicht nur die optische, auch die sensorische, wurde einem thermischen Komfort, wie wir ihn heute gewohnt sind, vorgezogen. Ein Zimmerfenster der Villa Beer fühlt sich im Winter kälter an als eines von heute. Zwar wurde das Heizsystem erneuert, die Wärme aus Tiefenbohrungen wird aber weiterhin über die sanierten Originalheizkörper verteilt.
Die Villa Beer ist damit auch ein Lehrstück moderner Denkmalpflege, die darauf abzielt, Klimaschutz- und Energieeffizienzziele mit dem Denkmalschutz in Einklang zu bringen. Sie ist aber auch ein Exempel dafür, wie handwerkliches Können heute neue Berechtigung und Wertschätzung finden kann und Hand in Hand mit einem Bauherrn in aktiver Rolle und kompetenten Planern Höchstleistungen hervorbringen kann. Zu jedem Gewerk, zu jedem Bauteil oder Ausstattungselement gäbe es eine eigene Geschichte zu erzählen. Jede davon bestärkt darin, stets dem Reparieren den Vorzug vor dem Ersetzen zu geben und auch im Neubau auf eine Qualität zu setzen, die auch nach vielen Jahren noch repariert werden kann. So wie der 1961 stillgelegte Speiselift der Aufzugsfabrik Hanns Flüglister, deren heutiger Eigentümer die Gelegenheit bekam, eine Arbeit seines Großvaters instand zu setzen.
Wie tritt man in den Garten ein?
„Die Regeln für das gute Haus als Ideal ändern sich prinzipiell nicht und müssen nur immer neu betrachtet werden. Wie tritt man in den Garten ein? Wie sieht ein Weg zum Haustor aus? Wie öffnet man ein Haustor? Welche Form hat ein Vorraum? Wie kommt man vom Vorraum an der Garderobe vorbei ins Wohnzimmer? Wie liegt der Sitzplatz zu Tür und Fenster?“ fragte Josef Frank am Ende seiner programmatischen Schrift „Das Haus als Weg und Platz“, in der er die der Villa Beer zugrundeliegenden Entwurfsgedanken und sein Verständnis von moderner Architektur erklärt. Wie kaum einem anderen gelang es ihm, diese Prinzipien im Siedlungsbau ebenso anzuwenden wie bei einer Villa für Wohlhabende.
Daher kann die Villa Beer, deren Raumerlebnis sowohl architektonisch Vorbelastete als auch diesbezügliche Laien in den Bann zieht, für jede Art von Wohnungsbau Vorbild sein. Wie viel Sozialarbeit, wie viele kuratierte Gemeinschaftsräume, wie viele Nachbarschaftskonflikte und depressive Verstimmungen könnten wir uns sparen, wenn diesen Überlegungen mehr Beachtung geschenkt würde?
Über die Erkenntnis hinaus, was Architektur zu leisten vermag ist die Villa Beer auch ein Brennglas, in dem Familiengeschichte der Bauherrschaft und ihrer Architekten, die Rolle des aufgeklärten kunstsinnigen jüdischen Bürgertums und die Vergangenheit des Hietzinger Villenviertels sichtbar werden.
„Der kürzeste Weg ist nicht immer der angenehmste, und die gerade Stiege ist nicht immer die beste.“ Diese Feststellung von Josef Frank lässt sich auf assoziationsreiche Weise interpretieren – am besten bei einem Besuch der Villa.