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24. Dezember 2004 Der Standard

Hallen, Höhlen und andere Sensationen

Kindermuseen können wettmachen, was Eltern und Normen verbieten: Raum ertasten, erfahren, erleben

Der Weg in die Erwachsenenwelt führt für Kinder - vor allem für Kinder, die in Städten aufwachsen - über Normen. Vom Sitzbankerl bis zum Krabbelbaum, vom Kindergartenkuscheleck bis zum Klassenzimmer: Alles ist genormt, alles ist abgesichert und alles ist vor allem so gestaltet, dass sich die lieben Kleinen auf gar keinen Fall wehtun können.

In dieser überbetont sicheren Welt bleibt dabei einiges auf der Strecke. Zum Beispiel die elementare Erfahrung, dass man irgendwo auch herunterfallen und sich dabei durchaus wehtun kann - oder, ganz wichtig, die Sensation sehr große und ganz kleine Räume, verschiedenste Dimensionen und Volumina zu spüren und im besten Sinne des Wortes für sich zu er-leben.

Die Kinder- und Entwicklungspsychologie weiß, dass die Erfassung des Raumes und des Dreidimensionalen eine äußerst schwierige und komplexe Angelegenheit für das sich entwickelnde Gehirn darstellt, die bereits in ganz jungen Jahren geübt und immer wieder trainiert werden muss. Hirn und Leib gehören bekanntlich zusammen, und wenn dieses wichtige Zusammenspiel nicht rechtzeitig geübt wird, können die daraus folgenden Erfahrungsdefizite später nicht mehr wettgemacht werden.

Kinder, so sagt die Museumsexpertin und ehemalige Zoom-Kindermuseum-Leiterin Claudia Haas, müssen sich die Räume vor allem „ergehen“, um sie erfassen zu können. Die Gelegenheiten dafür schwinden in der gebauten Umwelt, man hält sich zumalen in den genormten Schuhschachteln der Wohnbauten oder auf Spielplätzen auf, die wenig Freiheit für das körperliche Experimentieren und Selbsterfahren lassen.

Es gibt tatsächlich Volksschüler, die zeitlebens noch nie Waldräume, Kirchenschiffe oder andere Säle betreten haben, von den haptischen, olfaktorischen und anderen Sensationen, die Bäumeklettern, Feuerlheizen, Forellenbraten und ähnliche zivilisatorische Ungeheuerlichkeiten bieten, wollen wir hier lieber ganz schweigen.

Zurück zur Architektur: Hans Hollein etwa ist einer jener Architekten, die bewusst diese wichtigen Raumerlebnisse in die Planung von Schulen mit einbeziehen und dieses Anliegen auch immer wieder artikulieren. Doch auch für die Noch-Kleineren beginnen Kommunen und ArchitektInnen Räume bereitzustellen, die die Erfahrungswerte der Kinder deutlich bereichern können.

Vor einem Jahr wurde beispielsweise in Graz ein Kindermuseum eröffnet, dessen Architektur als vorbildlich bezeichnet werden kann. Zum einen haben die Architekten Hemma Fasch und Jakob Fuchs sehr sorgfältig recherchiert, wie es aussieht, wo Kinder sich wohlfühlen. Zum anderen hat sich Graz - bei zwar knappem Budget und einer durch das Kulturhauptstadt-Jahr 2003 enorm kurz vorgegebenen Bauzeit - ein Musterbeispiel geleistet, das für andere Städte Vorbildwirkung haben dürfte.

Das Grazer Kindermuseum empfängt seine kleinen Besucher und Besucherinnen mit einem heimeligen, betont niedrigen Raum, von dem aus allerdings sofort Einsichten in die folgenden Räume und die darin enthaltenen, aufregenden Spielmöglichkeiten getan werden können. Die einzelnen Bereiche dieses sehr offenen, barrierearmen Hauses können rasch erfasst werden, das heißt, die Kinder können sich optimal orientieren und wissen an jeder Stelle und zu jedem Zeitpunkt genau, wo sie sich befinden.

Fasch und Fuchs haben aus sehr schwierigen Bebauungsbedingungen durch planerisches Können das optimale Raumgebilde entworfen: Das Museum entwickelt sich in verschiedenen Ebenen, es bietet sehr hohe und auch ganz niedrige Raumzonen, es holt durch großzügige Glasbänder die Umgebung des Parks, in dem es steht, ständig in das Haus herein, und es verführt seine kleinen Besucher dazu, sich auch einmal in ausgesprochen gemütlichen, niedrigen Zonen hinzuknotzen, aus dem Fenster zu schauen und vielleicht ein bisschen auszuspannen.

Das Grazer Kindermuseum kommt dem, was sich Claudia Haas unter einem idealen Kinder-Spiel-und-Ausstellungshaus vorstellt, sehr nahe. „Kinder sind heutzutage viel zu wenig allein“, meint sie zum Beispiel, und deshalb wären neben den wünschenswerten betont unterschiedlichen Raumhöhen vor allem auch Rückzugsmöglichkeiten, wie geschützte Winkel und Ecken bis hin zu höhlenartigen Räumchen sehr gefragt.

Das Wiener Pendant, das Zoom-Kindermuseum im Museumsquartier, glänzt weniger durch seine eher uninspirierten, weil vorgegebenen Räumlichkeiten, als durch seine Möblierung, die von der Architektengruppe Pool stammt, und durch die aufwändigen, sehr liebevollen Themen-Ausstellungen, die über 100.000 kleine bis mittelgroße Besucher pro Jahr anlocken.

Derlei Ausstellungsgestaltung übernehmen sehr oft Architekten, doch sind die in ihren gestalterischen Möglichkeiten einmal mehr äußerst limitiert, denn die Sicherheit jeder Installation steht deutlich im Vordergrund. Haas, die große internationale Museumsinstitutionen wie etwa den Pariser Louvre professionell berät, erinnert sich an die eher wilderen Zoom-Anfangszeiten zurück: „Wir hatten nie sonderliche Ängste, doch dass sich bei so vielen Besuchern einmal ein Kind wehtut, ist ziemlich wahrscheinlich.“ Die daraus folgenden Klagen und rechtsanwaltlichen Schritte ebenso, weshalb man eher den Weg in sicherere - und damit auch etwas langweiligere Gefilde und Ausstellungsarchitekturen einschlug.

Fazit: Institutionen wie jene in Wien und Graz sind äußerst zu begrüßen, sie können jedoch nur bedingt ersetzen, was Wald, Wiese, Baumhaus den Landkindern bieten. Wer diese Haltung der Reaktion zuschreibt, möge einmal vor Ort die Beobachtung anstellen und mit ungeübteren Stadtkindern Bäumekraxeln und Gatschhupfen gehen. Die Bewegungsarmut bis hin zur -unfähigkeit werden Alarmglocken schrillen lassen. Für Haas stellt das Eingesperrtsein in kinderungerechten Stadträumlichkeiten jedenfalls eine „ungeheure Sinnesverarmung“ dar. Räumliche und körperliche Erfahrungen gehören zur Menschwerdung wie das Sprechenlernen, also rein in Hallen und Höhlen, und getrost zurück auf die Bäume.

18. Dezember 2004 Der Standard

Betonsteinerner Hain

Kein Denkmal, sondern ein Ort, der jeden auf sich selbst zurückwirft: Peter Eisenmans Mahnmal in Berlin.

Die völlig naive, nachgerade dumme Frage, ob man sich in diesem riesigen, verwirrenden „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin nicht allzu verloren fühlen könne, beantwortet der amerikanische Architekt Peter Eisenman, 72, nach einem Moment nachsichtiger Stille mit einer Geschichte. Eine ältere Frau hatte sie ihm erzählt:

Ein fünfjähriges Mädchen wird mit seiner Mutter in einen Zug gesteckt und nach Auschwitz deportiert. Der Zug hält. Die Insassen steigen aus. Gleich auf dem Bahnsteig bricht die Hölle los, wird die Mutter von KZ-Wärtern in die eine Richtung gezerrt, das Mädchen in die andere. Verwirrung, turmhohe fremde Menschen rundherum, das Mädchen kann die Stimme seiner Mutter zwar noch von irgendwo hören, aber es sieht sie nicht mehr. Es wird sie nie wieder sehen.

Dieser Moment des Verlorenseins, Alleinseins in einer Menschenmasse, die Verwirrung und Verzweiflung - dieser Moment wird nie vergehen, wird nie Vergangenheit sein, wird immer da sein für die Frau, die einmal dieses Mädchen war.

Berlin und die dazugehörige Nation Deutschland wird über sechs Jahrzehnte später, am 10. Mai kommenden Jahres, das „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ der Öffentlichkeit übergeben. „Einweihung“ oder „Eröffnung“ wären für diesen anderen Moment in der deutschen Geschichte die wohl falschen Begriffe, so wie auch „Mahnmal“ oder „Denkmal“ angesichts dieses Ortes irgendwie unpassend erscheinen.

Überhaupt: Alles Offizielle, Feierliche, Zeremonielle, Kollektive passt nicht hierher in diese eigenartige Szenerie, die Peter Eisenman entworfen und in den vergangenen Jahren umrahmt von vielen Debatten, anfangs lauten und mit Fortschreiten der Arbeit immer leiser werdenden Misstönen aufgebaut hat. Jetzt, da das Denkmal fast fertig ist, hat es kaum noch Gegner, dafür ist die Neugier darauf enorm. Auf dem kleinen Aussichtplateau am Rande der Szenerie drängen sich täglich zu jeder Uhrzeit die Menschen - Berliner wie Touristen.

Im Mai, wenn man das Gelände dann erstmals offiziell betreten darf, werden zwar viele mehr oder weniger gescheite Reden geschwungen und wichtige Menschen gesehen werden. Es wird auf die schwierige und langwierige Genese des Projektes verwiesen und auf die allgemeine gegenseitige Befriedung angestoßen werden. Doch egal, wie viele Leute auch anwesend sein werden, um das Resultat dieses enormen kollektiven, höchst politischen und sehr spät doch noch gemeisterten Kraftaktes zu würdigen - im Gewirr der Stelen werden alle irgendwie verloren gehen, jeder wird für sich allein sein, und jeder wird mit diesem Gefühl für sich umgehen müssen. Ganz allein.

Das ist die wichtigste Leistung dieses Ortes mitten im Zentrum der großen und an guter Architektur so reichen Stadt Berlin: Er wirft diejenigen, die ihn betreten, die sich in die Tiefen dieses Betonstelengewirrs wagen, gnadenlos auf sich selbst zurück.

Hier wird nichts Konkretes betrachtet oder Dargestelltes studiert. Hier sind keine Inschriften zu finden. Hier wird nicht in Bildern serviert, wie schrecklich damals war, was nie wieder passieren darf.

Man versinkt vielmehr in einem Meer von 2751 scharfkantigen Betonstelen, die in sanften Wellen ihre Höhe ändern, sodass der Himmel manchmal greifbar, manchmal unendlich weit entfernt scheint. Die Wege zwischen den Stelen entwickeln sich von sanften Pfaden rasch zu tiefen Schluchten, sie folgen strengen rechtwinkeligen Geometrien, doch ganz zarte Schrägstellungen und Kippungen der Stelen sorgen für verwirrende, verunsichernde Effekte, die vor allem bei scharfem Sonnenschein für das entsprechend irritierende Licht-Schatten-Spiel sorgen. Denn vor allem die Schlagschatten, die die Stelen einander quasi stumm zuwerfen, überhöhen und verzerren die leichten Schrägen der Betonklötze zu einem surrealen Licht-Schatten-Grau-Geflirre.

Drei Fußballfelder groß ist das Stelenfeld, es ist gleich neben dem Brandenburger Tor und dem Reichstag gelegen und nur ein paar Blöcke entfernt von den sich allmonatlich verschlimmernden Architekturgräueln des Potsdamer Platzes, den man getrost als einen der unmenschlichsten und hässlichsten Orte des gesamten Erdenrundes bezeichnen kann. Doch sobald man Eisenmans betonsteinernen Hain betritt, wirkt der Verkehrslärm gedämpft. Und ist man einmal mittendrin, so hört man die Stadt nur noch leise von ferne murmeln, der Takt der eigenen Schritte und der Widerhall geben jetzt den Ton an.

Vergangenen Mittwoch wurde unter regem medialen Interesse nun die letzte der insgesamt 2751 Betonstelen versetzt. (DER STANDARD hat berichtet.) An den Betonpflasterungen der inneren Wege wird noch gearbeitet, auch an den reduzierten, im Boden versenkten Leuchten und an dem Gedenkzentrum, das unter dem Areal liegt.

Das Betreten der Noch-Baustelle war aus diesem Grund strikt verboten, selbst Peter Eisenman musste verhandlerisches Geschick an den Tag legen, um zwei Medienvertreter - unter anderem den STANDARD - in das betonene Meer schmuggeln zu können. Alle, inklusive Eisenman, gingen schon nach wenigen Schritten verloren, erst nach vielen Viertelstunden und nach Wiedererreichen der Ufer fand man einander wieder.

Wer den inneren Weg durch diese vielen Pfade und Schneisen aufsuchen will, braucht vor allem Zeit. Erst nach einer Weile beginnen der Rhythmus, das Spiel mit unterschiedlichen Höhen und Grauschattierungen und die akustischen Effekte zu wirken.

Ob er sich nicht vor Vandalismus und Sprayern fürchte? Eisenman verneint und meint, das Denkmal sei für sich stark genug, es müsse dergleichen wohl aushalten können. Es würde ihn auch nicht stören, wenn Skater die gewellten Pfade auf ihren Boards für sich entdecken sollten. Wie Berlin mit dergleichen Aktivitäten umgehen will, wird sich weisen. Die Stelen sind jedenfalls sicherheitshalber mit farbabweisenden Substanzen ausgestattet.

In der Eisenman-Ausstellung „Barfuß auf weiß glühenden Mauern“ - derzeit zu sehen im MAK-Wien und gekonnt kuratiert von Tulag Beyerle - kann man übrigens einen Mikro-Ausschnitt des Berliner Denkmals betreten und den Hauch eines Eindrucks davon gewinnen. Doch nur einen Hauch.

27. November 2004 Der Standard

Hundert Jahre Lässigkeit

Das Wiener Kaffeehaus Prückel ist zeitlos und trotzdem schon so alt

Der Faktor Zeit spielt in einem ordentlichen Kaffeehaus gleich mehrere elementare Rollen, und an keinem anderen Lokal lässt sich das besser ablesen als am Café Prückel in Wien.

Dass diese Großstadtoase der Mehlspeisen und Kaffeespezialitäten, der Zeitungsberge und Aschenbecher an der Ecke Stubenring/ Wollzeile dieser Tage den hundertsten Geburtstag feiert, muss von all seinen Gästen demütig und dankbar angenommen und gewürdigt werden. Hundert Jahre Kaffee sieden, Kuchen backen, den Gästen ein atmosphärisch wie architektonisch fantastisches Interimszuhause bieten - eine Meisterleistung, die manch anderem Kaffeehausbetreiber Wiens leider nicht geglückt ist.

Der Sermon der passionierten Kaffeehaushocker der Bundeshauptstadt ist bekannt: Zu viele dieser freundlichen Traditionszufluchtsstätten verschwanden in den vergangenen Jahren. Zuletzt ging das Café Museum leidvoll von uns. Es wurde niederpoliert, filetiert und nunmehr den Touristen zum Fraß vorgeworfen. Wo Messing unter Lack versiegelt blinkt, lässt sich kein anständiger Kaffeehausmensch auf Dauer blicken. Wo Kaffeehäferln mit grünem Pseudo-Kaffeehaus-Ketten-Logo verschenkt und die Nichtraucherwelt zur Tugend erklärt wird, auch nicht. Und die zeitgenössischen Lokale, in denen man Cappuccino und Caffè latte anstelle der Melangen bestellt, mögen so schön und flippig sein, wie sie wollen - sie spielen in einer anderen Liga und müssen erst beweisen, ob sie in ihrer Zeitgeistigkeit in ein paar Jahrzehnten auch noch funktionieren.

Das Prückel hingegen hat seine Kaffeehauswürde über lange Zeitspannen hinweg bewahrt, gepflegt und immer wieder sorgfältig erneuert. Christl Sedlar führt das Lokal in dritter Generation und seit nunmehr 44 Jahren. Die Republik bewies Kaffeehausbewusstsein und honorierte das soeben mit dem Goldenen Verdienstzeichen der Republik.

Selbstverständlich spielt die Architektur des Lokals eine wichtige Rolle in seiner Erfolgsgeschichte - und auch die behutsame Art, wie mit dieser Architektur in den vergangenen Jahrzehnten wiederholt umgegangen wurde.

Als Christl Sedlar noch nicht die fein gezeichnete Dame war, die sie jetzt ist, sondern ein bezopfter Teenager, saß an einem ganz bestimmten Tisch und so gut wie täglich ein kräftiger, nicht besonders großer Mann zu Gast, las die Zeitungen, trank Kaffee, betrachtete mit zunehmendem Missvergnügen die etwas angealterte und reich verzierte Jahrhundertwende-Ausstattung des Lokals, die irgendwie nicht mehr in die 50er-Jahre passte.

„Sie sollten jetzt irgendwann einmal restaurieren“, sprach er sodann zu Sedlars Vater, und so kam es, dass der Stammgast und Architekt Oswald Haerdtl sein Stammlokal Prückel zu dem umbaute, was es heute noch ist: ein fast zeitlos schönes, weites Lokal, in dem jedes Detail, jeder Schirm- und Mantelständer passt, mit Stühlen und Bänken, in die man, ausge- stattet mit Zeitungen aus aller Welt, stundenlang versinken kann, ohne einen Moment der sitzfleischhaften Unbequemlichkeit zu verspüren.

Das Prückel lebt von hohen, lichtdurchfluteten Räumen, von einer großzügigen, unbeengten Anordnung der Tische und Stühle, von unkonventionellen und zugleich unaufdringlichen Farb- und Materialkombinationen - und von einer gewissen Lässigkeit, die all das nicht zu einem im Zeitloch der 50er-Jahre festgefrorenen Designtempel hochstilisieren. Geschleckt wirkt hier gar nichts, es gibt Vorhänge und wuchernde Philodendren, in den Raum ragende Mehlspeisvitrinen, Zigarettenautomaten unterschiedlichsten Alters, schöne und hässliche Uhren und wechselnde Kunstwerke im kleinen Eckzimmer im Zwickel des L-förmigen Lokals. Gelebte Wiener Kaffeehauskultur eben.

Über all dem, und in stattlicher Höhe, prangt eine rosa-weiß-gestreifte Decke. Sedlar erinnert sich noch daran, wie Haerdtl die ursprünglichen reichen Stuckaturen abschlagen und den nackten Plafond im typischen Prückel-Rosa streifig pinseln ließ. Große Heizgeräte beschleunigten den Trocknungsprozess - denn auch in den 50ern war schließlich Zeit schon Geld. Die Gäste akzeptierten den Umbau sofort, das Kaffeehaus florierte, Sitze, Wände, Boden bekamen denn bald auch wieder jene Patina, die ein Café braucht - die allerdings auch irgendwann einmal wieder zu dick aufgetragen ist.

Über drei Jahrzehnte später saß denn auch - wieder an einem bestimmten Tisch, und wieder so gut wie täglich - ein anderer Mann auf seinem Stammplatz, trank Kaffee, las die Zeitungen und blickte abermals mit zunehmendem Missvergnügen auf die mittlerweile mit Tapeten überkleisterte Decke des schon etwas abgeblättert wirkenden Etablissements. „Sie sollten jetzt irgendwann einmal restaurieren“, sagte der Architekt Johannes Spalt Ende der 80er-Jahre zu Christl Sedlar, und es war eine glückliche Fügung, dass er und nicht ein anderer sich dem Denkmalschutz verpflichtet Fühlender die Wiederherstellung des Kaffeehauses in Angriff nahm.

Spalt leistete die uneitelste Arbeit, die ein Architekt leisten kann: Er nahm seine persönlichen gestalterischen Talente völlig zurück, um die des ursprünglichen Lokaldesigners wieder zur Geltung zu bringen. Er schlüpfte gewissermaßen in eine Art Zeitloch und transportierte den Geist Haerdtls und der 50er-Jahre hinüber ins Heute.

Das gesamte Mobiliar wurde restauriert, die Polsterstühle neu bezogen, der Boden ersetzt, die Decke originalgetreu gefärbelt. Die Restaurierung erfolgte in Etappen, der Kaffeehausbetrieb blieb aufrecht, die Gerüste wanderten langsam wie schon zu Zeiten Haerdtls durch das gesamte Lokal. „Der Mann, der die Decke strich, war schließlich ganz steif von seiner Arbeit“, sagt Sedlar.

Sie weiß, was sie an dieser Architektur hat, und sie weiß auch, dass ihre Gäste „diese gewisse Atmosphäre, das fast Glatte, Zeitlose“ zu schätzen wissen. „Die Wellen der Architektur kommen und gehen“, sagt sie, „aber das Prückel hat sich noch immer gehalten.“

Tatsächlich ist das Lokal besser besucht denn je. Der Faktor Zeit wird von jenen genossen, die hier ein bisschen ausspannen, tratschen, den Prückel-Kleinen-Braunen im Glas trinken, und der Faktor Zeit wird auch von den Kellnern beachtet, die keinen Gast länger als ein paar Minuten auf die Bestellung warten lassen.

27. November 2004 Der Standard

Kunsträume

Real Estate Fakery" nannte der amerikanische Architekt John Lautner verächtlich die hilflosen Einfamilienhaus-Stilmischungen, mit denen seine Kollegen im Laufe der Zeit die Hänge von Los Angeles zupappten. Die Häuser, die er selbst für die oberen Zehntausend der Stadt baute, hatten immer nur einen Stil: den Lautners selbst. Er blieb unerreicht, einzigartig, auch heute noch, zehn Jahre nach seinem Tod. Die privaten Ausnahmevillen, die er für Filmproduzenten und Stars entwarf, spielten in diversen Filmstreifen keine geringen Rollen: In Diamantenfieber sah man das Haus Elrod, in Unter Null das unvergleichliche Haus Silvertop, Der Tod kommt zweimal spielt in der 60er-Jahre-Ikone Chemosphere, Zwei stahlharte Profis trieben im Haus Garcia ihr Unwesen. Im Wiener Mumok sieht man derzeit Lautners Haus für die Familie Sheats aus dem Jahr 1963 in einer weiteren Rolle - diesmal zugedacht von der Künstlerin Dorit Margreiter, die „Konventionen der filmischen Repräsentation“ anhand einer komplizierten, virilen Videoarbeit hinterfragen will. Die Architektur als Hauptdarstellerin, zu sehen bis 16. 1. im Mumok, Museumsquartier.

20. November 2004 Der Standard

Was kostet die Welt

Österreichische Architekten bauen international: Bei guter Organisation und mit politischem Rückenwind könnte sich Architektur zum Exportfaktor entwickeln.

Die heimische Architekturszene hat ein Qualitätsniveau erreicht, das international gefragt ist. Das zeigt sich zum Beispiel darin, dass Österreichische Architekten zunehmend zu internationalen Wettbewerben und Gutachterverfahren geladen werden, sie in den USA, in China und in der gesamten EU gern gesehene Vortragsredner sind, und dass man sie als Professoren an den wichtigsten Architekturfakultäten der Welt wiederfindet.

Und: Sie holen sich zunehmend auch Aufträge im nahen und fernen Ausland. In China, in Frankreich, in Deutschland, in Südtirol, in der Schweiz. Die Liste der international Aktiven ist beachtlich: Baumschlager & Eberle, the next ENTERprise, BEHF, Heinz Neumann, Querkraft, Adolf Krischanitz, Volker Giencke, Günther Domenig, Johannes Kaufmann, Klaus Kada, Much-Untertrifaller sind nur einige von ihnen, und dass Coop Himmelb(l)au, Hans Hollein & Co schon lange Kultur- und Architekturexport betreiben, ist bekannt. Neu ist, dass die jüngere Garde aktiv nachzieht.

„Langfristig betrachtet sieht die Auftragslage im Ausland mittlerweile besser aus als in Österreich“, sagt Elke Delugan-Meissl. Kollege Georg Driendl pflichtet ihr bei: Die heimische Auftragssituation sei „eher ein Jammer“, international sehe es wesentlich besser aus. Driendl und das Büro Delugan-Meissl gehören zu jener gar nicht so kleinen Schar Architekten, die zumindest in Fachkreisen international keine No-Names mehr, sondern gern gesehene Know-how-Transporteure sind. „Architektur ist definitiv ein Exportfaktor geworden“, sagt Elke Delugan-Meissl, und dass es sich dabei nicht nur um Planungsexport handelt, rechnet der Architekt Georg Reinberg vor.

Reinberg gilt seit Jahren als einer der wichtigsten Pioniere in Sachen energieoptimierten Bauens, ein Bereich, in dem die heimische Architektenschaft sowie die dazugehörige hochspezialisierte Industrie Weltrang haben. Allein in den vergangenen Monaten hat der Wiener Architekt Vorträge zu diesem Thema in Italien, Deutschland und Tschechien gehalten, in den Iran wurde er jüngst als Konsulent für ein Umweltprojekt geholt.

„Ich bemerke eine sehr starke internationale Nachfrage dieser Thematik“, sagt er, „während das Interesse in Österreich selbst eher gering ist.“ Vor allem eines sei wichtig: „Durch Vorträge und Ausstellungen bringen wir eine Menge heimischer Firmen international ins Spiel.“ Kammerpräsident Robert Krapfenbauer ist einer der Mitgründer eines Vereins, der Arge Planungs- und Beratungsexport heißt, im heurigen Frühjahr gegründet wurde und sich genau diesem Thema künftig widmen will: „Bei Planungsleistungsexport ist ein Nachzug für die Bauwirtschaft von 1 : 7 zu erwarten.“ Sprich, für jeden Euro, der von Architekten und Ingenieuren im Ausland verplant wird, darf sich die dazugehörige Bauindustrie Auge mal Pi über 7 Folgeeuros an Aufträgen freuen. Das Wirtschaftsministerium unterstützt die Bemühungen mit einer versprochenen Million Euro, die Auszahlung lässt derweilen noch auf sich warten. Und: Ins Auge gefasst sind nicht nur Architekten und Ingenieure, sondern auch Consultants und Finanzierungsberater.

Fazit: Die Architekten müssen ganzheitlich zu denken beginnen, wollen sie auch auf politischer Ebene im größeren Rahmen mitspielen, denn auf diesem Parkett zählen ausschließlich Zahlen und Fakten als Überzeugungsmittel, will man um Exportförderungen und Unterstützungen jedweder Art einkommen. Weder die Architektenkammer noch die Wirtschaftskammer verfügen derzeit über genaueres Zahlenmaterial, was die Argumentation im Wirtschaftsministerium naturgemäß erschwert.

Dass aber auch Ausstellungen wie Biennalen die Auftragslage der heimischen Baukünstler zu verbessern imstande sind, berichtet Volker Dienst, der sich als Sprecher der „Plattform für Architektur und Baukultur“ aktiv um Architekturexport bemüht: „Wir entwickeln derzeit konkrete Konzepte und Programme für den internationalen Dienstleistungsexport im Bereich Architektur und Baukultur.“

Einer, der das als Planer bereits aktiv und erfolgreich betreibt, ist Adolf Krischanitz. Seine Projekte allein in der Schweiz wiegen rund 110 Millionen Euro schwer - bewegen sich also in Größenordnungen, die es hierzulande kaum mehr gibt. Er meint: „Ich habe nicht das Gefühl, in Österreich die Chancen zu haben, die ich bräuchte.“ Allgemein betrachtet seien die Österreicher die bunten, interessanten Vögel in der Szene, die man gerne zu Verfahren einlade, dann aber doch nicht so gerne gewinnen lasse. Die Schutzmechanismen der nationalen Architektenverbände beginnen sich langsam, aber sicher gegen ausländische Konkurrenz zu wappnen. Umso wichtiger wäre eine Unterstützung der heimischen Architekten- und Bauszene auch auf wirtschaftspolitischer Ebene.

16. Oktober 2004 Der Standard

Fassaden, Leinwände, Oberflächen

Warum das MAK Wien seit zehn Jahren eine Dependance in LA unterhält, warum Thom Mayne seine Laudatio barfuß im Park halten musste und was der vor 50 Jahren gestorbene Architekt Rudolf M. Schindler mit all dem zu tun hat.

Vor etwa elf Jahren reiste der Chef des Wiener Muasums für angewandte Kunst (MAK), Peter Noever, nach Los Angeles, um irgendwelche dienstlichen Dinge zu verrichten. Kurz vor dem Abflug zurück nach Wien schlug er die LA-Times auf und blieb an einem Inserat hängen: Ein Apartment House des Architekten Rudolf M. Schindler, Baujahr 1939, stünde zum Verkauf, hieß es da. Vier Wohneinheiten. Ganz gute Lage. Käufer gesucht.

Wie auch immer Noever es anstellte: Es gelang ihm, einerseits den Verkäufer in Los Angeles so lange bei Laune zu halten, bis andererseits der bürokratische Instanzenlauf in Wien absolviert und die Ankauffreigabe aller Ministerien erwirkt waren.

Seither gehört dieses „Mackey Apartment House“ Schindlers der Republik, und seither wird es regelmäßig von MAK-Stipendiaten für jeweils ein paar Monate genutzt, um in der Stadt der Images, der Bilder, des Kinos die eigene Identität noch einmal anzuschärfen und die eigenen künstlerischen und architektonischen Belange zu präzisieren.

Das ist vor zwei Wochen zehn Jahre her gewesen und war selbstverständlich Anlass, um ein Fest zu feiern. Dieses Fest ging allerdings nicht im Mackey House über die Bühne, sondern in einem ganz besonderen Ambiente, das seinesgleichen sucht: in Rudolf Schindlers eigenem Wohnhaus in West Hollywood, gebaut in den Jahren 1920 und 1921.
Rudolf M. Schindler. 1887 in Wien geboren, 1914 nach Amerika emigriert, hier zu Lande lange Zeit nur wenigen Eingeweihten überhaupt ein Begriff, erst seit den 80er-Jahren nicht zuletzt dank einer großen Ausstellung im MAK auch in Österreich wiederentdeckt als einer der eigenwilligsten und stilprägendsten Architekten Südkaliforniens - neben dem ebenfalls ausgewanderten Kollegen und Freund Richard Neutra.

Das Haus, in dem er bis zu seinem Tod lebte und auch arbeitete, ist das gebaute Manifest eines Architekten, der sich aus den räumlichen und geistigen Engen des damaligen Europa freispielte und sich in das noch verhältnismäßig leere LA begab, um dort seine Visionen Häuser werden zu lassen.

Was Schindler so interessant macht, ist sein völlig kompromissloser Ansatz, die Architektur in jedem einzelnen Detail neu zu denken, von allem Überflüssigen abzuschlanken und sich gegen alle Widerstände - die der Bauinstanzen und die in den Köpfen - durchzusetzen. Das Wichtigste dabei: Im Zentrum seiner Planungen standen der Mensch und eine neue, offene, freie Art zu leben.

Unter der Sonne Südkaliforniens fließen da die Innen- und Außenräume ineinander, kleine Höfe werden zu Wohnzimmern, gläserne Fronten und verschiebbare Wände machen Innenräume zu luftigen Patios - und die betont nüchterne, nackte Konstruktion verstärkt noch den Reiz dieser virtuosen architektonischen Fingerübung. Die auf Fotos so voluminös wirkende Architektur ist tatsächlich überraschend zart, fast klein, die Räume sind geduckt und wirken in der Realität wesentlich bescheidener als in jeder Publikation. Doch das verstärkt ihren Reiz nur noch.

Schindlers Wohnhaus befindet sich heute im Besitz der Schindler Society, die - ebenfalls dank Noevers Engagement - mit dem MAK in enger Kooperation steht und das Haus dem MAK Center for Art and Architecture zur Verfügung stellt. Hier finden Ausstellungen, Lectures, Seminare und vieles mehr statt.

Am Abend des Festes wurde klar, welchen Sinn die auf den ersten Blick abenteuerliche Unternehmung Noevers macht: Mehr als 300 Gäste sahen sich mit gut gemachten Präsentationen des zeitgenössischen österreichischen Architekturschaffens konfrontiert, die Aufmerksamkeit blieb angesichts des heimischen Architektur-Im- und Exports gespannt. Als einer der Festredner trat der Architekt Thom Mayne vor das plötzlich störrisch gewordene Mikrofon, die Rückkoppelungen brachten ihn ins Schwitzen, er entledigte sich kurzerhand seines Schuhwerks, das Mikro blieb störrisch, die Stimmung wurde noch heiterer.

Peter Noever, Franz Morak und andere wichtige Menschen fanden ebenfalls kluge Worte, die eindringlichste Ansprache hielt allerdings eine junge Architektin mit Namen Andrea Lenardin Madden.

Sie war 1996 aus Wien als MAK-Schindler-Stipendiatin nach Los Angeles gekommen, und sie war geblieben. In einer Welt, in der Fassaden und Oberflächen sowohl die Architektur als auch die Menschen prägten, meinte sie unverblümt, in der Stadt der Schönen und der Leinwände sei es wichtig, sich vielmehr Schindlers Inhalten als einem vermeintlichen „Stil“ Schindlers zu stellen. Zu leicht könne ein Stil zur Oberflächlichkeit pervertieren, zu einfach sei es, sich der Architektur über Slogans zu nähern.

Wie auch immer Moden und Stile unser aller Leben prägen: Schindlers Wohnhäuser in Los Angeles haben in der jüngeren Vergangenheit nicht nur wegen ihrer zunehmenden medialen Prominenz wieder Hochkonjunktur. Etwa 200 Häuser soll er gebaut haben, rund 100 existieren noch. Viele davon sind bis zur Unkenntlichkeit verbaut, doch die Klientel der Kreativen - Künstler, Filmemacher, Architekten - übernehmen dieses Schindler-Imperium derzeit Schritt für Schritt.

Die Häuser werden sorgfältig restauriert und nach Möglichkeit in ihre Originalzustände rückgebaut. Denn der Inhalt hinter Schindlers hölzernen, gläsernen, betonenen Oberflächen hat die Jahrzehnte überdauert, und er ist in einer Zeit des billigen, rasch hochgezogenen Condominium-Trashs aktueller und begehrter denn je.

Peter Noever, sagte der barfüßige Thom Mayne, sei mit seinem brachialen Naturell ein wichtiger Katalysator für den transatlantischen Transport solcher Inhalte. Die Schindler Society hätte ohne MAK das Haus nicht erhalten können, das MAK hätte ohne Haus kein Kommunikationspodium. Ohne Visionen bleibt jede Existenz Oberfläche, Fassade, inhaltslos

27. August 2004 Der Standard

Roland-Rainer-Platz in Wien zum Geburtstag

Vor vier Monaten verstarb Roland Rainer, einer der wichtigsten Architekten Österreichs. Kommenden Mai wäre der Wiener 95 Jahre alt geworden. Bis dahin will ein Roland-Rainer-Komitee, dem unter anderem die ETH-Professoren Herbert Kramel und Gregor Eichinger sowie MAK-Chef Peter Noever angehören, nicht nur Rainers Nachlass sichern, sondern sich auch für die Umbenennung eines Platzes neben dem Hauptgebäude der Akademie der bildenden Künste in Wien zum Roland-Rainer-Platz einsetzen.

In einer Resolution, die etwa an Bundeskanzler Schüssel, Bundespräsident Fischer und Wiens Bürgermeister Häupl ging, heißt es: Die „Verankerung seiner Architekturgesinnung in der Gegenwart“ sei ebenso verpflichtend, wie „sein Erbe wahrzunehmen“.

Rainer selbst war von 1960 bis 1962 Rektor der Akademie am Schillerplatz, ein derzeit vakanter Lehrstuhl zur Thematik anonymer Bau- und Wohnformen - eines der wichtigsten Themen in Rainers Lebenswerk - geht auf seine Initiative zurück. Das Komitee will sich nun für eine bessere Dotierung der Lehrkanzel sowie für eine Umbenennung in „Roland Rainer-Chair for Habitat, Environment & Conservation“ einsetzen. Dies wäre ein internationaler Profilierungsschritt für die Akademie.

Das Komitee verlangt auch die Reaktivierung des zum 90. Geburtstag Rainers von der Stadt Wien und der Architektenkammer gestifteten Rainer-Stipendiums. Es ist mit 10.000 Euro dotiert, wurde allerdings erst einmal vergeben, da es Unstimmigkeiten mit der Stadt über die von Rainer definierte Ausschreibung gab. Darin heißt es: „Weniger die äußere Form beziehungsweise die ,Architektur' sind das Ziel dieser Arbeit als vielmehr die restlose Brauchbarkeit für das Leben von heute und morgen.“

23. August 2004 Der Standard

Das Bild der Stadt - Die Obszönität der Architektur

Die Architektur - Gespräche in Alpbach legten die Verständnis - grenzen zwischen Politik, Investorentum und Architektur offen. Was bleibt, ist die Suche nach zeitgenössischer Identität der Baukunst.

Alpbach - Der Titel der 4. Alpbacher Architekturgespräche lautete „Verständnisgrenzen. Architektur und Öffentlichkeit“. Die Positionen der Referenten hätten unterschiedlicher nicht sein können, was zeigt, dass das Thema gut gewählt war.

Die Architektur, behauptet der Schweizer Architekt Markus Schäfer etwa, befinde sich gerade jetzt im Umbruch. Er ortet eine neue „Gründerzeit“, und die oszilliert offensichtlich zwischen dem hilflosen Rückzug von Kommunen und öffentlichen Auftraggebern und den Protz- und Machtarchitekturen, die - von multinationalen Konzernen als Marketingmittel weltweit eingesetzt - die Städte verstärkt zu prägen beginnen.

Ohnmächtiges Ringen

Dazwischen: Denkmalschutz, Politik, Ökologie, Ökonomie in ohnmächtigem Ringen - die „Verständnisgrenzen“ wurden in Alpbach mehr als deutlich herausgearbeitet und veranschaulichten unter anderem, wie die Architektur selbst - von öffentlichen Auftraggebern allerorten im Stich gelassen - momentan verzweifelt um Identität bemüht ist.

Während der ehemalige finnische Ministerpräsident Paavo Lipponen eindringlich nationale und nationenübergreifende Architektur- und Städtebauprogramme einforderte und auf die elementaren sozialen und demokratischen Aspekte des Bauens verwies, veranschaulichte die Architekturmarketingexpertin Anna Klingmann recht affirmativ die geradezu obszöne Anmaßung, mit der die Großindustrie die Architektur weltweit als Machtmittel einzusetzen imstande ist. Wenn Marken wie Coca-Cola, Volkswagen und BMW dazu aufgerufen sind, ganzen Landstrichen in Sachen Identitätsfindung auf die Sprünge zu helfen, wenn die Architektur, wie Klingmann predigt, „auf das internationale Branding reagieren muss“, stellt sich schon die Frage, wo eigentlich der Mensch zwischen all diesen Logos und Marketingschlagworten bleibt.

Slums und Paläste

Der Grüne Christoph Chorherr formulierte diese Frage denn auch, indem er nach den beliebig addierbaren Bildern milliardenschwerer Konzernpaläste unter anderem ein einziges Foto eines Slums einblendete und auf dessen ebenfalls beliebige Addierbarkeit hinwies. Mittlerweile lebt immerhin fast die Hälfte der Menschheit in minderwertigen Quartieren.

Um die Verbesserung solcher Lebensumstände kümmern sich vor allem von engagierten Professoren dazu aufgerufene Architekturstudenten. Einflussreiche Architekturgrößen wie Rem Koolhaas und Herzog & de Meuron bauen unterdessen im Dienste der eigenen Publicity luxuriöse, hochtechnologisierte Verkaufsmaschinerien für Markenartikler wie Prada & Co.

Architektur-Branding

Das Branding in der Architekturszene ist längst erfolgt, die großen Namen sind selbst zu Architekturmarkenartikeln geworden, die Architektur hat sich von sozialer Kompetenz weitestgehend verabschiedet, und dass es ein bisschen unappetitlich wird, wenn die Kunden in der klimatisierten LCD-Umkleidekabine des Prada-Shops am Rodeo Drive in LA via Bildschirm ihre Rückenansicht realtime präsentiert bekommen, während es in den Wellblechhütten der Slums sommers auf die 70 Grad Celsius zugeht, versteht sich eigentlich von selbst.

Doch auch das „alte Europa“ muss aufpassen, will es nicht seines traditionellen Architektur-Wertekanons völlig verlustig gehen. Wenn der Denkmalschützer Wilfried Lipp das Bild der alten, gewachsenen Stadt gewahrt und vor schlechter Investorenarchitektur geschützt sehen will, dann ist er mit dieser „Suche nach dem verlorenen Bild“ nicht allein. Der Welt-Redakteur Rainer Haubrich verwies in seinem Referat ebenfalls auf den „Aspekt der Schönheit“ der Stadt, der etwa am Potsdamer Platz in Berlin dem Großinvestorentum geopfert worden sei.

Die Wege aus diesem Dilemma versuchte Paavo Lipponen aufzuzeichnen: 1998 formulierte die finnische Regierung als weltweit erste ein Programm ihrer Architekturpolitik, das „Architektur und Lebensqualität“ ins Zentrum rückt. Lipponen beschwor die politische Verantwortung der Regierungen: „Städteplaner müssen sowohl das öffentliche als auch das wirtschaftliche Interesse im Auge behalten, doch sie dürfen sich dem Druck des schlechten Geschmacks und der Habgier nicht beugen.“ Und: Auch auf die Unterprivilegierten sei Bedacht zu nehmen: „Sie brauchen dringend bessere Lebensumstände und damit eine bessere Architektur.“

21. August 2004 Der Standard

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Santiago Calatrava ist der Olympionike unter den Architekten, deshalb hat er sich mit Athens Stadion Gold geholt

Athen ist in seiner Hässlichkeit, in seinem Lärm und dem ewigen Abgasgestank eigentlich keine uncharmante Stadt. Die Architekturen sind unendlich schlampig und improvisiert, städtebauliche Konzepte sind so gut wie nicht erkennbar - und trotzdem hat dieser Stadtmoloch einen eigenen, virilen Reiz des Unvollkommenen, sehr Menschlich-Lebendigen.

Die Fernsehbilder, die dieser Tage die Bildschirme von Kap Hoorn bis Wladiwostok überflimmern, zeigen reichlich wenig vom Alltagsleben der griechischen Millionenstadt. Jetzt dominieren Athletenkörper, sportliche Höchstleistungen und gebannte Zuschauermassen das Bild - und ein über all dem schwebendes Konstrukt, das gewissermaßen das architektonische Pendant zu den physischen Spitzenleistungen darunter darstellt.

Schon auf den ersten Blick wird klar: Der spanische Architekt Santiago Calatrava war als Erster hier, er hat als Erster seine Chance erkannt. Er hat schneller, stärker und höher reagiert als die verschlafenere Weltarchitektenschaft, und er hat die Bilder seiner Architektur publicityträchtig mit einem Schlag in das kollektive Bewusstsein der sportinteressierten Weltbevölkerung katapultiert. Eine Meisterleistung.

Die kühn geschwungene Überdachung der Tribünen des Athener Olympiastadions trägt so eindeutig Calatravas Handschrift, dass es fast schon amüsant ist: Zwei jeweils 304 Meter lange Bögen überspannen das Stadion aus den 80er-Jahren. Sie dienen Stahlseilen als Träger und Befestigung, die wiederum die Polykarbonat-Paneele der abgehängten Dachflächen darunter halten. Diese weisen ebenfalls eine leichte Schwingung auf und spenden den wohltuenden Schatten, den 75.000 Zuschauer im sowohl sportlich als auch jahreszeitlich heißesten Monat des Jahres wohl bitter nötig haben. Was insgesamt sehr zart und elegant konstruiert wirkt, wiegt über 17.000 Tonnen und überdeckt rund 10.000 Quadratmeter, was 95 Prozent der Sitzplätze entspricht.

Calatrava kann zufrieden sein. Während die Sportler sich noch im Wettkampf üben, darf sich der Architekt zurücklehnen und freudig-entspannt dutzendfach pro Tag die Fernsehbilder seines Stadiondaches betrachten. Seinen Wettkampf hat er bereits hinter sich, und dass er ihn gewonnen hat, steht fest.

Als Athen im Chaos der Olympia-Vorbereitungen gerade total zu versinken drohte, war der Spanier in seiner stillen Art plötzlich aufgetaucht und hatte mittels einer Ausstellung seiner Arbeiten den Chaoten dort gezeigt, was denn so möglich sei in der Welt der Architektur. Man kam, sah, staunte. Und ernannte ihn prompt zum Chefarchitekten der Olympischen Spiele.

Calatravas Oeuvre ist kein kleines, und bescheiden ist es auch nicht. Mit seinen Bahnhöfen und Brücken machte sich der 1951 in Valencia Geborene bereits in den 80er-Jahren einen Namen. Vor allem die elegante SBB-Station in Luzern galt der internationalen Architekturkritik als erfrischendes, neues Meisterwerk, das einen anderen Wind in die damals träg vor sich hin dümpelnde Postmoderne brachte. Über leere Auftragsbücher konnte sich der Spanier in der Folge nie wieder beklagen. Er baute Brücken in Mérida, Bilbao und in Kanada, Bahnstationen in Lissabon und Berlin, den Flughafen von Lyon, eine Konzerthalle in Teneriffa. Derzeit arbeitet er an der Verkehrsstation des neuen World Trade Centers in Manhattan und drückt gleichzeitig seiner Heimatstadt Valencia mit diversen noch in Bau befindlichen Gebäuden seinen Stempel auf.

Tatsächlich hat der Architekt und Bauingenieur stets einen eigenwilligen Einzelgängerweg beschritten, der sehr rasch in eine der charakteristischsten - aber auch in eine der umstrittensten Handschriften mündete, die es in der zeitgenössischen Weltarchitektur derzeit gibt. Calatrava hat immer schon bewusst Konstruktion und Bauingenieurskunst in den Vordergrund gerückt und mit Stahl und Beton gefällige Gebilde geschnürt. Sie gaben tadellose Landmarks und Stadtsilhouetten ab, ihre statische Sinnhaftigkeit wurde von den trockeneren Spezialisten der Zunft allerdings meist heftig hinterfragt.

Auch das am höchsten Punkt 80 Meter emporragende Olympia-Dach Athens wäre selbstverständlich bei gleicher Funktionalität in wesentlich bescheidenerer Form zu bewerkstelligen gewesen. Man hätte dann wohl auch nicht die kolportierten 200 Millionen Euro dafür bezahlen müssen. Der Stahl der Dachkonstruktion, so ätzen seine Kritiker, sei hauptsächlich damit beschäftigt, das eigene Gewicht zu tragen.

Das mag wohl stimmen, doch trifft diese Aussage auch auf Calatravas architektonische Vorbilder zu. Denn die den Blick prägenden Kirchen seiner Jugend sind, kühl statisch betrachtet, ebenfalls hauptsächlich damit beschäftigt, über Strebewerke den Schub der Gewölbelasten abzufangen. Und - um noch weiter in die Geschichte hinabzusteigen und sich wieder nach Athen zu begeben: Die griechische Tempelarchitektur selbst, diese gewaltige Blüte einer ganzen Zivilisation, war in dieser Form nur deshalb entstanden, weil den Griechen das entsprechende Bauholz ausgegangen war. Die Übersetzung der diesem Material gemäßen Konstruktionen in Marmor, der eigentlich denkbar ungeeignet dafür war, hat überdauert und gilt heute als Weltwunder.

Calatravas Olympia-Konstrukt spielt freilich weder formal noch konstruktiv in dieser Liga mit. Es ist nichts anderes als eine telegene Landmark, das perfekt vorzeigt, wie ein gewisser Zweig der Architektur heutzutage im Markenartikelgeschäft mitzumischen versteht. Wer hier reüssieren will, muss sehr früh aufstehen, jahrelang hart trainieren und zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle sein.

Calatrava hat das immer schon gewusst. Eines seiner ersten Projekte war 1983 ein kleines Vordach für das Postamt in Luzern. Ein paar Quadratmeter nur, doch die stehlen mit geschwungenen Blechen dem ansonsten schlichten, vernünftigen Gebäude bis heute eitel die Schau.

10. Juli 2004 Der Standard

Rollen im Rapsfeld

Mit ihrem Betriebsgebäude für einen Rolltorfabrikanten treten die Architekten ARTEC den Beweis an, dass Gewerbearchitektur preiswert und trotzdem auf höchstem Niveau sein kann.

Die Architekten Bettina Götz und Richard Manahl, alias ARTEC, haben vor einiger Zeit mit einem wunderbar absurden Konstrukt als Versatzteil eines niederösterreichischen Haufen-Bauernhofs den Beweis erbracht, dass ihnen auch das Bauen auf dem Land liegt. Der aluminiumblitzende Aufbau auf einen mehrhundertjährigen Stall, der die Denkerklause der Hofbesitzerin und Autorin darstellte, war eine wichtige Fingerübung: frech, innovativ, selbstbewusst, trotzdem der Umgebung verpflichtet, quasi die Neuinterpretation einer gewachsenen Dachlandschaft. Ausgezeichnet - auch mit Architekturpreisen.

Jetzt haben sich die Vorarlberger mit Wiener Büro anhand eines neuen Projekts eine andere Art Land vorgenommen, und zwar die Industrie- und Gewerbezone der Stadtränder. Kaum wo entsteht unter rasantem Verschleiß vormals fruchtbarer Äcker Hässlicheres und Unintelligenteres.

Doch es geht auch ganz anders: Das ARTEC-Betriebsgebäude für den Rolltorproduzenten Efaflex vor Baden bei Wien ist wieder eine dieser Fingerübungen, die nicht nur kunstvoll ausgeführt wurde, sondern in eine ganz bestimmte Richtung zeigt. Denn Gewerbearchitektur kann markant sein, ohne in marktschreierische Hysterie zu verfallen, sie kann intern logistische Qualitäten aufweisen, ohne ein Vermögen zu kosten, und sie kann die Unternehmensphilosophie elegant widerspiegeln, wenn die rechten Planer am Werk sind.

Im Falle des Unternehmens Efaflex heißt das Motto Geschwindigkeit: Man produziert die schnellsten Rolltore der Welt. Das Firmenlogo springt als Raubkatze, das Produkt selbst schnalzt auf Knopfdruck in flüchtigen Momenten zu formschönen Röllchen.

Diese zum Sprung geballte Kraft und Spannung drückt nun auch das neue Haus aus, in dem neben Büros eine geräumige Halle für die Assemblage der Tore untergebracht ist. Die stahlumhüllte Form ragt zum Eingang hin aus dem Ackerboden, die internen Spannungen werden unsichtbar in tiefe Fundamente abgeleitet, die Besucher und Mitarbeiter betreten das Haus unter dem sich daraus ergebenden schützenden Vordach, das immerhin fast zwölf Meter auskragt.

Es ist sofort klar, wie hier die Organisation funktioniert: Oben wird gedacht, geplant, Geschäft gemacht. Unten werden die Tore nach Maß zusammengebaut und über die hintere Zufahrt zum Kunden transportiert - durch ein geräumiges Efaflex-Tor, versteht sich.

Götz und Manahl sind Tüftler und Denker, ihre Konstruktionen passen immer, die technische Ausführung ist stets State-of-the-Art. Das allein würde jedoch noch keine Architektur produzieren. Was die beiden also besonders macht, ist ihr Proportionsinstinkt. Der wird vor allem im Inneren des Gebäudes sofort spürbar. Die Treppe aus Sichtbeton vom Foyer hinauf in das Büro etwa sitzt perfekt und zentimetergenau in die Tragkonstruktion eingepasst, die allerorten sichtbar und spürbar ist. (Die Statik des Hauses stammt übrigens von Oskar Graf.)

Der Büroteil, die kleine Teeküche, die Durchblicke in die Arbeitshalle, die Glaslamellenfenster - alles befindet sich im schmalen Bereich der dem Menschen angenehmen Dimension und Proportion. Kein Quadratmeter zu viel, kein Kubikmeter zu wenig.

Durch Glaswände abgeschirmte Zellen für die Vieltelefonierer, eine geräumige offene Schreibtischlandschaft für diejenigen, die sich untereinander austauschen müssen, damit die Geschäfte reibungslos laufen. Die Büros sind im Firmenorange gehalten, die schlichten, praktischen Möbel von ARTEC entworfen, vom Tischler preisgünstiger gemacht als alles, was man so von der Stange kaufen könnte, und jederzeit nach Bedarf erweiterbar.

Alle Stückerln spielt auch die Haustechnik: Die mächtige Decke wurde als Hohlkastenprofil ausgebildet, sie fungiert mit Doppelboden gleichzeitig als Heizungs- und Kühlelement. Der Sonnenschutz verläuft zwischen den Gläsern, weil die Winde des Badener Flachlandes alles andere zerzausen würden. Eine Spezialität sind auch die querlüftenden horizontalen Glaslamellenfenster an den Seiten (ein Schweizer Produkt der Firma Fieger, das noch Furore machen dürfte).

Der Innenausbau der Wände erfolgte über Platten, die aus Gips und Holzfasern gegossen wurden und eine angenehm rohe Atmosphäre schaffen, die gut zu den bloßliegenden und lediglich durch Anstrich feuerfest gemachten Druck-Zug-Elementen der Stahlkonstruktion passen.

Fazit: Das Efaflex-Betriebsgebäude ist die kluge und keineswegs überkandidelte Antwort eines intelligenten Unternehmers und seiner Architektenpartner auf die grausam anonymisierte Gewerbevorstadt. Hier wurde mit den angemessenen Mitteln von knapp 600.000 Euro (Nettobaukosten) angemessene Architektur gemacht. Wer glaubt, mit billigen Standardhallen auch nur annähernde betriebsin- und externe Qualitäten herstellen zu können, sollte sich vor Baubeginn vor Ort vom Unterschied überzeugen.

3. Juli 2004 Der Standard

Es brennt

Günther Domenig wird 70 und ist immer noch beste Architekturavantgarde. Sein hierzulande kaum bekanntes Dokumentationszentrum in Nürnberg ist neben dem Steinhaus sein wahrscheinlich stärkstes Werk.

Als der jugendliche Egon Erwin Kisch ausgeschickt ward, seine erste Reportage zu schreiben, wandelte er noch in Finsternissen. Es war Nacht, es brannte eine Mühle - und er wusste nicht, wo beginnen. Da erblickte er den Starreporter der damaligen Zeit. Der saß oben auf einem Feuerwehrwagen, und alle Brandlöscher, die Mühlenbesitzer, das Volk rundum kamen von der Feuersbrunst zu ihm geeilt, um ihm zu berichten. Und er saß da oben, nahm die Nachrichten entgegen und schrieb und schrieb. Kisch näherte sich ihm verschämt und frug, was denn hier so abgehe. Der Ältere beugte sich langsam zu dem noch gar nicht rasenden Reporter hinunter und flüsterte ihm ins Ohr: „Es brennt!“.

Als die noch jugendlichen Coop Himmelb(l)au bei Günther Domenig in die Lehre gingen, frugen sie ihn, was das denn sei, die Architektur. Da beugte sich der Ältere zu den Jüngeren hinab und flüsterte ihnen zu: „Architektur muss brennen!“. Und sie bauten ein kühnes Konstrukt und ließen es in Flammen aufgehen.

Heute ist die Aktion „Flammenflügel“ im Hof der TU Graz Teil des Mythos, der die Himmelblauen umgibt, und auch Günther Domenig, damals Vorstand der Grazer Architekturfakultät, blieb Zündler, Lehrender, Raubein, beste Architekturavantgarde. Ein Künstler, der Architekt sein kann. Ein Architekt, der den schwierigsten, weil den ganz eigenen Weg gegangen ist.

Am 6. Juli wird der Grazer, der in Klagenfurt geboren wurde, 70 Jahre alt. Seine Architektur zeigte und zeigt stets vor, dass es auch ganz anders geht im Baugeschäft, dass das Haus zur Skulptur werden kann, zur Landmark, und dass räumliche Qualitäten die funktionalen keineswegs aufheben.

Domenig hat ein paar Meilensteine in die Landschaft gesetzt, den Pavillon der Schwimmhalle für die Olympischen Spiele in München 1972 oder die wüste Z-Bank in der Favoritenstraße mit ihrer aufgeworfenen Metallfassade und den bloß liegenden Installationsgedärmen. Zuletzt klotzte er eine „liegende Skulptur“ in Form des mächtigen T-Centers an die Flanke der Wiener Südosttangente.

Doch die neben seinem eigenen, dem Steinhaus am Ossiacher See, wahrscheinlich persönlichste Arbeit des Architekten ist hierzulande kaum bekannt. Zum 70er stellt das Album Domenigs Dokumentationszentrum des Nationalsozialismus in Nürnberg vor, das vor knapp zwei Jahren eröffnet wurde und das, wie er selbst meint, neben dem Steinhaus sein wichtigstes Werk ist. Unter anderem, weil Domenig mit diesem Bau seine eigene Vergangenheit als Kind des Nationalsozialismus endgültig abfackelte.

Um das Haus zu beschreiben, muss man erst einen Spaziergang durch Nürnberg tun, das ein mittelalterliches Prachtstädtchen war, bevor Hitler es 1936 zur Stadt der Reichsparteitage erklärte. Heute ist der Schmerz der jüngeren Vergangenheit in jeder Hausecke, in jedem Fachwerk der einstmals wunderschönen Altstadt spürbar - gerade weil man ihn loswerden, wegschminken, wegbauen will.

Nürnberg ging in den letzten Kriegstagen im Bombenhagel der Alliierten unter, und die Nürnberger sind immer noch krampfhaft bemüht, ihre ältere Vergangenheit mittels der Architektur wieder auferstehen zu lassen: Sie schließen die großen Baulücken zwischen den wenigen wirklich alten Häusern mit Imitationen der Vorgestrigkeit: auf historisch getrimmtes Fachwerk zwischen Stahlbetonbauten. Nachgeschmiedete Innungszeichen längst untergegangener Handwerksbetriebe in den engen Gässchen.

Die jüngere Vergangenheit liegt nur wenige Kilometer vor den ehemaligen Stadttoren des Mittelalters, und sie liegt hinter einem dichten Kranz von Bäumen verborgen wie Dornröschens Schloss. Vogelgezwitscher. Menschenleere. Das Tausendjährige Reich - hier hat es Wurzeln geschlagen, und hier ist es, in Architektur geronnen, als schauerliches Mahnmal stehen geblieben - Hitlers Kongresshalle, in deren Hof Hunderttausende dem „Führer“ hätten huldigen sollen, liegt als gewaltiges Hufeisen in einer menschenleeren Parklandschaft: 60 Meter hoch, 275 Meter lang, 265 Meter breit. Ungeliebt von den Nürnbergern, besucht fast ausschließlich von Touristen und Schülern, die hier Geschichte hautnah studieren wollen.

Mit Domenig gewann 1998 der ideale Planer den internationalen Gestaltungswettbewerb für die schwierige Aufgabe, dieser übermächtigen Naziarchitektur mit einer eigenen, nicht minder selbstbewussten Formensprache entgegenzutreten. Denn einerseits brachte der Architekt sein außergewöhnliches Formgefühl und Raumtalent mit, und andererseits stand er mit einer zwar vergangenen, doch vielleicht noch nicht ganz bewältigten Kindheit vor den strengen Achsen und Symmetrien der Hitlermacht.

Domenigs eigene Kindervergangenheit, die vom Nationalsozialismus geprägt war und die er nicht zuletzt über seine aufmüpfige Architektur und seine Ehrerbietung den großen, oft jüdischen Architekten des 20. Jahrhunderts gegenüber abgeschüttelt hatte: Da stand sie plötzlich wieder. Er begegnete ihr in seinem ureigenen Metier - der Architektur. Und jetzt zerfetzte er sie endgültig.

Die Formensprache des Totalitären, Absoluten ist die Symmetrie, die Achsialität, die Masse: Domenig riss das Haus an einer Kante auf und schoss einen schrägen, eleganten Pfahl aus Stahl mit Leichtigkeit und Eleganz durch dieses gleichgeschaltete Heer aus Stein und Materie. Er erlegte das Haus gewissermaßen, denn von außen sieht man lediglich den Einschuss, doch der zieht sich innen quer durch und macht den Besuchern die einzelnen Räume, die er durchschneidet, über Ein- und Durchblicke gewissermaßen untertan.

Wie raffiniert Domenig mit relativ geringem Aufwand der Naziarchitektur die Nase zeigt, veranschaulicht der Umgang mit der Substanz, die weitestgehend unberührt blieb. Die Außenfassaden der Kongresshalle etwa suggerieren, dass hier mit Stein für die Ewigkeit gebaut wurde. Domenigs fein polierte, schräge Schnitte quer durch die Wände offenbaren kommentarlos, dass die steinerne Schminke tatsächlich nur wenige Zentimeter dünn ist und sich schlichter Ziegel dahinter verbirgt.

Domenig riss eine Wunde in die Substanz, die sich nicht mehr schließen wird. Die Besucher steigen heute durch diesen klaffenden Riss in das Haus ein - nicht mehr durch Hitlers Prachtportale. Der Bestand wird durch den stählernen Pfahl neu interpretiert und so zum wichtigsten Exponat. Die Videos marschierender Soldaten bleiben letztlich Staffage.

Architektur, die einmal „gebrannt“ hat, flackert heute in einem neuen Licht. Domenig hat mit seiner eigenen eine andere Architektur durchdrungen und neu interpretierbar gemacht.

Das ist die andere Art, mit der Vergangenheit umzugehen. Architektur kann brennen, ohne zu zerstören. Und sie kann leuchten, wenn einer sie baut, der selbst brennt.

[ Ö1 „Diagonal“ zur Person Günther Domenig:
CD, MC erhältlich unter 01/50170-374 oder audioservice@orf.at ]

3. April 2004 Der Standard

Ich Architekt Du Politiker

Die parlamentarische Enquete zum Thema Baukultur könnte ein Startschuss gewesen sein, wenn die Architekten Politik sprechen lernen. Noch können sie es nicht.

Es war Dienstag, der 30. März, als die heimischen Architekten für einen Wimpernschlag der Geschichte das österreichische Parlament eroberten. Sie kamen, sahen - und verloren. Denn die Politik ist ein Kampf, und gewinnen kann nur, wer perfekt gerüstet in die Wortgefechte geht.

Doch um diese Einstiegspessimismen gleich ein wenig abzuschwächen: Der Weg ist eingeschlagen, er wird weitergegangen werden. Man wird von der Schlappe profitieren und argumentative Aufrüstung betreiben. Hoffentlich. Es ist höchste Zeit.

Zur Sache: Eine Gruppe Engagierter hatte es zuwege gebracht, eine parlamentarische Enquete zum Thema „Architekturpolitik und Baukultur in Österreich“ zu erwirken: Einen vollen Parlamentstag lang konnten Architekten und Fachleute im Plenarsaal des Hohen Hauses ihre Anliegen vortragen. Ein Meilenstein immerhin, denn dergleichen war noch nie.

Eine Hand voll wohlmeinender Nationalratsabgeordneter und eine Heerschar Architekturleute bevölkerten denn auch den Saal, als Punkt neun Uhr Nationalratspräsident Andreas Khol die Anwesenden sowie „das Regierungsmitglied“ Staatssekretär Franz Morak in seine Begrüßungsformel einschloss. Es folgte ein Vormittag des Referatevortragens, doch irgendwie war es, als ob die Ansprachen der Architektur in eine hohle Gasse schallten, als ob sich hier Insider gegenseitig ihres Insiderwissens versicherten, denn die Regierungsbank blieb bar der Regierungsmitglieder, und diejenigen, die man eigentlich ansprechen wollte, blieben auch bis Nachmittag fern.

Das Referat Dietmar Steiners etwa, das gewissermaßen einen vorzüglichen Grundkurs in „Architektur in Österreich heute“ darstellte, hätte jedem Politiker ein bisschen auf die Sprünge geholfen, der irgendetwas mit Kultur, Wirtschaft, Kunst zu tun hat. „Nicht die Architekten zersiedeln und verschandeln das Land“, meinte er etwa, sondern wir alle seien „für dieses Desaster verantwortlich“. Dass die heimische Baukultur das internationale Spitzenfeld längst erobert hat, wissen die Architekten selbst am besten, sie hätten es hier gerne denjenigen erzählt, die die Rahmenbedingungen stecken.

Sie hätten gerne gehört: Ihr seid super, wir helfen euch, noch besser zu werden. Wir werden dafür sorgen, dass ordentliche Raumordnungen Platz greifen, dass die Vergabeverfahren sauber und im Sinne guter Planung reguliert und dass die unseligen, allerorten aufkeimenden Totalübernehmerverfahren zugunsten der Vergabetrennung von Planungs- und Bauleistungen gekippt werden. Wir werden uns auch darum kümmern, dass die Deckungsbeiträge der Architektenleistungen nicht wie derzeit meist unter null liegen. Wir werden gemeinsam mit euch darüber nachdenken, mit welchen Instrumenten Häuselbauer, Wirtschaftstreibende, Bürgermeister und überhaupt alle in die richtige Bahn gebracht werden können, die zielgenau zu sorgfältigem, ökologischem, nachhaltigem und damit sinnvollem Bauen führt.

Doch wer irgendwohin will, braucht einen Plan. Und der fehlte dieser Truppe höchst kreativer Wirrköpfe vollkommen.

Als am Nachmittag der sehnlichst erwartete Minister Martin Bartenstein auf der Regierungsbank Platz nahm, trugen gerade die ausländischen Experten ihre Förderungsmodelle vor. Reine Zeitverschwendung: Genau jetzt hätten die Architekten Punkt für Punkt ihre Anliegen vortragen und gleich genial ausformulierte Lösungsvorschläge aus den Aktenkoffern ziehen müssen. Doch sie sprachen ein paar Binsenweisheiten, der Minister antwortete knapp, verwies auf die Freiheit des Marktes und entschwand. Ratlosigkeit blieb zurück.

Doch was ebenfalls blieb, waren Leute wie die Grüne Eva Glawischnig, die eigentlich die Aufgabe der Architekten übernahm, indem sie auf politischer Ebene nicht nur ein „radikales Bekenntnis zu Qualität und zeitgemäßer Architektur als Indikator für eine moderne Gesellschaft“ einforderte, sondern vor allem konkrete Verbesserungsvorschläge einbrachte: Die öffentliche Hand möge alle Instanzen durchforsten und verpflichtende Leitlinien ziehen. Raumplanung und Wohnbauförderung seien zu reformieren, die Raumordnung sei auf nationale Ebene zu heben, eine Zukunftskommission für künftige Architekturpolitik könne den Weg weisen.

Auch Christine Muttonens (SPÖ) Ansatz war konstruktiv und zugleich aufmunternd: „Wir stehen am Beginn des Prozesses, man muss diese Veranstaltung als Startschuss für eine breite Diskussion sehen.“

Jüngere Architekten wie Doris Purtscher, Jakob Dunkl und einige andere sehen das auch so: Durch vernünftiges Miteinander-Reden kommen die Leut' zusammen. Wenn die Architekten konkret werden, werden auch die Politiker zuhören. Wer weiß, wie die Dinge funktionieren können, hat die Bringschuld, es jenen klar zu machen, die die Letztverantwortung dafür tragen. Die österreichischen Architekten sind im Bauen Weltmeister. Wenn sie jetzt auch noch die Bausteine der Politik zu schlichten lernen, hat das ganze Land gewonnen.

20. Februar 2004 Der Standard

Zeitlosigkeit heißt die Avantgarde

Ein gediegenes Shopkonzept ist in jedem Fall besser als flippige Architekturschminke, meint Architekt Adolf Krischanitz, und sei die noch so teuer gemacht

der Standard: Was muss ein Geschäft können, um gut zu funktionieren?

Krischanitz: Ich denke, dass man im Prinzip vom Interieur eines Geschäftes in Ruhe gelassen werden will. Einkaufen bedeutet für die einen Stress, für die anderen Entspannung, und in beiden Fällen ist man darauf angewiesen, eine gewisse Distanz zur Geschäftsarchitektur zu entwickeln. In forcierter Umgebung kann man nicht entspannt shoppen. Das ist ähnlich wie mit Hotelzimmern: Dort kann ich wohnen, wenn da Möbel drinnen stehen, die mich in Ruhe lassen. Hart wird es in schlecht gemachten Designerhotels, weil mich da jede Ecke aufregt.

Werden sich die flippigen Läden, wie sie im Moment „in“ sind, Ihrer Meinung nach rasch überleben?

Es ist eine theoretische Annahme, dass ein Geschäft für kurze Zeit gut funktioniert, wenn die Ware und der Inhalt übereinstimmen. Das sind genau jene Dinge, die nicht altern können, und die Geschäftsleute müssen das Interieur alle paar Jahre auswechseln. Sie tun es dann aus Kostengründen trotzdem nicht, denn diese neuen Läden sind keineswegs billig gemacht. Doch Material und Konzept, die eigentlich nicht altern dürften, tun es trotzdem, und irgendwie wirken diese Läden sehr rasch wie Menschen, die nicht würdig altern und permanent auf jung tun, ohne es noch zu sein.

Stichwort Übereinstimmung von Ware und Inhalt: Wie kann ein Shop vernünftig damit umgehen?

Jede Architektur spielt irgendetwas. Das war auch schon zu Zeiten des Bauhauses so, als das Interieur so tat, als ob es maschinell erzeugt sei, tatsächlich aber Handarbeit war. Dieses Spiel ist also immer da, es kommt darauf an, wie es gespielt wird. Wenn ein Geschäftsinhaber sich selbst rasch seinen Laden zusammenstellt und darin preiswerte Ware verkauft, schaut das ganz anders aus, als wenn ein Designer plötzlich Billigladen spielt. Mir gefällt es besser, wenn ein solcher Shop wirklich in jeder Hinsicht billig gemacht ist. Das ist ein Konzept, das etwa in New York häufig angewandt wird, oder wie es auch für Wein & Co bis zu einem gewissen Grad angedacht war.

Sie haben für das Pelzhaus Liska ein elegantes Geschäft am Wiener Graben gebaut und dafür sicher den „State of the Art“ recherchiert. Zu welchen Erkenntnissen sind Sie gekommen?

Ich habe mir relativ viele Läden angeschaut, hatte aber oft Schwierigkeiten, ein zweites Mal gern hineinzugehen, weil sich die verschiedenen Ideen doch schnell verbrauchen. Der zweite Blick war meistens ziemlich ernüchternd. Das grundsätzliche Problem ist folgendes: Die heutige Zeit ist so schnelllebig, die Trends sind so unübersichtlich, dass man als Gestalter nie sicher sein kann, ob man mit dem vermeintlichen Schritt vorwärts nicht zwei zurück geht.

Könnte Zeitlosigkeit die Antwort darauf sein?

Ich denke, das geht in die richtige Richtung. In dieser komplexen Zeit ist das Avantgardistische nicht mehr ortbar, es geht viel eher darum, zu speziellen Lösungen zu kommen, die nicht um jeden Preis originell sind, sondern dem speziellen Ort eine spezifische Qualität zu geben. Das kann örtlich, städtebaulich und architektonisch gedacht sein. Design und Interieur sind ziemlich austauschbar, das übergeordnete Konzept muss passen.

Funktionieren alte, traditionelle Geschäfte gegebenenfalls sogar besser als die neuen Superschuppen?

Alle gut funktionierenden Innenstadtgeschäfte Wiens treten diesen Beweis an. Im Knize von Adolf Loos kann man heute noch sehr gut teures Gewand verkaufen, das Konzept funktioniert besser denn je. Ich glaube nicht an die Fortschrittseuphorie. Zeitlosigkeit ist das, worauf ich setzen würde, weil alles andere könnte ich gar nicht. Der architektonische Rahmen ist das Entscheidende, wenn der stimmt, kann designmäßig alles Mögliche drinnen stehen. Diese Details sind austauschbar, das Grundkonzept muss stimmen, und das ist wahrlich nicht allzu oft der Fall.
Interview: Ute Woltron

3. Januar 2004 Der Standard

Das Haus der Jäger und Sammler

Eichinger oder Knechtl verstrickten Kunst, Architektur, Design zu einem sehr privaten und in jedem Detail außergewöhnlichen Wohnhaus für die Künstler Anna Heindl und Manfred Wakolbinger: Ein Wohngebilde zwischen Zeiten und Welten.

Die Sesshaftwerdung ist ein Evolutionsschritt, der für manche nur schmerzhaft zu vollziehen ist - oder andersherum: einer, der in modernen Nomadenzeiten für viele wieder an Schmerzhaftigkeit zu gewinnen scheint. Doch wie auch immer: Anna Heindl und Manfred Wakolbinger sind sowieso nicht von dieser Zeit und dieser Welt, sie bewegen sich in einer eigenen Zone dazwischen, und dort haben sie sich nun - gut versteckt und für Nicht-Eingeweihte unerreichbar - niedergelassen.

Die beiden umgibt eine Aura des Jäger-und-Sammlerhaften, irgend etwas, das eher blattgrün und erdbraun ist als neonfarben. Beide sind Künstler, beide nicht von der ewig ringenden, lautstark selbstzerfleischenden Art, sondern von einer eleganteren, ruhigen, vielschichtigen. Heindls Schmuckobjekte sind wie edelstein- und metallgewordene Lebewesen, Wakolbingers Skulpturen wirken auch eher lebendig als tonnenschwer, und seine Unterwasserfotos zeigen das, was Millionen von Tauchern übersehen, wenn sie zivilisationsblind durch die Korallenmeere hasten: Das Leben zwischen den Ritzen, das Kleine, Bizarre, Absurde abseits der bedauernswerten, vom touristischen Sensationsinteresse umschwommenen Wal- und Hammerhaie.

Was kann das also für ein Haus sein, das sich diese beiden bauen? Wie wohnen die Jäger und Sammler, die eigentlich in Galerien, Ateliers, Museen und in der Ferne daheim sind? Sie wohnen gut versteckt auf einem nach langer Pirsch entdeckten Grundstück an einem See irgendwo bei Wien. Bäume, Felder, geduckte Häuslein hinter Gebüsch, viel Himmel, Wolken, Wasser. „Dieses Grundstück“, sagt Wakolbinger, „hat vier Jahrzehnte auf uns gewartet.“

Während Architekt Gregor Eichinger damals Grund, Boden, Sonneneinfall, Hauptwindrichtung prüfte, tauchten Heindl und Walkolbinger zur Erkundung der Unterseelandschaft ab und trafen die nachbarschaftlichen Karpfen und Hechte. Dann einigte man sich vorort auf die Anforderungen an das zu planende Haus: Ein offener Wohnbereich, ein Schlaf-, ein Badezimmer, ein separates Gästehäuschen. Alles andere blieb Zwischenwelt, den Kunstfertigkeiten der Architekten Eichinger oder Knechtl überlassen - und den Künstlern: Den anonymen, deren Produkte man aus Afrika, Asien mitgebracht hatte, den befreundeten, die das Gebäude würden bespielen dürfen, und nicht zuletzt sich selbst.

Knapp zwei Jahre später steht es, mit Terrassen und gut durchdachten Außenzonen für jede Tages- und Jahreszeit ausgestattet, und mit einem Zubau für Gäste (Ausführungsplanung: Johannes Kaufmann) ergänzt, fixfertig auf dem Seegrundstück: Ein aufmerksames Haus, doch das bemerkt man erst innen. Die Fenster schneiden Bildausschnitte in die Landschaft, und Spähscharten. Geschlossenheit zum Weg, Offenheit zum See. Konstruktiv betrachtet ist es eine stützenfreie Stahlbetonröhre, die der Länge nach auf drei Betonscheiben liegt und auf allen Seiten ein wenig auskragt. Außen ist sie samtig glatt mit Alucobond (biegbare Aluplatten mit Kunststoffkern) verkleidet und witterungsfest gemacht, innen liegt die raue Betonoberfläche unbehandelt nackt.

Innen, das ist erst einmal der große hohe Raum, der das gesamte Obergeschoß bildet und durch Fenster, Kamin, zwei Niveausprünge jeweils an den Enden sowie einen eingeschobenen Lift- und WC-Block gegliedert wird. Ein enormer Wohn-Arbeits-Koch-Raum. Der Beton schafft eine warme, heimelige Atmosphäre. Ein paar Kübel Farbe an den Wänden hätte hier alles zerstört. Doch die Farbe darf in diesem Haus an anderer Stelle und in anderer Form subtiler zu ihrem Recht gelangen.

Zum Beispiel als großformatiges Wandbild, von Franz Graf eigens für die raumhohe Schiebewand zur Küche hin gemacht. Oder als von Eva Schlegel für die gläserne Eingangsfront erdachte doppelte und raffinierte Intervention. Oder als wandverkleidende Stoffbahnen im unteren Bereich, wo das Badezimmer und das Schlafzimmer - eigentlich ein einziger, durch ein gläsernes Regal geteilter Raum - seeseitig hinter Glas liegen: Wunderbare Muster, erdige Farben, Stoffe aus Indonesien und Afrika. Peter Kogler entwarf den Vorhangstoff, der, wenn zugezogen, vor dem vollverglasten Bad-Schlafbereich zu einer glatten, rosaweißgrauen Schlierenwand wird.

Eichinger oder Knechtl boten zu all dem die perfekte Hülle und konnten zudem in diesem Haus ihr Verständnis von Raum- und Möbelkunst voll ausspielen: Die Aufzugskabine wurde zum Vorraum, durch den man das WC oben betritt. Die Türen im Badezimmer unten werden zu Kastenelementen, die Glasregale zu Fenstern, je nach Position der Türflügel. Eine Bibliothek verschwindet auf Rollen im Podest, das den erhöhten Arbeitsplatz im Hauptraum bildet. Türen werden in Holzpaneelen unsichtbar. Ein gläsernes Stiegengeländer ist zugleich Vitrine für schwere Kupferskulpturen von Manfred Wakolbinger. Der offene Kamin wird doppelt verglast zum spektakulären Schaufenster auf dem See. Alles hat einen zweiten Sinn, einen neuen Dreh, doch nie aufgesetzt und immer mit Funktion erfüllt.

Die verwendeten Materialien: Bei 200 Grad dunkelgebackenes Buchenholz, Glas, Beton, Stoffe, gebürsteter Stahl, Aluminium, Rauleder. Eine Kombination von ganz Rohem mit auf höchster Ebene Veredeltem. Dieses Haus am See konnte nur durch perfekte Symbiose zwischen Bauherren und Architekten entstehen: Es ist das extrem private Refugium zweier Künstler, nach außen geschlossen, nach innen so weit wie die ganze Welt, an keiner Stelle nervös. Irgendwie zwischen den Zeiten.

[Ausstellung: Manfred Wakolbinger. Bottomtime
MAK Stubenring 5, 1010 Wien, bis 22.2.04]

20. Dezember 2003 Der Standard

Die Mentalität der Alpenfurchen

Eine vorweihnachtliche Architekturbuchauswahl - rückbesinnlich und vorausblickend

Der Zeichner Paul Flora erinnert sich an einen Freund: „Das Spiel der Erhaschung öffentlicher Aufträge, die geheimen Flüsse der Beziehungen hat er zwar durchschaut, aber leider nicht beherrscht. Als ernsthafter und gescheiter Mensch war er kein Kollaborateur der Gemütlichkeit und gewöhnlicher Dummheit, kein Liebhaber der Spaßkultur.“

Floras Erinnerung gilt dem verstorbenen Tiroler Architekten Josef Lackner, dem das Architekturforum Tirol als Herausgeber soeben ein melancholisch-schönes Buch gewidmet hat. Lackner, gestorben 2000, war bekanntlich eine schroffe Persönlichkeit, seine Architekturen sind dementsprechend, publizieren wollte er sie eigentlich nur ungern, weil vom großen Gerede und Geschreibe hielt er nie wirklich viel.

Doch Josef Lackner. Bauten und Projekte. 1950-2001 (Verlag Anton Pustet, € 49,-) ist eine klassische, klare Architekturpublikation geworden, in der - wahrscheinlich ganz im Sinne Lackners - die schlüssig präsentierte Arbeit des Architekten an erster Stelle steht. Ganz hinten wird das Buch weicher, weil hier, unter dem schlichten Titel „Nachrede“, die Lacknerianer zu Wort kommen dürfen: seine Studenten, Freunde, Anhänger. Kollege Reinhard Honold, der an der TU-Innsbruck studierte, schreibt einen bezeichnenden Nachruf: „Lackner ist nicht tot. Im Gegenteil: jünger als die Jungen, selbstbewusst, eigenständig, frech und heiter. Dabei unangreiflich alltagstauglich. Jedenfalls eine lang anhaltende Herausforderung. Ich beneide ihn um sein gelebtes Verständnis für die Mentalität der Alpenfurchen bei gleichzeitig freigeistiger Weltoffenheit. Ihn können die Berge nie behindern, und auch nicht das Tal. Ich will ihn gerne freundlich grüßen.“

Freigeistig und weltoffen kommt auch eine ganz andere Publikation jüngeren Datums daher, die allerdings dem Architektur-Kunst-Stadt-Spaß großen Freiraum einräumt, um nicht zu sagen, insgesamt einen solchen darstellt. Thomas Redl und Heidulf - „von Kärnten“ - Gerngross haben sich mit ST/A/R (zu haben z.B. bei Buchhandlung Morawa, Wien, € 5,- oder im Abo unter www.star-wien.at) eine „Europäische Zeitung für den direkten kulturellen Diskurs“ ausgedacht, „ein primäres Medium, eine Struktur für schöpferisch Tätige“.

Das Heft ist dick, das Spektrum der Beitragenden groß, die Aufbereitung provokant bis lässig, das Durchblättern und Verweilen anstrengend, aber lohnend, zumal hier ein Kunst-und-Publikationen-Recycling stattgefunden hat, das vieles zusammenfasst, was eigentlich ohnehin irgendwie zusammengehört.

Eine interessante Kombination findet sich sogleich auf Seite fünf des Sternenblattes, hier kommen nämlich untereinander die doch etwas konträren Charaktere Gustav Peichl und Roland Rainer zu Wort. Die Gesprächsausschnitte stammen aus dem - ebenfalls neuen, und ebenfalls an dieser Stelle empfohlenen - Buch Die Architektur und ich von Maria Welzig und Gerhard Steixner (Böhlau Verlag Wien, Köln, Weimar, € 29,90), das „eine Bilanz der österreichischen Architektur seit 1945, vermittelt durch ihre Protagonisten“ ziehen will.

Die darin enthaltenen Texte erschienen als Serie in Architektur & Bauforum, die Zusammenfassung der Interviews mit (u.a.) Ernst Hiesmayr, Friedrich Achleitner, Ottokar Uhl, Günther Domenig lesen sich im Durchlauf noch besser, weil untereinander vergleichbar. Harry Glück zum Beispiel, von der Architekturkritik nicht immer wertfrei behandelt, kann hier seine Wohnhäuser treffsicher und wortgewaltig analysieren und verteidigen. Er habe „im Neckermann-Format die Lebensqualitäten der Oberschicht auch der breiten Masse zugänglich“ gemacht. Und Harry Seidler referiert über die „spaciousness of things“. „Heutzutage“, so meint er, „gibt es da endless possibilities, da geht es weiter, aber es geht nicht zu der Schachtel zurück.“

13. Dezember 2003 Der Standard

Hauslandschaften und Bücherwelten

Neue Architekturbücher für Insider, Outsider und alle dazwischen

Es ist stets sehr angenehm, die Welt von gescheiten Menschen in geordneter und systematisierter Form serviert zu bekommen, und Architekturbuchautoren sind traditionell Meister dieser Kunst. Deshalb heute eine kleine vorweihnachtliche Dreierauswahl: Ein systemisches Lebenswerk, eine Genealogie der Landschaft und ein Wohnweltentwurf für die Zukunft.

Den Beginn macht die Lebensgeschichte, oder gewissermaßen die Architekturgeschichte, die der Wiener Roland Rainer geschrieben hat. Sein Gesamtwerk umfasst Möbel, Häuser, Stadtteile, Städtebau, also den Mikro- wie Makrokosmos der Architektur, und jetzt, im Alter von 92 Jahren, hat er seine wichtigsten Arbeiten und Überlegungen in ein Buch gebunden.

Roland Rainer. Das Werk des Architekten (Springer Wien New York, 49,80 €) zeigt Bekanntes wie die Wiener-Stadthallen-Ikone, aber auch kleinere, feine Arbeiten, wie die weitestgehend unbekannte Arbeitersiedlung in Ternitz aus den späten 50er-Jahren: Perfekte Grundrisse, minimalistisch, hochfunktional und heute noch so gern bewohnt wie damals. Buchpräsentation: 15.12., MAK-Säulenhalle, 19 Uhr. Die Laudatio hält Rainer-Schüler Mark Mack, der heute in Los Angeles lebt und arbeitet.

Der schottische Universitätsprofessor Michael Spens ist ebenfalls ein Denker in großen und kleinen Formaten. Er greift immer wieder das Thema Landschaft auf, und in seinem neuesten Werk Modern Landscapes (Phaidon, 75,- €) systematisiert er es zu vier kompakten Kapiteln: Parks, Architektur als Landschaft, Gartenlandschaften, Urbane Interventionen. Vom ganz Grünen bis zum grün Gesprenkelten sozusagen.

Die dazugehörigen Beispiele sind gut gewählt, gut präsentiert, knapp aber informativ beschrieben. Ein tolles Buch für alle, die Architektur als Teil ihrer Umgebung und umgekehrt verstehen und sich ein paar gelungene Beispiele dafür anschauen wollen, wie Könner wie Glenn Murcutt, Tadao Ando oder Jacqueline Osty Innen- und Außenräume zum Ganzen werden lassen.

Zu guter Letzt ein Privatissimum: Wohnkonzepte für die Zukunft (Callwey, 49,95 €) heißt ein von Paco Asensio herausgegebener Band, der - trotz des dazu nachgerade einladenden Themas - wohltuend zurückhaltend gelayoutet ist. Der Inhalt: Neue Einfamilienhäuser in neuen Formen und Materialien a la Shigeru Ban & Co.

Doch auch zeitgenössisch revitalisierte Altbestände werden gezeigt, wie etwa ein gekonnt von Marques & Zurkirchen umgebauter Stall im schweizerischen Bergün, oder ein von Jo Crepain raffiniert ummantelter Wasserturm im belgischen Brasschaat, dessen vormaliges Freiluftstiegenhaus nunmehr zum Wohnraum auf fünf Geschoßen wurde. Auch viele Österreicher sind mit an Bord auf dem Weg in die Zukunft: Baumschlager & Eberle, die noch jungen, aus dem Architekturteich aber herausragenden Pool Architekten aus Wien, die schon etablierten und preisgekrönten Artecs. Letztere glänzen mit ihrem mittlerweile sattsam bekannten Stall-Dach-Ausbau im niederösterreichischen Raasdorf. Zeitgenössisch, aber zeitlos. Die Geschichte eines Ortes, so der Autor, sei häufig Ausgangspunkt der architektonischen Überlegungen, viele Häuser das Ergebnis einer konkreten Geschichte. Selbstverständlich - aber nur die wirklich guten.

29. November 2003 Der Standard

Viele Millimeter können ein Kilometer sein

Architektur ist eine Frage des Maßes, und zwar in jeder Hinsicht. Das Fertigteil-Reihenhaus der Architekten u.m.a. ist auf den Millimeter geplant und zugleich passgenau in den großen Raster der individuellen und gesellschaftlichen Möglichkeiten gesteckt - visionär, gewissermaßen.

Was Architektur sei, frug Leopold Gerstl, legendenumrankter Professor an der Technischen Universität Innsbruck, seinerzeit in den frühen 80er-Jahren seine Studenten gelegentlich unvermittelt und mit der ihm innewohnenden Inbrunst.

Also. Los. Architektur. Was ist das? Rufzeichen.

Der Professor lauschte sodann ein Weilchen dem studentischen Gestammel, um die Antworten schließlich mit chronisch grafitverschmiertem Hemdsärmel vom Tisch zu wischen: Architektur, das sei Luft, in die Erde geblasen. Die Menschen, das seien die Würmer, die darin herumkröchen. Die Welt und die Architektur sei etwas, das ganzheitlich betrachtet gehöre - und überhaupt, alle Maße unter einem Kilometer hätten letztlich nicht zu interessieren.

Das Maß. Behalten wir es zur Sicherheit in Erinnerung. Ein Kilometer besteht schließlich auch aus vielen Millimetern, doch dazu später.

Gerstl verließ Innsbruck, ging nach Israel. Seine Studenten zerstreuten sich, erreichten Biennalen, gewannen Preise, blieben jedenfalls dieser absurden Disziplin der Architektur treu, bauten, rangen mit Normen, mit Bürgermeistern und anderen Genehmigungen aller Art stiftenden Instanzen. Wurden, wie es sich für Architekten jenseits der 40 gehört, langsam erwachsen, die meisten jedenfalls.

Ernst Unterluggauer, zum Beispiel, erlebte seine architektonische Mannwerdung, wenn man das so ausdrücken darf, in den vielen, vielen Jahren, in denen er gemeinsam mit 23 Bauherren und -frauen eine basisdemokratisch tadellose Konstruktion in die Hügel Innsbrucks setzen wollte. Zum Zwecke des Wohnens, versteht sich, gekuppelt und in der Reihe. Die Bemühungen erstreckten sich, um in Gerstls Terminologie zu bleiben, über viele Kilometer, von denen so mancher leer blieb. Denn alle gleichermaßen zu befriedigen und zu befrieden, das dämmerte Unterluggauer nach mehr als einem halben Jahrzehnt, erwies sich als unmöglich.

„Ich bin letztlich am Interessenkonflikt gescheitert“, sagt er, „Ich wollte das Rad neu erfinden, und ich habe es eben nicht neu erfunden.“ Schließlich standen da 23 Wohneinheiten für ebenso viele Individualisten auf dem Hang in Igls, und die vermeintlichen Individualbehausungen sahen alle schon ziemlich ähnlich aus. Das konnte nicht der Sinn der Übung gewesen sein.

Schluss, sagte Unterluggauer denn auch. Wenn schon nicht das Rad, so werde er etwas anderes erfinden, dabei aber der Vision, kostengünstig, schnell und für viele zu bauen, treu bleiben. Standardisiert, industriell vorgefertigt. Häuser, die in wenigen Tagen fixfertig auf der Wiese stehen.

Was ist Architektur? Luft und Hülle? Bauzeit, Geld, Baugrund, Ökologie, Nachhaltigkeit? Alles, lautete die Antwort, zumal im verdichteten Flachbau. Denn das Platz verschleißende Einfamilienhaus befindet sich in Anbetracht der ökonomisch desaströsen Landschaftsverhüttelung nur noch scheinbar in der Zeit seiner Blüte.

Gemeinsam mit den Bürokollegen Djordje Milosevic und Zaid Al Khafaji (zusammen: u.m.a.) begann Gerstls Exstudent vor vier Jahren also an einem Fertigteil-Reihenhaus zu planen, das all diese Tugenden in sich vereinen und trotzdem der Individualität seiner Bewohner zu entsprechen imstande sein sollte.

Das Produkt dieser Überlegungen steht als Prototyp nun fixfertig da. Garantierter und bis zu den Steckdosen durchkalkulierter Kostenpunkt: 990 Euro netto pro Quadratmeter (exklusive Fundamentplatte). Eine Petitesse im Vergleich zu anderen Fertigteilhäusern, und - Achtung, Unterschied! - als Reihenhaus gedacht.

Das UMA-Haus präsentiert sich auf den ersten Blick als schlichte Box. Zumindest zweigeschoßig, die Schmalseiten großzügig dreifach verglast, in verschiedenen Größen erhältlich. Die Innenräume offen, weit, den jeweiligen Bedürfnissen ideal anpassbar.

Was so schlicht, simpel und logisch daherkommt, ist tatsächlich das Resultat augetüfteltster Planungsarbeit. In diesem mittlerweile patentierten Konstrukt ist nichts, absolut nichts dem Zufall überlassen. Das tragende Element bilden Stahlrahmen, in den Wänden hohl geführt, in den Decken als I-Träger. Der Raster von 3,60 Meter erlaubt alle wandbildenden Materialien samt Dampfsperren et cetera in den üblichen Normgrößen zu verwenden, damit Abschnitte und in weiterer Folge Geld gespart wird.

Innen gibt es (grob gesprochen) Gipsfaserplatten, dann eine fette Steinwollewärmedämmung und OSB-Fassadenplatten, die mit allerlei Mustern bedruckt werden können. Die Decken sind aus Holz, die Treppe ist aus Stahl, die Balkone und innen gelegenen Oberflächenmaterialien sind optional, das Bad wird mitgeliefert, die Küche müssen sich die späteren Nutzer selbst aussuchen.

Die Häuser sind energetisch optimiert, also Niedrigenergiearchitekturen, in der - noch visionären - Optimalvariante sogar Energieerzeuger: Die Sonne könnte genug Strom für die Elektroautosteckdose am Parkplatz liefern. Die gesamte Haustechnik ist ausgeklügelt, alle Erfordernisse für Heizung, Stromanschlüsse, EDV, Telefon laufen in Kabeltassen in den Wänden. Steck-und andere Dosen werden dort montiert, wo man sie gerade haben will. Wenn gewünscht, regelt ein Bussystem Raumtemperaturen, Lüftung, Beleuchtung und den außen liegenden Sonnenschutz.

Trotz dieser millimetergenauen Konzeption wurde dem alten Visionär und Lehrer Gerstl, dem eher die kilometermäßige Übersicht ein Anliegen war, letztlich Genüge getan, weil der große Überblick hier mitgeholfen und die Architektur mitgeformt hat.

Die Häuser sind preiswert und Platz sparend zu errichten, innerhalb einer Woche fixfertig aufgestellt und ökologisch-energetisch auf dem Letztstand der Technik. Auch das Argument, sie könnten als Stahlkäfige abgetan werden, gilt für Unterluggauer nicht: „Blödsinn. In jeder Stahlbetondecke ist mehr Stahl drinnen als im ganzen UMA-Haus.“

Apropos Stahl: In den Schmieden der Firma Scholl in Tattendorf, wo hoch technisierte Stahlgeräte und andere innovative Tüfteleien ausgedacht werden, fanden die Architekten die idealen Partner. „Die sind verrückt“, sagt Unterluggauer, „wir haben sofort gewusst, hier sind wir richtig.“ Ebendort in der Produktionshalle steht der UMA-Prototyp, und dort findet auch am 4. Dezember die Haustaufe samt Einweihungsfest statt.

Kleine Anmerkung zum Schluss: Die Idee, rasch assemblierte Häuser aus Stahlrahmen zu schrauben, hatte unter anderen bereits der französische Ausnahmekonstrukteur Jean Prouvé, und auch Richard Buckminster Fullers genialische metallene Hauskonstrukte sollten nicht unerwähnt bleiben. Das UMA-Haus ist dagegen atmosphärisch eine bürgerlichere, zahmere Variante dieser Bemühungen. Seine Raffinesse liegt in der Technik und im Ausschöpfen der modernsten Materialmöglichkeiten. Vielleicht - hoffentlich - beschert ihm das mehr Akzeptanz als seinen schillernden, in die Architekturgeschichte eingegangenen Vorgängern.


[ UMA-Haustaufe:
Stahlbau Scholl, Tattendorf, Pottendorferstraße 77,
Donnerstag, 4. Dezember, ab 19 Uhr 30.
Infos unter uma@uma-architekten.at; www.uma-fertighaus.com]

4. Oktober 2003 Der Standard

Eine Frage des Stils

Wenn Roland Rainer plant, steht der Mensch und nicht Zeitgeisteitelkeit im Mittelpunkt. Einen der wohl wichtigsten lebenden Architekten Österreichs zu übergehen, wie im Falle der „Revitalisierung“ seiner Stadthalle in Wien, ist stillos und fahrlässig. Eine Bestandsaufnahme der Respektlosigkeit

Roland Rainer war zeitlebens ein Streitbarer, Unbequemer. Einer, der seinen Kopf durchsetzte, weil er sich der Qualitäten seines Denkens immer sehr bewusst war. In einem Land wie Österreich kommen Verhaltensweisen wie diese traditionell nicht besonders gut an, doch das macht nichts, solange die Häuser so gebaut werden können, wie sie geplant wurden.

Roland Rainer hat der Nation tatsächlich ein paar wunderbare Architekturen geschenkt. Viele Menschen, die sie benutzen, die in ihnen wohnen, arbeiten, ihre Freizeit genießen, wissen gar nicht, wer ihr Autor ist. Doch auch das spielt keine Rolle. Der Architekt, die Architektin muss nicht immer im Vordergrund stehen. In Rainers Architektur spielten jedenfalls immer die Benutzer die Hauptrolle, und weil er auch formal einer der Besten war, kann man ihn heute getrost als einen der wichtigsten Planer der Republik bezeichnen.

Es gibt Momente im Leben der Menschen und der Häuser, da spielt der Architekt sehr wohl die tragende Rolle. Zum Beispiel, wenn eine an sich perfekte, vielleicht etwas abgenutzte, abgearbeitete Architektur revitalisiert gehört. Mit der Wiener Stadthalle hat Roland Rainer der Bundeshauptstadt in den späten Fünfzigerjahren eine vorzügliche Gebrauchsarchitektur beschert, die sich mittlerweile über vier Jahrzehnte bewährt hat.

Die Stadthalle sei eigentlich ein Berg, sagt einer ihrer regelmäßigen Besucher. Ein Nicht-Architekt im übrigen. Sie sei trotz ihrer Größe immer ein Ort der Geborgenheit für ihre Gäste, eine kleine Heimat für kurze Zeit. Die Sicht sei von allen Grotten und Höhlen aus herrlich, man könne auch alles wunderbar hören, die Stadthalle sei im Laufe der Jahrzehnte zum großen, väterlichen Freund und Kumpel der Wiener geworden. Rau, einfach, elegant ist das Haus. Multifunktional im besten, heute wieder modernen Sinn.

Viele Jahre, viele Konzerte, viele Sportveranstaltungen und anderes, was man heute Event zu nennen pflegt, haben ihre Spuren hinterlassen. Vor allem die Ausstattungsteile des schönen Hauses zeigten Ermüdungserscheinungen, was nicht weiter verwundert. Gehalten haben die Sessel, Lampen und anderes Mobiliar ohnehin viel länger, als man angenommen hätte. Auch das ist als Pluspunkt für den Planer zu verbuchen, denn der hat all das seinerzeit mit Bedacht und formalem Können entworfen.

Vor wenigen Wochen versteigerte Sotheby's nun in London einen einzelnen metallenen Garderobeständer. Der Bestbieter zahlte 5600 Euro dafür. Das Objekt stammte ursprünglich aus der Stadthalle. Vor einiger Zeit war es in Wien auf dem Mist gelandet. Leute, die seinen Wert erkannten, holten es wieder heraus. Mit dutzenden anderen. Einige davon werden in Museen wandern.

Die Stadthallenbetreiber hatten den scheinbaren Krempel hinausgeworfen, weil sie sich dazu entschlossen, das Haus zu revitalisieren - was zweifelsfrei ihr gutes Recht ist. Doch den Weg zu Roland Rainer, der das Gebäude kennt wie kein anderer, und der in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder am gesamten Stadthallen-Komplex geplant hat, wollte offenbar niemand gehen. Nicht die Auftraggeber, nicht die revitalisierenden Architekten, nicht das Denkmalamt, nicht die Stadtväter. „Mich hat keiner je kontaktiert“, sagt der große alte Mann der Architektur, der mit heute 93 Jahren vor Auftragsgeiz gefeit ist, sein Lebenswerk aber geschändet weiß.

Wenn schon die offenbar völlig unkundigen Auftraggeber jegliches Feingefühl vermissen ließen, so hätte man doch zumindest seitens der nun planenden Kollegen die soziale und fachliche Kompetenz erwartet, den Grandseigneur wenigsten ein mal in seinem Atelier aufzusuchen. Denn in Pension befindet sich Roland Rainer noch lange nicht.

An ein Monument, wie es die Stadthalle mitsamt ihrem Urheber Rainer darstellt, ohne jegliche Nachfrage Hand anzulegen, zeugt von Ignoranz und Respektlosigkeit jenen gegenüber, die bereits zu einer Zeit die Fundamente des aktuellen Architekturgeschehen Österreichs legten, als die meisten der heute aktiven Architekten noch nicht einmal geboren waren.

Auch die offiziellen Stellen der Stadt stellen sich taub, stumm, unwissend. Stadthallen-Aufsichtsrat und MA51-Chef Ferdinand Podkowicz weiß lediglich, dass das Haus einer, wie er meint, „optischen Aufbesserung“ unterzogen wurde. Die Beurteilung der „optischen Aufbesserung“ darf den Betrachtern der auf dieser Seite gezeigten Bilder überlassen werden. Roland Rainer äußert im ALBUM-Interview jedenfalls Bedenken grundlegender Art.
Roland Rainer: Wie man sieht, hat man in der Sprache aller architektonischer Details das Gegenteil dessen gemacht, was uns damals vorschwebte. Wir hatten sehr einfache Sessel, jetzt stehen dort samtgepolsterte Stühle in Pink und Altgold. Ich bedaure aber vor allem, dass der Umraum der Stadthalle stark verändert wird. Es gab einen Wettbewerb für die dort gerade errichteten Erweiterungen.

Waren Sie dazu eingeladen?
Rainer: Nein. Ich hatte zwar alle Planungen dafür fertig gestellt, doch man wollte eben einmal etwas anderes machen. Dagegen ist nichts zu sagen. Doch es gibt eine Gesamttendenz, die dem zuwider steht, was wir uns für den Umraum der Halle vorgestellt haben. Das wichtigste Element war der Märzpark mit seinen alten Bäumen. Die sind verschwunden, ebenso eine Plastik von Fritz Wotruba, weil dort nun eine Straßenkreuzung sein soll. Und was die Revitalisierung angeht, frage ich mich, welche Gründe es gibt, alles zu ändern. Ist ein Gebäude deshalb, weil es eine Zeit lang steht, reif für die Zerstörungssanierung? Die Stadthalle ist immerhin auf der ganzen Welt berühmt dafür, wie gut sie funktioniert.
Wurde auch in die Substanz eingegriffen?
Rainer: Es hat den Anschein. Man hat zumindest gesehen, dass andere Bleche und Farben da sind, was vor allem für die akustisch höchst wirksame, sehr kompliziert gemachte Decke problematisch ist. Die Decke ist abgestuft, die verschiedenen Stufen hatten verschiedene Oberflächen. Die Halle war akustisch einwandfrei ausgebildet. Doch man wird sehen, was zu hören sein wird. Es ist nicht angenehm, wenn eine Sache, die eine Neuerfindung war, von anderen umgebaut wird.
Auch Ihre Möbel haben offenbar ausgedient.
Rainer: Diese Rosa-Gold-Symphonie ist das Gegenteil dessen in Ausdruck und Stil, was die Stadthalle ist. Unsere Möbel waren neutral und streng. Warum? Weil die Stadthalle eine Mehrzweckhalle für eine sehr breite Öffentlichkeit ist und nicht für eine kleine elitäre Schicht gemacht wurde. Die Möblierung war ein Bestandteil dieser Gesinnung und eine architektonisch wichtige Aussage. Ich wollte mit meinen Möbeln nicht repräsentieren, alles war in jeder Hinsicht praktisch. Die Sessel etwa waren gut stapelbar und hatten durch ihre Lochung überdies eine akustische Wirkung. Doch man spricht in der Kulturnation Österreich überhaupt nicht mehr von Stil, sondern nur von Kubikmetern. Wir sind an einem Punkt angelangt, wo man als Einzelner überhaupt nichts mehr machen kann. Das ist der Grund, warum ich nicht gekämpft habe.
Und was halten Sie von der neuen Innengestaltung?
Rainer: Sie scheint mir Spielereien zu sein, die ich nicht verstehe, weil ich ihren Sinn nicht kenne. Die Architekten müssen erläutern, in welchem Punkt sie damit einen Fortschritt erreicht haben. Wenn überhaupt Architekten dabei waren. Manchmal habe ich den Eindruck, dass das eher irgend ein Hauspersonal gemacht hat.
Als öffentliches Gebäude müsste die Halle denkmalgeschützt sein. Wurden Sie von dieser Seite jemals kontaktiert?
Rainer: Nein. Mich hat niemand je kontaktiert. Tatsächlich, jemand hätte anfragen müssen. Es ist zumindest ungewöhnlich, sich einer solchen Aufgabe zu stellen, ohne den planenden Architekten wenigstens zu kontaktieren. Dieser Rosa-Gold-Stil ist vielleicht etwas, das einer gewissen bürgerlichen Schicht Wiens zusagt. Daher passt er jetzt. Aber viel schlimmer ist: So, wie man innen die Möbel bewusst zerstört hat, so zerstört man nun das Umfeld. Doch über das, was jetzt geschieht, sollten wir die Nachwelt urteilen lassen. Ich selbst werde es nicht mehr erleben.

22. September 2003 Der Standard

Space-Barbies Sarkophag

„Friendly Alien“ nennen die Architekten Peter Cook und Colin Fournier ihr Kunsthaus Graz, das kommenden Samstag zwar noch nicht fertig ist, aber sicherheitshalber eröffnet wird - und bereits heftige Kontroversen auslöst. Vom Galaktischen, sagt Ute Woltron, blieb kaum eine Spur, der Extraterrestrische verröchelte beim Eintritt in die irdische Biosphäre an seiner Eigenlast.

Graz ist ein sehr erdnahes Städtchen. Nicht zu groß, nicht zu klein. Alt und schön gewachsen, die neuen Architekturen fast immer sorgfältig und gut gemacht. Die Leute: Lustig, vital, freundlich.

Einen „Freundlichen Außerirdischen“ wollten sie denn auch in ihrer Mitte aufnehmen, ein Kunsthaus der besonderen Art. Unternommen hatte man bereits mehrere Anläufe, die Zeit wurde langsam knapp. 2003 stand im Zeichen der Kunst und der Kultur, der Außerirdische sollte rechtzeitig in diesem festlichen Jahr landen, als einer der Höhepunkte gewissermaßen. Die freundlichen Grazer begannen zu hudeln, der Außerirdische zu trudeln, das Resultat steht nun bruchgelandet am Murufer, und das ist nicht schön anzuschauen.

Das Kunsthaus Graz, entworfen von den britischen Architekten Peter Cook und Colin Fournier, ausgeführt von einer ganzen Planer-, Architekten- und Krisenmanagementriege, ist in jetzt quasi fertig gestelltem Zustand nur noch die Ahnung der Idee, die einmal dahinter steckte.

Diese Idee des Fließenden, Transluzenten, des Raumgewoges und des Amorphen ging zugrunde, weil man die wichtigsten Faktoren jedes Transportes durch den Raum in der Alien-Euphorie außer Acht ließ: die der Zeit, der Kosten und nicht zuletzt der Möglichkeiten.

Als die beiden Architekten im April 2000 den Architekturwettbewerb Kunsthaus Graz mit ihrem spektakulären bläulichen Blasengebilde gewannen, erklärte Colin Fournier dem STANDARD gegenüber noch hoffnungsfroh: „Die Form und das Design des Objektes sind eigentlich simpel, dafür haben wir alle Raffinesse in die Haut gelegt.“

Bedauerlicherweise erwiesen sich diese Raffinessen als optimistische Gedankenspielerei, aber als nicht umsetzbar. Jedenfalls nicht bis 2003. Bei gleichzeitiger Beibehaltung simpler Form und simplen Designs blieb dabei freilich recht wenig übrig.

Material und Konstruktion dieses Gebäudes hätten eins sein sollen: Die Hülle war als mehrschichtiges, in sich gekrümmtes Laminat geplant, als Haut, die in bis zu 100 Quadratmeter große Stücke hätte gegossen werden sollen, ein Material, aus dem normalerweise Segelyachten gebaut werden. Fournier damals: „In dieses Material können auch innen und außen Displays eingegossen werden sowie alle erforderlichen Leitungen.“ Transluzent hätte diese Haut sein sollen, oder dann wieder blickdicht, jedenfalls veränderbar, auch in ihrer Farbe.

Nichts dergleichen hat die Landung des Hauses überlebt. Die Gnade des Fernblicks vom anderen Murufer und des Herbstes, der die Blätter noch nicht abgeworfen hat und damit sanft die Sockelzone verhüllt, lässt noch hoffen. Das quallige Konstrukt fügt sich vom Schlossberg aus betrachtet recht interessant in die umgebende alte Dachlandschaft ein. Doch jeder Schritt näher offenbart größere Qual.

Die vormals so elegant geplante Haut wurde zur Schuppenoberfläche fragmentiert. 1280 in sich gekrümmte Acrylglasscheiben, von denen keine der anderen gleicht, bedecken den Leib. Keine Frage, hier wurde aufwändigste technische Meisterarbeit geleistet, doch was bringt sie? Hinter dieser Schicht schichtet es sich weiter, und zwar in Stahl und Folie und anderen Materialien, sodass die Innenräume zu zappendusteren Höhlen degradieren.

Der Alien wird in sich zum Troglodyt. Da nutzen auch die so genannten „Nossels“ nichts, diese fetten schneckenfühlerartigen Ausstülpungen in der Dachhaut. Wozu die gut sind, kann heute eigentlich keiner mehr so recht sagen, denn auch am wolkenlosen, strahlenden Herbsttag fällt kaum Licht in den darunter liegenden Ausstellungsraum. Die angekündigten Nossel-Spielereien mit allerlei Linsen, die das Licht bündeln und je nach Bedarf hätten disziplinieren sollen, wurden aus Geldmangel nicht umgesetzt.

Doch schon bevor der Besucher in dieses kleine Reich der Finsternis eindringt, springt ihn erst einmal die formale Katastrophe des Sockelbereichs nachgerade mit Wut an. Was oben blasenartig rundlich in Acryl quillt, ruht unten auf scharf facettiertem Glas. Auf der dem Murufer abgewandten Seite wächst der Sockel erst in gebogenen Stahlplatten empor, mündet in plane Glasscheiben, wächst zur Blase aus - der gebaute Beweis dafür, dass die Not nicht immer zur Tugend wird. Irgendwie wirkt das Ganze so, als ob Space-Barbie auf einem Sarkophag kalter deutscher Bankarchitektur zu Grabe getragen würde.

Immerhin hat man sich bemüht, die Blase auch im Foyer spürbar zu machen: Sie setzt sich über den Köpfen der Besucher fort, eine lange Rolltreppe führt in ihr Inneres. An dieser Stelle hält man erstmals inne und hofft angesichts der offen liegenden Acrylschuppen, dass die Stadt Graz ein eigenes Kunsthaus-Budget für die laufenden Wartungsarbeiten eingerichtet hat.

Denn wie diese Dinger innenflächig zu putzen sein werden ist eine interessante Frage für sich. Und unter den Außenschuppen befinden sich Hunderte Leuchtstoffröhren, die das Konstrukt abends zum Glühen bringen sollen. Ihre Lebensdauer ist mit sieben Jahren begrenzt. Auswechseln kann man sie nur, indem die Platten abmontiert werden - ein enormer Aufwand beim Glühbirnenwechseln.

Von diesen düsteren Gedanken umwölkt gleitet man über die Rolltreppe gemächlich in den ersten Ausstellungsraum, über den es wenig zu sagen gibt. Die Blase ist hier nicht spürbar, die Innenwände wurden mit dunkelgrauen, in Dreiecken aufgerasterten Stahlgewebepaneelen überzogen. Für eine echte Innenhaut reichte einmal mehr das Geld nicht. Eine verloren wirkende, ebenfalls dreieckige Fensteröffnung stellt den einzigen Bezug zur Grazer Außenwelt dar. Sie zu schließen und das Ding in eine Black Bubble zu verwandeln dürfte kein Problem darstellen.

Über den oben gelegenen Ausstellungsraum gibt es letztlich ebenfalls wenig zu sagen. Ein bisschen rundlich, absolut düster, alles grau in grau und stahlnetzbespannt. Bis auf die Nossels. Wo die sich auszustülpen beginnen, endet die Bespannung. Hier liegen die Stahlrippen kläglich offen. Was soll man sagen, das Geld hat nicht gereicht.

Dem Besucher bleibt wenig mehr als die Flucht in den - nur von innen betrachtet - einzig schönen Raum. Der heißt Chillout-Zone und befindet sich murseits als schmale Glasnadel in die Blase eingeschoben über den Baumwipfeln. Der Blick ist fantastisch, Graz eine Pracht. Hier kann verweilen, wer von Kunst und Blaseninnerem genug hat. Kaffee gibt's keinen, die Bar ist anderswo. Und so fesch der Raum mit Blick von innen ist: Von außen betrachtet ist die „Nadel“ in der Blase formal unverständlich, überflüssig, störend.

Peter Pakesch wird als Intendant des Joanneum das neue Haus nun denn bespielen. Er habe Erfahrung mit schwierigen Räumlichkeiten, meint er, und er freue sich auf die Herausforderung. Die Grazer werden in ihrem Kunsthaus sicherlich manch schöne Ausstellung betrachten dürfen, doch diese Möglichkeit hätten sie in anders gestalteten Häusern mindestens ebenso gut gehabt. Wahrscheinlich sogar besser.

Was die Baukosten anbelangt, so bewegte man sich trotz konstruktiver Herausforderungen sonder Zahl im vorgegebenen Rahmen, nach derzeitiger Sicht belaufen sie sich auf 37,5 Millionen Euro (netto und vor Schlussrechnung).

Fazit: Das Experiment Kunsthaus wurde durchgeführt, gelingen wollte es nicht. Konzept und tatsächliche Umsetzung klaffen zu weit auseinander, das Visionäre in der Architektur blieb außerirdisch, es zerschellte an den Grenzen irdischer Umsetzbarkeit. Darum wird Graz von Bilbao, dessen Effekt man sich so erhoffte, wohl weit entfernt bleiben.


[Ute Woltron ist Kommunikationsleiterin der Bundesimmobiliengesellschaft BIG.]

23. August 2003 Der Standard

Bravo, bravissimo

Aufgemerkt: Dieses Haus auf dem Dach wird international Aufsehen erregen. Was aber wichtiger ist: Hier entstand ein Stück perfekter Architektur - und reinen Herzens kann man solches nicht oft behaupten. Das eigene Haus der Architekten Roman Delugan und Elke Meissl über den Dächern Wiens.

Roman Delugan und Elke Meissl trinken Campari-Soda, unter anderem weil es in Wien gerade heißer ist als in Süditalien. Das belebende Rot steht den beiden gut, sie wirken einigermaßen ermattet, so als ob sie eine gemeinschaftliche Geburt hinter sich hätten. Was voll den Tatsachen entspricht.

Man sitzt luftig hoch über den Dächern der Bundeshauptstadt. Rundherum in Spielzeuggröße deren Elemente: Flaktürme, Mariahilfer Graben, Votivkirche, AKH. Man bekommt von hier heroben Lust, die Bauteile aufzugreifen, zu durchmischen, eine neue Variante dieser Metropole aufzubauen. Architektur und Städtebau werden scheinbar leichte, spritzige Angelegenheiten.

Campari-Soda hilft bei solchen Spielereien natürlich, und hilfreich ist auch das ungeheuerliche Gehäuse, in dem man sich gerade befindet, aus dem man hinunterlugt auf die schöne Stadt, weil es selbst eine Fingerübung der Leichtigkeit und Lässigkeit ist. Ein mikroskopischer Baustein feinster Schleifart, der sich perfekt in das System des großen Schemas Stadt einpasst.

Doch zuerst der Mikroblick von unten: vierter Bezirk, Mittersteig, ein Haus aus den 60er-Jahren. Man kann es sich vorstellen, es handelt sich um eine kahle Angelegenheit der Vernunft und, quasi kristallografisch gesprochen, des dreifachen rechten Winkels. Auf diesem kubischen, vormals flach gedeckten System lagert neuerdings eine vielwinkelige architektonische Flunder. Ein stählernes Skelett, mit Aluhaut über-, von eleganten Räumen fließend durchzogen. Unverständlich und amorph auf den ersten Blick, doch bei näherer Betrachtung in sich derartig logisch, dass es ein seltenes Vergnügen ist.

Man erreicht das Innenleben des Hauses auf dem Haus über einen im letzten Geschoß auskragenden Stiegenhausblock und betritt sodann den Villenaufbau durch einen langen, schmalen und sanft ansteigenden Trichtergang. Der öffnet sich zu einem wogenden Räumemeer, dessen Klippen, Kanten, Ufer die Produkte der übergeordneten abschleifenden Kräfte der Architektur sind, die da wären: die Bedürfnisse der drei Benutzer, die technischen Vorgaben der Bebauungsgesetze;,die natürlichen Regeln der über das Firmament ziehenden Sonne, die unerhörten Blickbezüge auf die zu Füßen liegende Stadt - und das Ganze sozusagen gewürzt mit dem Salz der Architektur, nämlich dem unbedingten Willen zur Perfektion auch noch im allerletzten Detail.

Dieses Haus kommt so gut wie ohne Möbel aus, denn es ist in sich Möbel. Das beginnt bereits im Eingangsbereich, wo sich eine Wand lindwurmartig schuppt, weil sich dahinter Schränke befinden. Die Schuppenwölbungen sind die Schranktürgriffe. Das setzt sich fort im Hauptraum dahinter, der sich in zwei Ebenen über die gesamte Hauslänge zieht. Hinten und vorne Glas, eine zweizeilige Küche ist eingeschoben, eine Zeile scheint zu fliegen, die andere klebt an der Außenwand. Geschickte Niveauschachtelungen (und statisch-konstruktive Raffinessen, berechnet von den kreativen „Werkraum“-Konstrukteuren) erzeugen ein dynamisches, trotzdem entspanntes Raumklima. Gläserner Durchblick überall - das Glas hier ist nicht nur Fenster, sondern auch tragendes Element. Zum Beispiel im Bereich unter einer großen schwarzledernen Liegelandschaft, die ebenfalls zu schweben scheint.

Roman Delugan und Elke Meissl nehmen ihren Campari-Spritzer im Moment noch einen Niveausprung höher am Essplatz ein. Zwei enorme Glasschiebetüren übers Eck sind geöffnet, die Terrasse davor wird zum Wohnzimmerelement, aber wo endet der Raum eigentlich? Keine Brüstung, kein Geländer, nur Blick in Sicht. Wie das funktioniert? Ein langes, schmales Nirosta-Schwimmbecken zieht sich hier über die gesamte Terrassenlänge, das Wasser leckt über die Kante, es wird unsichtbar in einer Saumrinne aufgefangen und den filternden Qualitäten einer verborgenen Anlage zugeführt - die Brüstung liegt unter Wasser.

Das Verbergen funktioniert überhaupt prächtig in diesem Haus: Die meisten Wände sind, wie im Vorraumbereich, zugleich unsichtbare Schränke. Türen verschwinden auf Rollen in Wänden. Dort wo sie sich herkömmlich drehen lassen, wurden die Beschläge unsichtbar versenkt. Schalter und Stecker wurden aufs Minimum reduziert, Lichtknöpfe mitunter Cent-klein in Stahlplättchen ausgeführt. Die gesamte Technik ist unter dem 90-Zentimeter-Niveausprung untergebracht, durch stählerne Düsen bläst Kühle in die Räume.

Zwei Schlafzimmer hat das Haus, eines für die Eltern, eines für das Kind. Die beiden Badezimmer sind integriert und designerische Meisterstücke für sich. Das Elternbad beispielsweise ist ein monolithischer schneeweißer Kunststoffblock samt Wanne, Becken, versenkten Lichtbändern, von hinten erleuchteten Screens. In der weißen Wand, noch einmal, Stauraum zum Saufüttern, aber keine Griffe, alles öffnet sich auf sanften Druck.

Das elterliche Bett (schneeweiß, was sonst?) wächst schräg aus der vollverglasten Außenwand, auf dass der Blick auf die Stadt im richtigen Winkel erfolge. Wer sogar seine Ruhestätte städtebaulich aufbereitet, hat lang und gründlich nachgedacht. Dahinter stecken ein Jahr Planung, ein Jahr Bauzeit und noch ein paar lange Monate peniblen Innenausbaus, weil sogar das Ablageregal, einem Eigenentwurf folgend, mehrere Tischlergenerationen fast dem Wahnsinn anheim gab. Auch das Regal ist schneeweiß, denn Weiß, Kirschholzrot, Schwarz sind die Farben, mit denen umgegangen wurde.

Mit diesem Haus über dem Mittersteig haben sich die Architekten, wie man so schön sagt, selbst verwirklicht und ihren architektonischen Grundsätzen das eigene Denkmal gesetzt. Von den dazu nötigen Geldern will man lieber nicht reden, der Preis der Arbeit dürfte aber entgolten werden: Delugan und Meissl sind junge, nichtsdestotrotz bereits jetzt international vom Fachpublikum beachtete Architekten. Dieses raffinierte und außergewöhnliche Projekt wird unweigerlich durch die internationale Medienlandschaft reisen, erste Architekturtouristen stellten sich bereits ein, bevor das Ding überhaupt fertig war.

Zum Abschluss eine kleine Reminiszenz: Vor nunmehr einigen Jahrzehnten baute ein einzelgängerischer Architektureigenbrötler namens John Lautner für kalifornische Millionäre ein paar Villen, die zu den bezauberndsten Architekturspielereien der Welt gehören. Sie waren weniger dem Intellekt als dem Solarplexus verpflichtet und räumlich atemberaubend. All die klugen Architekturspielereien der jüngeren Vergangenheit, mit Möbiusschleifen, Computerblasen et cetera, können diesen herrlichen, zugegebenermaßen unglaublich teuren Häusern bis heute nicht das Wasser reichen. Delugan und Meissl haben mit ihrem Entwurf zumindest eine thematische Annäherung geschafft, und dass Lautner einer ihrer Lieblinge ist, lässt sich am Schwimmbeckenrand ablesen. Nach langer Zeit ausnahmsweise wieder einmal ein sinnvoller, gleichwohl modifizierter US-Import. Bravissimo, und weiter so!

12. Juli 2003 Der Standard

Häuser, unterwegs

Eine wie immer ungerecht kleine Auswahl architektonischer Publikationen aus der großen Fülle des aktuellen Architekturbuchsommers, vorgestellt von Ute Woltron

Das Titelfoto ist natürlich ein Geniestreich: Es wirkt wie aus der Perspektive eines Halbtoten aufgenommen, der gerade ohne Proviant und Wasser eine Wüste durchrobbt hat, die sich auf dem Mond zu befinden scheint. Bäuchlings liegt er in zu Stein gebackener Krume - es ist entweder arktisch kalt oder saharaheiß, was weiß man - und weit vorne steht ein Haus unter aquamarinblauem Himmel.

Diese Villa dort in der Ferne scheint unerreichbar. Eine Fata Morgana der Zivilisation. Eine Architektur der letzten Rettung. Ein zipfelig schroffer Hort des Wassers, Essens, des Schattens und freundlicher Gastgeber.

Dieses Haus könnte irgendwo stehen. An einem salzigen Meer, in der trockenen Weite des amerikanischen Südwestens, in der Fantasie eines Sciencefiction-Autors. Glücklicherweise befindet es sich tatsächlich in einer der lieblichsten Gegenden Österreichs, nämlich dem Burgenland. Gebaut wurde es von Michael Szyszkowitz und Karla Kowalski, und mittlerweile ist das Gelände drumherum grün, saftig, freundlich.

Die Grazer Architekten haben das Titelfoto zu ihrer Publikation Idea and Form. Häuser von Szyszkowitz+Kowalski (€ 66,82/Birkhäuser) klug gewählt, denn es drückt klar aus, was das Buch will: Das Einfamilienhaus als „Territorialkunst“ vorstellen, als „Zuneigung zu einem Stück Leben“, wie Karla Kowalski es nennt. Dazu passt auch, dass der Autor des Bildes unbekannt bleibt, als MitarbeiterIn des Büros, als Teil einer monolithischen Architekturbüro-CI, die sich allerdings der Planung und Ausführung besonderer Hausindividualisten verschrieben hat.

Vorgestellt werden diese Solitäre von Architekturprofessorin Karin Wilhelm. 18 Häuser sind es insgesamt, alle markant und sehr eigenwillig. Das Buch über die Wohnhäuser des etablierten Duos ist eine ausgewogene Melange aus Bildern, Skizzen und nicht zu opulenten Texten. Peter Blundell Jones geleitet den Leser in seinem Vorwort mit folgenden Worten in den Szyszkowitz-Kowalski-Kosmos: „Sie führen uns vor Augen, dass Architektur auch heute noch einfallsreich, überraschend, persönlich, mitreißend und irritierend sein kann - alles, nur nicht öde.“

Auch unser zweiter Architekturbuchkandidat legt bereits auf den Umschlagseiten viel versprechend vor, was von ihm zu erwarten ist: eine Reise durch Zeiten, Länder, Architekturen. Vier Fotos, vier Architekturwelten.

Die üppige Barocktreppenanlage im portugiesischen Braga führt hinauf zur Kirche des „Guten Jesus des Berges“ (Bom Jesus do Monte), ein gewaltiger Pilgerpfad, von einem guten Dutzend steinerner Heiliger gesegnet. Darunter ein kühles Manifest der Moderne, der Deutsche Pavillon von Mies aus dem Jahr 1929. Die Rückseite: ebenfalls weihevolle Formenopulenz. Über den Felsen von Niterói, der Schwesterstadt Rio de Janeiros, schwebt ufohaft Oscar Niemeyers Kunstmuseum. Darunter ein Blick in die Große Moschee Córdobas, das maurische Monument des 9. und 10. Jahrhunderts.

Harry Seidler, australischer Architekt mit Wiener Ursprung, hat die Welt umrundet, eine subjektive Auswahl an beispielgebenden Häusern und Stadtanlagen ausgewählt und gemeinsam mit dem Verlag Taschen zu einem fetten kleinen Wälzer verarbeitet. The Grand Tour (€ 20,60/Taschen) ist ein eigenwilliger Architekturführer, dessen österreichischer Teil vor allem Historisches wie Schönbrunn, Hallstadt und Ringstraße offeriert, aber wenigstens mit Rachel Whitereads Holocaust-Mahnmal am Wiener Judenplatz endet.

Vom nächsten Cover schaut uns ein Mann entgegen: Hager, nicht mehr jung, alles an ihm spitz und streng, schwarzer Rollkragenpullover. Hinter ihm ein milchigweißes Konstrukt. Friedrich Kiesler: Endless House 1947-1961 (€ 25,50/Hatje Cantz) heißt das gemeinsam vom Friedrich-Kiesler-Zentrum Wien und dem Museum für Moderne Kunst Frankfurt herausgegebene Werk. Skizzen, mit Schreibmaschine getippte Texte, alte Fotos, vergilbte Zeitungsartikel und eine Menge guter zeitgenössischer Texte: Wer je in Kieslers amorphes Konstrukt abgrundtief eintauchen wollte - jetzt endlich bietet sich eine Gelegenheit dazu.

Auch Gerhard Garstenauer. Interventionen (€ 41,-/Verlag Anton Pustet) erweckt mit dem Unkonventionellen auf der Titelseite Neugierde. Im blauen Himmel fliegt ein Hubschrauber über den verschneiten Alpenkamm, er trägt ein kugeliges Stabwerk durch die Lüfte, das - längst gelandet - als eine der wunderbarsten Alpenstationen des österreichischen Berglandes Architekturgeschichte geschrieben hat.

Die Skiliftstationen des Salzburger Architekten in Sportgastein aus dem Jahr 1972 sind für Garstenauer „Architektur in einer Art Niemandsland“. Für die Skitouristen sind sie seit jeher Landmark, Zufluchtsstätte, Panoramastation. Für die Gasteiner waren sie ein Schritt in Richtung Tourismusmoderne, die mit dem eigentlichen Kapital, dem Berg, vernünftig und ein wenig kokett zugleich Umgang pflegte. Jedenfalls fernab jeder touristischen Anbiederung. Bedauerlich nur, dass dieser frische Architekturwind von rückschrittlicheren Geistern nicht immer pfleglich behandelt wurde.

Garstenauers umfangreiches Werk, für Dietmar Steiner „Bestandteil der Kulturgeschichte im Allgemeinen“ und „wesentlicher Bestandteil der österreichischen Architektur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, wurde in dieser Publikation gründlich aufgearbeitet. Was fehlt? Ein sofortiger Wiederaufbau des geschändeten Skilifts auf dem Kreuzkogel. Möge der Hubschrauber bald wieder kreisen.

Jetzt zu den heute so beliebten Minimalisten. Wir sehen es gleich, ein verwaschenes, oranges Lichtfeld in schwarz-grüner Fassade ziert zurückhaltend die Titelseite von Minimal Architecture (Ilka & Andreas Ruby, Angeli Sachs, Philip Ursprung, € 41,60/Verlag Prestel).

Darinnen die Essenz dessen, was in den vergangenen Jahren als reduziert, eben minimalistisch, gepriesen wurde. Die Beispiele stammen aus der ganzen Welt und von Leuten wie Tadao Ando, Herzog & de Meuron, Lacaton & Vassal, sogar Zaha Hadid ist laut diesem Buch angeblich gelegentlich zu Reduziertem fähig. Mit dabei ist auch Adolf Krischanitz mit seiner Neue-Welt- Schule und der neuen Kunsthalle Karlsplatz.

Ob der plakative Begriff Minimal Architecture tatsächlich auf alle hier gezeigten Projekte anzuwenden ist, mag die Leserschaft selbst entscheiden.

Der UmBau 20 (Institut für Architekturtheorie TU Wien, Österreichische Gesellschaft für Architektur, € 10,90/edition selene) schaut grafisch aus wie immer. Er befasst sich diesmal mit Moral und Architektur, wobei der Begriff Moral sicherheitshalber durchgestrichen ist, was bereits auf den Inhalt schließen lässt.

Der ist, wie gewohnt, fundiert, von internationaler Schreiberherkunft und streckenweise erfrischend provokant. Robert Kaltenbrunner publiziert etwa einen schönen Essay über den Mythos vom politikfreien Raum, und Christian Kühn thematisiert, mikro-makro, zwei umfehdete Wien-Projekte, und zwar die Altargeschichte der Augustinerkirche sowie Wien-Mitte.

Zuletzt eine ebenfalls optisch sehr zurückhaltende Angelegenheit von Liesbeth Waechter-Böhm. austria west. tirol vorarlberg. neue architektur (€ 35,90/Birkhäuser) ist der begleitende Band zur gleichnamigen Ausstellung, die vor kurzem international auf Tour geschickt wurde. Aufgearbeitet wird darin die jüngere - und erstaunlich dichte Architekturgeschichte Westösterreichs. Das Titelblatt bleibt dabei weiß wie westösterreichischer Alpenschnee, der frisch beschrieben werden will.

7. Juli 2003 Der Standard

Wo der „göttliche Funke“ geblieben ist

Nicht jeder Meister muss ein guter Lehrer sein, doch wenn er es ist, überlebt er sich selbst: Ein Treffen in Memoriam Ernst A. Plischkes brachte seine angegraute Schülerschaft nach 30 Jahren wieder zusammen: Ein besonderes Klassentreffen, beobachtet von Ute Woltron

"Ich finde, dass wir uns den Puritanismus
ersparen können. Wir haben im deutschen Sprachraum einen Meister Eckhart gehabt,
wir wissen vom „göttlichen Funken“, das Genie Beethoven ist ohne metaphysische Realität nicht zu erklären. Unsere Aufgabe ist es, den göttlichen Funken entweder wach zu halten oder ihn anzuzünden. Daraus ergibt sich das Spannungsfeld zwischen der Realität und der metaphysischen Welt, zwischen dem Utilitarismus und der Architektur, wie ich sie sehe."
Ernst A. Plischke in einer Vorlesung am 25.10.1965

Der Tag war alt, der Abend heiß, als vergangene Woche allerlei gekämmtes und geschneuztes Volk der Kunsthalle Essl in Klosterneuburg zuzuströmen begann. Alsbald surrte es in allen Gängen, das Summen wies in eine Richtung und konzentrierte sich oben im Café und in der daneben gelegenen Ausstellungshalle.

Einige Kunsttouristen, die den Genuss der aktuellen Schau dort gerade bei Kuchen und Spritzern verdauten, wurden von den Massen aufgeschreckt. Sie konnten mit Erstaunen beobachten, wie sich weißbärtige Männer den Weg durch die sich vergrößernde Menschenmenge bahnten, aufeinander zuliefen und in die Arme fielen. Andere standen einander sinnend gegenüber und versuchten kichernd die Namen des jeweiligen Gegenübers aus der Erinnerung hervorzukramen. Über drei Jahrzehnte lagen zwischen ihnen, aber die waren rasch weggewischt.

Auch viele Frauen waren dabei, in schönen künstlerischen Gewändern und mit seligen Lächeln in den Gesichtern. Kurzum, die Angelegenheit war von Fröhlichkeit durchdrungen und hatte etwas ausgelassen Schulausflughaftes, irgendetwas, das mit Alter, Zeit, Generation kaum etwas zu tun hat, obwohl die Bärte, wie gesagt, grau, die Häupter meist kahl waren.

Tatsächlich war hier ein Klassentreffen der besonderen Art im Gange, und der, dem es galt, tauchte plötzlich wie ein Geist aus der Vergangenheit auf, sein Bild flackerte übermenschengroß über eine Leinwand und verschwand gleich wieder. „Soundcheck“, murmelte der Techniker. „Da ist er ja!“ riefen die Anwesenden.

Ernst Anton Plischke - Architekt, Emigrant, Lehrer - hätte an diesem heißen 26. Juni seinen hundertsten Geburtstag begangen, hier in Klosterneuburg war er 1903 zur Welt gekommen, 1992 war er in Wien gestorben. Dieses Treffen mit anschließendem Symposium hatten seine Schüler organisiert: Jene Ex-Studenten, Ex-Assistenten und heutigen Architekten in der Schweiz, in Israel, der Türkei und auch Österreich, denen er in den Jahren von 1963 bis 1973 an der Wiener Akademie der bildenden Künste als „Meister“ beigebracht hatte, dass Architektur mehr als Form ist, und dass ihr Inhalt durchaus von jenem „göttlichen Funken“ erhellt zu sein habe, der sich an der Reibung zwischen Metaphysischem und Utilitaristischem entzünde.

Gerne hatte der Prinzipientreue und dabei doch gelegentlich das Mystische Predigende im Hörsaal die 700 Jahre alten Worte des Meister Eckhart zur Manifestierung seiner Thesen zu Hilfe genommen: „Nicht als ob man seinem Innern entfliehen oder entfallen oder untreu werden sollte, sondern gerade in ihm und mit ihm und aus ihm soll man wirken lernen...“

Doch was innen und was außen ist, ist nicht nur eine Frage der Architektur, sondern auch der Lehre, und so streuen wir eigenmächtig an dieser Stelle ebenfalls ein Eckhart-Zitat ein: „Wenn ein Meister ein Bild macht aus Holz oder Stein, so trägt er das Bild nicht in das Holz hinein, sondern er schnitzt die Späne ab, die das Bild verborgen und verdeckt hatten; er gibt dem Holz nichts, sondern er benimmt und gräbt ihm die Decke ab und nimmt den Rost weg, und dann erglänzt, was darunter verborgen lag. Dies ist der Schatz, der verborgen lag im Acker, wie unser Herr im Evangelium spricht.“

Als Friedrich Kurrent, ehemals Plischkes Assistent, das Podium betrat, verstummte dieser vom Meister gehobene Architektenschatz, oder, wie Kurrent meinte, „die hier versammelten, heute in der Blüte ihres Schaffens stehenden Architekten“. Das Bauliche sei nach Plischkes Rückkehr aus der Neuseeländischen Emigration zu kurz gekommen, das ihm gebührende Alterswerk sei ihm versagt geblieben, und so sei sein eigentliches Vermächtnis die Schule, die er durch seine Lehrtätigkeit gegründet habe. Hermann Czech, Luigi Blau, Alessandro Alverá, Eberhard Kneissl, Georg Friedler, Dietmar Steiner, Elsa Prochazka sind nur ein paar, die daraus hervorgegangen sind.

Plischke war bereits in Jugendjahren ein außergewöhnlich erfolgreicher Architekt gewesen. Einige seiner Bauten zählen zum Besten, was hierzulande entstanden ist, das Arbeitsamt Liesing etwa oder das Haus Gamerith am Attersee. Beide Gebäude hatte er errichtet, bevor er dreißig Jahre alt war. Nationalsozialismus und Krieg wehten ihn nach Neuseeland, die dort entstandenen Plischke-Architekturen sind bei uns kaum bekannt. Das offizielle Österreich wusste den Architekten nach seiner Rückkehr nicht zu würdigen, Aufträge blieben aus.

Seine Häuser aus der Vorkriegszeit wurden jedoch, wie man so sagt, zu Ikonen der Moderne. Walter Stelzhammer spürte schon als im Attersee badender Bub „das Außergewöhnliche“ in Plischkes Sommerhaus für die Familie Gamerith und begab sich 1970 nach Wien, um beim „Meister“ zu studieren. An diesem Abend, dreiunddreißig Jahre später, bestieg auch er das Podium und präsentierte der „Plischke-Gemeinde“ die Idee eines dreijährig zu vergebenden Preises: „Als Anreiz aus der Plischke-Ecke für die ins Beliebige abgleitende Architekturszene.“ Nicht Personen, sondern Häuser sollten damit ausgezeichnet werden, denn auch für Plischke habe stets nur das Resultat gezählt.

Schließlich füllte zum Abschluss der Veranstaltung posthum der alte Mann selbst den Raum. Drei Jahre vor seinem Tod von Gregor Eichinger und Christian Knechtl gefilmt betrat er die Leinwand und geißelte sofort seine Zunft: „Als ich jung war, war die Sachlichkeit die Mode. Das war der Tod der Architektur, weil man damit viele andere Qualitäten ausgelassen hat.“ Mit umgekehrten Vorzeichen würde er wohl die Moden der heutigen Zeit abtun, die gelegentlich anstelle „göttlicher Funken“ nur ephemere Feuerwerke zu versprühen imstande sind. Doch war das nicht immer so?

Plischkes Vermächtnis lebt weiter, und damit auch Nicht-Schüler daran teilhaben dürfen, haben ihm seine Ex-Studenten im Verlag Anton Pustet ein Andenken in Buchform gestiftet: In „Ernst Anton Plischke. Architekt und Lehrer“ (129 Seiten, 25,-€) analysieren sie Leben und Werk, und erinnern sich an die Lehre des „Meisters“. „Sie müssen Ihre Bauten auch nach zwanzig Jahren gerne besuchen“, hatte er etwa gesagt. Seine Schüler waren nach über dreißig Jahren jedenfalls gern zum seinem Andenken gekommen.

30. Juni 2003 Der Standard

Dienstleisten und Wertschöpfen

Am 1. Juli tritt das Bundesvergabegesetz 2002 endgültig österreichweit in Kraft. Experten erläutern, was das neue voluminöse Paragrafenwerk, das bereits jetzt vor einer Novelle steht, für die Architektur bedeutet.

1Paragrafen, zehn Anhänge, insgesamt 150 Seiten Gesetzestext: Das Bundesvergabegesetz 2002 ist, da sind sich auch Experten einig, ein ziemliches Bröckerl niedergeschriebener Judikatur. Das Werk regelt, dem vorgeschriebenen EU-Recht folgend und jeweils national interpretiert und aufbereitet, die Vergabe öffentlicher Aufträge.
Doch inwieweit nimmt das Gesetz, das somit über allen Wettbewerbsordnungen und Richtlinien steht, Rücksicht auf die komplizierten und naturgemäß stets mit einer gewissen Subjektivität behafteten Vergaben von architektonischen Planungen? Da Architekten keine Juristen und Juristen keine Architekten sind, hat das ALBUM sicherheitshalber Experten beider Disziplinen nach ihrer Meinung befragt.

Georg Pendl ist Kammerchef der Architekten und in Wettbewerbs- und damit auch Vergabebelangen spezialisiert. Christian Fink hat in der Vergangenheit als Jurist der Architektenkammer stets Fingerspitzengefühl bewiesen, was ihn schließlich in das Bundesvergabeamt katapultierte. Er gibt in diesem Gespräch seine persönliche vergaberechtliche Sicht wieder.

Beide sind sich letztlich einig: Gesetze hin, Gesetze her. Saubere Vergaben beginnen mit sorgfältigen Ausschreibungen und mindestens ebenso verantwortungsvoll geführten Verfahren, und beides kann nur dann zustande kommen, wenn auch die Auftraggeber über die gesamte Dauer der Genese eines Bauwerks Sorgfalt und Verantwortungsbewusstsein an den Tag legen.


Architektur und Klopapier

Kommt in den Gesetzestexten des neuen BVergG das Wort „Architektur“ überhaupt vor?

Georg Pendl: Nein.

Wie kommt das?

Pendl: Alles dreht sich um die Vergabe von Dienstleistungen, auf EU-Ebene „Intellectual Services“ genannt. Diese Richtlinie behandelt einen Versicherungsvertrag oder einen Bankkredit gleich wie das Planen von Häusern. Die Vergabe von Architektur wird also der Bestellung von Klopapier gleichgestellt.

STANDARD: Zumindest das Wettbewerbswesen scheint ziemlich straff geregelt zu sein?

Pendl: Das ist die einzige Besonderheit - das explizite Erwähnen des Wettbewerbs, allerdings ohne auf die Architektur einzugehen. Doch man konnte schon bisher mit dem bestehenden Vergabegesetz ordentliche Architekturwettbewerbe durchführen. Das Problem ist: Wer keinen Wettbewerb machen will, kann jetzt im Rahmen von Verhandlungsverfahren vergeben und muss sich an keine sonstigen Regeln halten, die die Vergabe sinnvoll machen. Die kreative Dienstleistung stellt nur eine Untergruppe von vielen dar und geht auf die spezifischen Erfordernisse der Architektur zu wenig ein.

Die Architekten der Bundesrepublik haben ihre Belange erfolgreich in die deutsche Variante des Gesetzes hineinreklamiert. Warum ist das den österreichischen Kollegen nicht gelungen?

Pendl: Es gibt die klassische Stellungnahmsmöglichkeit, und die ist gemacht worden. Was danach passiert ist, kann ich nicht beurteilen.

Erkennen Sie auch irgendwo positive Aspekte?

Pendl: Natürlich, man muss auch etwas Gutes daran lassen. So gelten jetzt auch unter dem Schwellenwert (200.000 Euro, Anm.) die gleichen Regeln. Der Unterschied zwischen Über-und Unterschwellenwert ist die EU-weite Bekanntmachung. Das zwingt etwa die Gemeinden, bei vielen kleineren öffentlichen Projekten die Regeln des Vergabegesetzes einzuhalten. Doch prinzipiell: Wenn jemand sinnvolle, an der Qualität orientierte, nachhaltige Verfahren und Vergaben durchführen will, kann er's heute nicht schlechter und besser.

Die Architektenkammer bemüht sich ihrerseits, die Verfahren zu verbessern, und organisiert Kurse für Juroren und Wettbewerbsvorbereiter. Macht das Sinn?

Pendl: Die Jurorenausbildung halte ich für schwachsinnig. Wesentlich ist die Ausbildung für Wettbewerbsvorbereiter, weil der Vorprüfer, der die Jury begleitet, letztlich derjenige ist, der rechtlich firm sein muss, der überprüfen muss, ob die Unterlagen passen, die Fragestellungen realistisch, die Kosten abgeprüft sind. Er trägt eine unheimliche Verantwortung, auch bezüglich des Ergebnisses.

Es ist wichtig, hier zu einer Liste mit guten Leuten zu kommen. Es ist problematisch, wenn Leute ausschreiben, die noch keine Wettbewerbserfahrungen gesammelt haben. Es macht keinen Sinn, wenn akademische Hausmeister, heute gern Facility-Manager genannt, ausschreiben, weil sie keine Ahnung von Architektur haben.

Stichwort Facility-Management: Könnte es sein, dass künftig hauptsächlich der Preis entscheiden wird?

Pendl: Das muss nicht sein, wenn jemand die Vergabe nach Qualitätskriterien entscheidet. Die ausgegliederte Bundesimmobiliengesellschaft (BIG) führt ja auch Wettbewerbe durch, die nicht so übel sind.

Öffentliche Auftraggeber könnten sich allerdings noch mehr als bis dato dem Rechnungshof verpflichtet fühlen und Billigstbieter wählen.

Pendl: Das stimmt. Der Rechnungshof hat tatsächlich manchmal seltsame Ansichten. Prinzipiell gilt aber schon das Bestbieterprinzip.

Wie lautet Ihr Fazit?

Pendl: Es bleibt letztlich eine politische Entscheidung, ob man sich in Richtung Qualität bewegt. Auch mit dem neuen Gesetz werden schlechte Verfahren mit schlechter Vorbereitung und schlechter Jury schlechte Architektur produzieren. Das Heil ist der Wille, nicht die Vorschrift.


Problem Rechtsschutz

Welche Änderungen kommen auf die Architektur zu?

Christian Fink: Die wichtigste betrifft die geistig schöpferischen Dienstleistungen, da das Gesetz grundsätzlich auch im Unterschwellenwertbereich gilt und damit die Ö-Norm A2050 ablöst. Das Gesetz sieht sieht als gebotene Vorgehensweise des öffentlichen Auslobers Besonderheiten für geistig schöpferische Dienstleistungen hinsichtlich der Wahl des Vergabeverfahrens vor: Die sind im Vergleich zu den materiellen privilegiert, der öffentliche Auslober hat mehr Freiraum, weil sie treuhänderischen Charakter beinhalten. Dienstleister gelten somit als Treuhänder des öffentlichen Auftraggebers, sie müssen sozusagen überlegen, was das Beste wäre.

Inwieweit werden geistig schöpferische Dienstleistungen bevorzugt?

Fink: Bis 30.000 Euro Planungshonorar ist eine Direktvergabe nun grundsätzlich möglich, sprich, ich suche wen, der es kann, und beauftrage ihn direkt. Bei anderen Dienstleistungen ist das nur bis 20.000 Euro erlaubt. Bis zum Schwellenwert von 60.000 Euro kann man mit drei Bietern in Verhandlungsverfahren ohne öffentliche Bekanntmachung treten. Bei anderen Dienstleistungen geht das nur bis 40.000 Euro. Und eine Besonderheit: Wer glaubhaft versichern kann, dass sich ein Wettbewerb aus verschiedensten Gründen nicht rentiert, kann bis zu einem Planungshonorar von etwa 160.000 Euro mit nur einem Bieter und ohne öffentliche Bekanntmachung in ein Verhandlungsverfahren treten.

Verhandlungsverfahren klingt nach Vergabe über den Preis.

Fink: Es ist nicht ausdrücklich im Gesetz, jedoch in den Erläuterungen festgeschrieben, dass man bei der Vergabe geistig schöpferischer Leistungen immer nur das Bestbieterprinzip anzuwenden hat und diese nicht im offenen Verfahren über den Preis ausschreiben kann. Man muss also immer verhandeln, weil ein Ergebnis nie von vornherein feststehen kann. Das war früher nicht so klar formuliert.

Inwieweit sind Architekturwettbewerbe überhaupt Thema des Gesetzes?

Fink: Trotz Ansinnens der Vertretung der Ziviltechniker hat man es verabsäumt, auf die Spezifika eines Planerwettbewerbes Bedacht zu nehmen. Anders als in Deutschland sind keine speziellen Bestimmungen dafür vorgesehen. Man hat zum Beispiel dem Wunsch, die Jury vorweg bekannt geben zu müssen, nicht entsprochen, was eine Kardinalforderung der Architekten war. Auch eine Juryzusammensetzung mit Überwiegen der Fachpreisrichter ist nicht vorgesehen. Laut EU-Dienstleistungskoordinierungsrichtlinie muss lediglich ein Drittel der Jury über dieselbe Qualifikation verfügen wie die Teilnehmer. Man hat hier also lediglich die Mindestanforderungen der EU übernommen. In Deutschland ist offensichtlich das Thema planerische Qualität und Architekturwettbewerb ein größeres Ding, weil man ausdrücklich neben den allgemeinen Regeln Standards mit eigenen Bestimmungen vorgesehen hat. In Österreich wurde alles über einen Leisten geschlagen.

Welche Änderungen gibt es im Rechtsschutzbereich?

Fink: Überspitzt ausgedrückt ist das BVergG nach Meinung vieler eher ein Rechtsschutzverhinderungsgesetz, es werden ungleich höhere Anforderungen an den einzelnen Vergaberechtsschutzsuchenden gestellt: Es können nur mehr bestimmte Entscheidungen des öffentlichen Auftraggebers angefochten werden, es sind genaue Fristen für Beeinspruchungen vorgesehen. Wer die versäumt, hat keine Möglichkeit mehr, Einspruch zu erheben. Im Oberschwellenbereich handelt es sich um 14 Tage, darunter um zehn Tage. Prinzipiell schrecken Bieter erst einmal davor zurück, sofort zu den Vergabekontrolleinrichtungen zu rennen. Doch jetzt bleibt kaum mehr Zeit, um zu überlegen, was aus meiner Sicht praktisch sehr problematisch sein kann. Außerdem wurden Pauschalbeträge für die Inanspruchnahme für Vergabekontrolleinrichtungen eingeführt. Im Oberschwellenbereich sind das bei Dienstleistungsaufträgen 1600 Euro pro Antrag, unterhalb sind es 800 Euro. Früher musste man pro Eingabe lediglich ein paar Stempelmarken kleben. Es gibt demzufolge weniger Anträge als zuvor.

Das Gesetz scheint nicht optimal ausgereift zu sein, würde es sonst bereits jetzt vor einer Novelle stehen?

Fink: Es ist tatsächlich sehr umfangreich, und viele Köche - die einzelnen Länder, Ministerien, Wirtschaftskammer etc. - haben mitgemischt. Es gibt also viele Bruchstellen, die man durch die praktische Anwendung bereits erkannt hat und mit Herbst in einer Novelle entfernen will. Abgesehen davon ergibt sich Reformbedarf durch verschiedene Entscheidungen des Europäischen Gerichtshofes, der manches anders sieht. Zu nennen ist etwa die Frage der Bekämpfbarkeit des Widerrufes. In Österreich kann derweilen nur Schadenersatz begehrt werden, EU-Europa sagt aber, dass ein erwiesenermaßen unsauberes Vergabeverfahren zur Gänze neu aufgerollt werden kann.

23. Juni 2003 Der Standard

Klarer Schnitt im Stadtgarten

Eine Gartenbau- Berufsschule in Wien von atelier 4 architects verbindet Ökologie, Ökonomie und gut durchdachtes Bauen zu einem architektonischen Schaugärtchen ohne blumigen Kitsch.

Die Stadt Wien hat nur ein paar U-Bahn-Minuten vom Zentrum entfernt erstaunlich ländliche Gegenden zu bieten. So zum Beispiel am Rande des hoffnungsfrohen transdanubischen Stadtentwicklungsgebietes rund um die UNO-City. Dort wachsen nicht nur Türme, sondern auch Brennnesseln am Straßenrand, es gedeihen wohlgepflegte Privatgärten rund um die kleinere Einfamilienhausvariante der Architektur - und im Bereich des Donizettiwegs gibt es sogar so etwas wie ein großes Feld.

Mitten auf diesem Feld steht neuerdings ein markantes Gebäude, in dem jährlich über 600 Lehrlinge aus Wien und dem Rest Österreichs in die Geheimnisse des Gartenbaus und der Floristik eingeführt werden. Die Berufsschule wurde soeben feierlich eröffnet, für die Architektur zeichnet atelier 4 architects verantwortlich, die bürgerlichen Namens Peter Erblich, Zachari Vesselinov, Manfred Hirschler und Peter Scheufler heißen.

Im Anfang war also das Feld, irgendwann begann der Mensch auch zu gärtnern, und wie das alles so funktioniert mit Fruchtfolgen und Düngergaben, mit Blumenstecken und Rosenschneiden, wird hier von Fachkräften an die Jugend weitergegeben. Das Feld und der Garten bleiben Thema, auch in der Gestalt der Architektur, und die weniger sichtbaren Tugenden jedes Gärtners, nämlich mit Effizienz der Mittel und ökologischem Bedacht größtmöglichen Ertrag zu ernten, wurden in umgewandelter Form in Sachen Haustechnik eingebracht.

Weil der Garten auch ein Ort der Kommunikation ist, beginnt dieses neue Haus eigentlich schon mit seinem großen, akkurat abgetreppten Vorplatz. Eine Rampe führt parallel zum Gebäude zum Eingang, im darunter liegenden Terrassengarten stehen die von den Schülerinnen und Schülern gepflegten Blumen in Reih und Glied, der Ginkobaum, der bereits da war, darf einen besonderen Blickpunkt bieten.

Nichts Blumiges, was die straßenseitige Fassade anbelangt: Hier herrscht flächige Klarheit, an der Hinterseite gibt es reduzierte Rankgerüste für Trompetenwinden und andere Kletterer. Der Baukörper selbst wurde geschickt strukturiert, wodurch sich Einschnitte, Höfe, Freiräume in oberen Geschoßen ergeben, die man derweilen von außen allerdings nur ahnen kann. „Wir wollten eine klare Form in diese Feld- und Heckenstruktur stellen“, sagen die Architekten, die hier naturgemäß besonderen Wert auf das Zusammenspiel von Innen- und Außenräumen zu legen hatten. Immerhin dient der gesamte Feld-Garten mit Glashäusern und Lehrbeeten rund um das Haus quasi als erweitertes Freiluftklassenzimmer.

Grob gesprochen bildet der Baukörper über dem rechteckigen Erdgeschoß ein großes U, in dessen Mitte sich ein Hof und unter dessen einem Flügel sich ein überdachter Freiraum befinden. Auch innen ist man also stets ein bisschen draußen, jedenfalls nah an irgendeinem Grünraum. Dass die alle, so wie auch der Vorplatz, sehr gepflegt sind, versteht sich von selbst, und auch das Feld kommt in Form einzelner streifig angelegter Rabatte, die aussehen wie Miniaturblumenfelder, einmal mehr zu seinem Recht.

Das Gebäudeinnere selbst erschließt sich den Eintretenden ebenfalls erfrischend logisch. Ein helles, geräumiges Stiegenhaus bildet eine Art Aula und Kommunikationszentrum. An der Wand wächst, von einem besonderen Rankgerüst gestützt und mittels feuchten Vlieses mit den entsprechenden Nährstoffen versorgt, allerlei Grünzeug in die Höh', als vertikaler Schaugarten sozusagen.

Oben liegen die einzelnen Klassenräume: hell, ahorngetäfelt, freundliches, zum Teil von den Architekten entworfenes Mobiliar. In den unteren Zonen wird in großen Werkstätten das Handwerk gelernt, die interne Verwaltung und die Lehrerzimmer sind ebenfalls hier unten untergebracht. Der Turnsaal liegt vier Meter unter dem Gelände, das gesamte Haus musste in dichter Wanne gegründet werden, da die Donau nah, der Grundwasserspiegel hoch ist.

Das eigentliche Zentrum der Schule befindet sich dort, wo gearbeitet wird, wo zum Beispiel Blumenarrangements entworfen und sodann in die Tat umgesetzt werden. Den Werkstätten gegenüber befinden sich die Kühlräume, in denen die Schnittblumen bei wenigen Grad Celsius aufbewahrt werden.

In Schuldirektor Johann Dücke fanden die Architekten offensichtlich einen harten, aber herzlichen Partner, mit dem gemeinsam alle schulischen Abläufe - von der Materialanlieferung über die Verarbeitung bis hin zu den besonderen Erfordernissen der Lehre - in wiederholt verfeinerte architektonische Form gegossen werden konnte.

Auch die Haustechnik ist raffiniert ausgeführt, man nahm Bedacht auf Wärmerückgewinnung bei den Lüftungsanlagen, installierte eine Photovoltaikanlage als Fassadenelement, die zugleich der inneren Beschattung dient, und experimentierte unter dem Motto „Gute Luft für gute Schüler“ mit unterschiedlich kontrollierter Be- und Entlüftung in den Klassenräumen. Auch die Wasseraufbereitung folgt ökologischen Grundsätzen: Die WC-Spülung erfolgt etwa mittels Nutzwasser.

Die Berufsschule für Gartenbau und Floristik ist ein fein durchdachtes Haus, dem seine Nutzer näher sind als jeder architektonische Show-off. Ökologie, Ökonomie der Mittel, ein gepflegter Umgang der Menschen untereinander und mit den Pflanzen standen im Vordergrund. Architektonisches Gärtnern at its best.

31. Mai 2003 Der Standard

Der Ort als Maschine

Für den deutschen Industriebauer Gunter Henn ist Architektur eine soziale oder organisatorische Tatsache - mit Return on Investment, versteht sich.

Vergangene Woche kam die deutsche Gründlichkeit in Person Gunter Henns nach Wien, um im Audimax der TU-Wien einen interessanten Gastvortrag über seine umfangreichen Tätigkeiten als Industriebauer zu halten. Henn erschien auf Einladung des Kollegen und TU-Industriebauprofessors Christoph Achammer im Rahmen eines jener prominent besetzten Seminare, die Achammers Vorgänger Degenhard Sommer über viele Jahre hinweg institutionalisiert hat, und die nun erfreulicherweise Fortsetzung finden.

Henn betrat die Bühne groß, hanseatisch und multimedial unterstützt, und er führte den studentisch lauschenden heimischen Architekten mit kühler Präzision und gemessenem Auf-und-Abschreiten vor, wie sich diverse Philosophien und Theorien zur Praxis manifestieren können, wenn alle wollen, dass wirklich Architektur und nicht nur ein paar flotte Wände gebaut werden. „Architektur wird nicht danach beurteilt werden, welche Räume sie schafft, sondern welche Räume sie ermöglicht“, hieß es da etwa, oder: „Es geht darum, eine Architektur der Kommunikation zu gestalten.“ Denn: „Nur die interne Selbstorganisation lässt Unternehmen überleben. Wenn alle Mitarbeiter immer alles machen würden, was die da oben sagen, wären viele Unternehmen längst tot.“ Wir können nur beipflichten.

So interessant der Vortrag des renommierten Planers auch war, er arbeitete aus der Fülle der Informationen über Faktoren wie Beschleunigung, Zeit, Real Time, Kommunikation etc. vor allem eine Tatsache ans Licht, die Österreich und Deutschland ebenso voneinander unterscheidet wie die sprichwörtliche gemeinsame Sprache: Die Bestellqualität der Auftraggeber unserer großen Nachbarn scheint eine völlig andere zu sein als hier zu Lande. Der Unternehmer als selbstbewusster Bauherr, der den Architekten als Partner, als Problemlöser, ja geradezu als Unternehmensberater und nicht als zu knechtenden Büttel betrachtet, ist eine seltene Spezies im Alpenland.

Selbstverständlich sind Henns Kunden wie beispielsweise Volkswagen und BMW Weltkonzerne, die nicht lange budgetär herumzaudern, wenn es um die Errichtung eines großen Autowerkes oder einer Think-Factory geht. Sie wissen allerdings auch, dass sie, so die Architektur gut ist, Return on Investment erwarten können. Von finanzstarken Kunden wie diesen dürfen die heimischen Planer nur träumen. Doch warum eigentlich? Vielleicht spiegelt der Umgang mit Bausubstanzen und Architekten viel tiefere Unternehmens-Un-Kulturen wider, als man annehmen sollte. Kluge Unternehmensberater sagen jedenfalls, dass man die Güte eines Betriebes bereits am Fußdackerl erkennen könne.

Doch zurück zum Rundherum: Als Henn beispielsweise ein gewaltiges Forschungszentrum für BMW bauen sollte, lautete sein Auftrag nicht: Stellen Sie uns 10.000 Quadratmeter irgendwas auf die grüne Wiese, mit soundsovielen Hallen und soundsovielen Werkstätten. Sondern: „Sorgen Sie dafür, dass sich die Produktentwicklungszeit von zehn auf vier Jahre reduziert.“ Nur eine penible Analyse des gesamten Autowerdungsvorganges konnte schließlich in die entsprechende Bausubstanz münden. Ein Optimieren des Arbeitsablaufes sei nur „räumlich, nicht organisatorisch lösbar“, so Henn, denn, egal in welcher Branche: Wenn man die Erfindergeister organisieren wolle, dann sei sofort „die Kreativität futsch“. Auch die Anwendung dieser Erkenntnis dürfte uns von unseren Nachbarn unterscheiden.

Das BMW-Entwicklungszentrum befindet sich in Bau, die Kreativität wird sich über zwei Geschosse erstrecken, in der Mitte eine Agora, wie sie laut Henn schon „in Athen die Demokratie lebendig gehalten hat“, und dort wird sich auch das täglich veränderte, verbesserte Produkt befinden. Man wird daran jeden Arbeitsschritt ablesen können. „Real Time“, sagt Henn, denn Geschwindigkeit ist zu einer der wichtigsten Tugenden unserer Zeit geworden.

Ein anderes Beispiel: Für VW baute der Architekt nicht nur die bekannte Autostadt in Wolfsburg, sondern auch die so genannte Gläserne Manufaktur in Dresden. In fast völliger Transparenz werden hier die Luxuskarossen Phaeton montiert. Die Spaziergänger draußen schauen zu, wie auf amerikanischen Bergahornparketten die Autos von Robotern und Menschen zusammengeschraubt werden. Öl fließt hier keines mehr, die Monteure tragen weiße Zwirnhandschuhe, der Boden bleibt makellos, die Anlieferung erfolgt über die Straßenbahn. Diese Aura der supercleanen Perfektion wird über die Architektur zum Markenzeichen hochstilisiert, und sie kommt so gut an, dass Peter Sloterdijk beschloss, sein Philosophisches Quartett bei laufender Produktion in diesem Haus stattfinden zu lassen. Und: Als die Semper-Oper nach der Flutkatastrophe des vergangenen Jahres nicht bespielbar war, übersiedelte das Orchester in die Fabrikshalle und konzertierte daselbst.

Henns Architekturen sind in ihrer Größe und Glattheit nicht immer unprotzig, nicht immer reizvoll, aber offenbar höchst funktional. Die Vernetzung der Welt verändere unsere Räume, meint er, und Häuser seien soziale, geformte Tatsachen. „Jedes Gebäude hat eine soziale Dimension, jede Gesellschaft hat eine räumliche Dimension.“ Und da wir uns im Zeitalter der Wissensgesellschaft befänden, müsse auch die Architektur eine des Wissens sein. Das Ermöglichen von Kommunikation der Menschen untereinander steht da an erster Stelle, denn: „80 Prozent aller innovativer Gedanken entstehen durch persönliche Kommunikation.“ Und, Zitat von Pierre Lévy: „Der Erfolg einer Gesellschaft hängt von ihrer Fähigkeit ab, im Raum des Wissens zu navigieren.“

Publikationen

2015

Funkhaus Wien
Ein Juwel am Puls der Stadt

Argentinierstraße 30a: Diese Adresse ist nicht nur Radiohörern ein Begriff. Hier befindet sich das ORF Funkhaus, einer der kulturellen Brennpunkte des Landes. Heimat von Ö1, FM4 und des Landesstudios Wien, aber auch Spielstätte des Radio-Symphonieorchesters. Im Großen Sendesaal wurde Radiogeschichte
Autor: Ute Woltron, Peter Stuiber
Verlag: Müry Salzmann Verlag