Bauwerk

Lehmhaus Rauch
Boltshauser Architekten, Martin Rauch - Schlins (A) - 2008
Lehmhaus Rauch, Foto: Beat Bühler
Lehmhaus Rauch, Foto: Beat Bühler
11. Januar 2009 - vai

„Materialität und Gestalt des Wohnhauses sind direkte Reaktionen auf die steile Südhang-Lage der schmalen Parzelle im landwirtschaftlichen Kontext. Als sei ein monolithischer Blick einer abstrakten, künstlerischen Natur ähnlich, aus der Erde herausgedrückt worden. Zwei Einkerbungen artikulieren den Baukörper aus Stampflehm, verkeilen ihn hinten mit dem Steilhang und etablieren vorne eine Auftakts- oder Empfangsgeste zum Tal hin. Innen ist das Haus in Form von Sequenzen einzeln individualisierbarer Räume entwickelt, die geschoßweise auf die unterschiedlichen Bedingungen reagieren.“ aus `Elementares zum Raum´, Aita Flury, Springer Verlag

Den waagrechten Fluss, die gesteinsartige Homogenität sowie die rohe Kraft und Massivität der Stampflehmbauweise in eine räumlich und formal adäquate Architektur zu bringen, war hier eine große gestalterische Herausforderung. Wie der Hang zur leichtesten Gewinnung des Baumaterials, zur kleinstmöglichen Verletzung des Geländes in Falllinie „angestochen“ wurde, so verankert sich der Baukörper in seiner Form, und macht das Volumen in horizontaler Schichtung kompakt aus dem Gelände herausgehoben sichtbar.

Am Anfang wurde der gesamte Aushub auf 0-30 mm gesiebt, mit unterschiedlichsten Verarbeitungstechniken in den Bau zurückgeführt und zu verschiedenen Zwecken wieder verwendet z.B. als tragende Wände, Stampflehm-Öfen, Fertigteilwände, Lehmstampfböden und Drainageabdichtungen.
Die mit Pressluftstampfern in der Schalung verdichteten dreigeschossigen, statisch voll belasteten Wände 45cm dick, bleiben unbehandelt. Alle Erdberührenden Lehmstampfwände sind mit Bitumen- und Schaumglasisolierung außen abgedichtet. Das 10 Meter hohe Stiegenhaus hat außen und innen rohe unbehandelte Lehmwände, und ist durch die aufliegende Glassteinkuppel belichtet. Die Stufen aus Trasskalk gebundenem Aushubmaterial sind 9cm stark, geschliffen und einseitig in die Außenwände eingespannt.

Beim Eintritt ins Hauptgeschoss folgt eine überraschende Wende. Aus der vorher grobporigen, erdig-rohen Atmosphäre kommt man in lichte, weißgrau schimmernde Räume mit feinen Nuancen zwischen den matten gewachsten Lehmstampfböden, der hellen Kaseinspachtelung der Fensterleibungen und Schiebetüren, sowie den weich erscheinenden Lehmputz der Wände und Decken. Dieser 3cm dicke Innenputz aus weißem Ton und Sand, armiert mit Flachsgewebe, beinhaltet großflächige Heizregister für die Wandheizung, die auf einer 10 cm starken, mit fettem Lehm verklebten Innendämmung aus Schilfrohr montiert wurde.

Das Obergeschoß mit Schlaf-, Arbeits- und Sanitärräumen ist geprägt durch fließende Räume. Besondere Gestaltungsfeinheit zeigt das Bad mit handgefertigten, in Raku-Technik gebrannten Bodenfliesen. Alle oberen Decken sind in Stampflehm eingebaute Dippelbäume aus lokalem Holz. Fenster- und Türstürze sind mit Trasskalk verstärkt. Jede Deckenebene hat umlaufende Ringanker zur statischen Sicherheit. In der gesamten Konstruktion gibt es keine Folien oder Dichtungsschäume, nur nachwachsende Isolationsmaterialien und Winddichtungen mit feinem Lehm.

Das Haus ist das Resultat der Überzeugung, dass mit Naturmaterialien, die eine ausreichende Materialqualität und entsprechenden kurzen Kreislauf haben, mit guter handwerklicher Qualität und Know-how hochwertigste Gebäudehüllen erzeugen kann. Alle eingesetzten Materialien und Arbeitsdaten wurden in der beinahe 2 ,5 jährigen Bauzeit genau dokumentiert und warten auf detaillierte Analyse mit praxisbezogenen Energie- und Klimadaten. Ein Großteil der Material- und Detailentscheidungen war Vorstoß in Neuland – von der Geologie des Baumaterials zur Chemie der Binde- und Brennverfahren bis hin zu den Werkzeugen und bauphysikalischen Gratwanderungen. (Text: Martin Rauch nach einem Text von Otto Kapfinger in Werk bauen+ wohnen 3/2008)

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Für den Beitrag verantwortlich: Vorarlberger Architektur Institut

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Verena Konradvk[at]v-a-i.at

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