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Warum wird das Innere eines Indianerzeltes bei Regen nicht nass? Warum hat der Athener Parthenon zwei verschiedene Säulenordnungen? Ein Plädoyer für offene Augen beim Studium der Architekturgeschichte.

5. Februar 2005 - Walter Zschokke
Soll man sich das als junger Architekturstudent antun: die Stilgeschichte von den Ägyptern bis zu Historismus und Jugendstil zu büffeln, Bauwerke, Namen von Baumeistern und Architekten und immer wieder Jahrzahlen auswendig lernen? Wozu soll das gut sein? Diese Frage darf getrost gestellt werden, wenn Architekturgeschichte wie Rechnen unterrichtet und geprüft wird - nichts gegen Kopfrechnen! - und daher auch daraufhin gelernt wird: ein Name, eine Jahreszahl; ein Name, eine Jahreszahl und so weiter. Kann denn Architekturgeschichte nicht mehr bieten als hohle Gelehrsamkeit? Natürlich könnte sie das, allerdings ist dies mit Verlust an Bequemlichkeit verbunden, sowohl für Lernende als auch für Lehrende. Wenn man sich nämlich die Frage stellt, was architektonisch vorliegt, lassen sich völlig andere und vor allem nachhaltigere Erkenntnisse gewinnen.

Mit zwei ausgewählten Beispielen soll das mögliche Feld skizziert werden, auf dem sich eine auch heute noch ertragreiche Architekturgeschichte bewegen kann. Denken wir uns in ein Kegelzelt der Ureinwohner Nordamerikas in den Plains, wo einst Millionen Bisons grasten. Die sorgfältige Zeichnung des Ethnografen Frederic Weygold stammt aus dem 19. Jahrhundert, bezüglich Geräte und Waffen ist die Steinzeit bereits vorbei - aber die Behausung, ursprünglich für den Sommer, die Zeit der Büffeljagd, vorgesehen, versammelt Jahrhunderte praktischer Erfahrung. Den Berichten von 1832 von Maximilian Prinz zu Wied dürfen wir entnehmen, dass die Zeltmembran dünn wie Pergament geschabt war und das Licht durchscheinen ließ. Auf der Zeichnung erkennen wir vor dem primären Holzgerüst eine Art Vorhang, der an den Zeltstangen angehängt ist. Die Befestigung erfolgt jedoch nicht direkt, sondern über eine umlaufende Leine, die jeweils von oben her einmal um die Zeltstangen geschlungen ist. Der Ledervorhang hängt dazwischen mit Schlaufen an der Leine.

Was wir nicht sehen, aber wissen dürfen, ist, dass die Zeltstangen oben über den Kegel hinausragen. Wenn es regnet, dringt an der als Rauchloch dienenden Kegelspitze Wasser ein und rinnt an der Unterseite der Stangen ins Zelt. An der umgeschlungenen Leine würde es etwas aufgehalten und bald heruntertropfen. Die ethnografischen Quellen berichten, dass an dieser Stelle zwei Holzspäne solcherart unter die Leine geklemmt wurden, dass das Wasser kapillar angezogen, zum Stangenfuß weitergeleitet und an den Zeltrand geführt wurde. Dieses Detail ist bloß eines von vielen, die an der über Jahrhunderte und Generationen mit den damals zur Verfügung stehenden Mitteln perfektionierten Zeltkonstruktion zu finden sind. Es handelt sich um eine beispielhafte Annäherung von Nutzeffekt und formaler Durchbildung.

Die verdichtete Erfahrung von Generationen manifestiert sich ebenso im wiederkehrenden Strukturprinzip des Dreibeins, ob für die Primärstruktur des Zeltes, die Rückenstützen oder das Gestell des Kochkessels, der den Bisonmagen abgelöst hat, in dem wenige Jahrzehnte zuvor noch mit erhitzten Steinen gekocht wurde. Und alles war leicht und unkompliziert transportfähig! In ungestörten Gesellschaften entstanden auf diese oder ähnliche Weise in einem kollektiven Prozess jene komplexen Zusammenhänge, die wir bis heute als Architektur wahrnehmen. Indem wir ihre Prinzipien erkennen, begreifen wir die Zeitlosigkeit architektonischer Wirkung. Und ihre Durchdringung bis in die kleinsten Details kann uns Heutigen zwar nicht materiell, aber ideell von Nutzen sein.

Nächstes Beispiel: Der Parthenon auf der Athener Akropolis gilt als jener Tempel, an dem die klassischen Prinzipien am perfektesten ausgearbeitet wurden. Das mit dorischer Säulenordnung versehene Bauwerk erlaubt daher einen genussvollen Nachvollzug dessen, was wir heute unter Klassizität verstehen. Die dorische Ordnung gilt als die ursprünglichere, direktere Umsetzung des Prinzips „Tragen und Lasten“. Es wurde ihr - im Gegensatz zur ionischen Ordnung - das männliche Prinzip zugeschrieben, das für Tempel männlicher Gottheiten Anwendung fand. Doch bereits hier sollten wir skeptisch werden, denn der Parthenon ist der Athene Parthenos gewidmet, die nach der Sage in voller Rüstung dem von Schmerz gepeinigten Haupt des Zeus entstieg.

Wenn wir uns nun aber auf die primäre architektonische Ebene begeben und eine dorische Säule näher anschauen, ist es vor allem die flache Kannelur mit scharfen Graten, welche die Oberfläche des Schaftes bestimmt. Im haptischen Zugriff erweist sie sich als eher schroff. Der allseitigen Offenheit des Säulenumgangs steht somit die distanzierende Wirkung der Oberfläche des Säulenschafts entgegen. Diese Spannung gegensätzlicher architektonischer Wirkungen lohnt bereits das nähere Eingehen auf die attraktive Ruine. Doch es gibt mehr zu entdecken: Im westlichen Teil der Cella, der mit dem östlichen, wo das Standbild der Athene stand, keine Verbindung hat, stehen im Geviert vier Säulen, welche die Decke tragen. Überraschenderweise folgen sie jedoch nicht der dorischen Säulenordnung, sondern der ionischen. Wie das? Ein derartiger Stilbruch am perfektesten Tempel des klassischen Altertums wird kaum einfach „passiert“ sein. Wir dürfen daher architektonische Absicht vermuten. Die ort- und zeitgleiche Anwendung beider Säulenordnungen mag schnell Urteilenden als „Protopostmoderne“ erscheinen, das Phänomen wäre provokant benannt, einige Lacher hätte man eingeheimst - aber sind wir damit dem Wesen der Sache näher gekommen? Nein.

Befassen wir uns daher mit der Oberflächenbeschaffenheit der ionischen Säulenschäfte: Sie weisen ebenfalls Kanneluren auf, doch sind sie schmaler und tiefer. Vor allem aber trennt ein leistenartiger Steg die vertikalen Rinnen, sodass das Rund der Säule stärker zum Ausdruck kommt. Sie wirkt weniger abweisend, mithin weniger raumverdrängend als eine Säule mit dorischer Kannelur. Hier dürfte der Schlüssel für ein Verstehen der vier andersartigen Säulen liegen: Dorische Säulen hätten stärker raumfordernd und objekthafter gewirkt. Der Raum wäre zurückgedrängt worden. Die annäherungsfreundlichere Kannelur der ionischen Säulen nimmt die mitten im Raum stehenden stützenden Elemente zurück, um den Raum aufzuwerten. Auch hier wurde eine ausgewogene Spannung gegensätzlicher architektonischer Momente angestrebt.

Einmal sensibel geworden, wird man bald merken, dass auch bei den Propyläen, dem Torbauwerk zur Akropolis, die inneren, den Torweg flankierenden Säulen der ionischen Ordnung folgen, während außen die dorische gilt. Nun dürfen wir annehmen, dass das Nebeneinander beider Ordnungen weder historische noch stilistische Gründe hat, sondern schlicht architektonischen Wirkungen gehorcht. Vitruv, der ein halbes Jahrtausend nach Errichtung des Parthenon Stile und Entwicklung erläuterte, hat Textgläubige auf eine zumindest denkwürdige Fährte gelockt. Das authentisch-architektonische Wesen eines Sachverhalts ist in den Bauwerken selbst zu suchen. Ihr Nachvollzug hilft, den Blick zu schärfen für ähnliche oder auch ganz andere architektonische Phänomene, die dann beim Entwerfen das Verständnis für ein Arbeiten mit komplexen Zusammenhängen zu einem lustvollen Prozess werden lassen, im Gegensatz zur Exekution modischer Stilelemente mit platter, auf vordergründige Effekte zielender Aussage.

Dabei ist es relativ unerheblich, an welchen Bauwerken und an welcher Epoche wir den differenzierenden Blick schulen, die Geschichte der Architektur ist so reich, dass wir nie an ein Ende gelangen.

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