Bauwerk

Wohnbau in Wien-Liesing
CPPArchitektur ZT KG - Wien (A) - 2008

Das Raue und das Feine

Aus dem Einfachen das Bestmögliche herausgeholt, weitab vom aalglatten Mainstream: ein Wohnbau in Wien-Liesing, der einen zweiten Blick wert ist. Bitte künftig mehr davon!

15. Februar 2009 - Franziska Leeb
Gerade im Wohnbau passiert es recht häufig, dass Computergrafiken und Architekturfotografien Eindrücke wiedergeben, die dann mit der Wirklichkeit nicht übereinstimmen. Das liegt nicht nur daran, dass Bewohner sich mit diversen Interventionen Balkone, Loggien und Gärten aneignen, die manchen Puristen die Grausbirnen aufsteigen lassen. Es hat auch damit zu tun, dass aus bauwirtschaftlicher Pragmatik manche Finesse – ichwage zu behaupten: nicht immer aus Kostengründen, sondern oft aus purer Faulheit – eingespart wird. Verständlich, dass die Schöpfer und Schöpferinnen der Architekturen daran interessiert sind, das Haus so darzustellen, wie sie es gedacht haben. Bildbearbeitungsprogramme machen es zudem leicht, sattes Grün auf mager bewachsene Dächer zu zaubern oder unvorteilhaft verlaufende Regenrohre wegzuretuschieren.

Umgekehrt gibt es Bauten, die auch auf den besten Fotos nicht augenscheinlich schön sind, sich in Wirklichkeit aber als Baukunst im besten Sinn entpuppen. In der Welingergasse in Wien-Liesing wurde vergangenen Herbst so ein architektonisches Kleinodfertiggestellt, dessen Feinheiten fotografisch schwer zu vermitteln sind. (Es ist generell so,dass Architektur erst dann erfasst werden kann, wenn man sie im Original gesehen, durchschritten, gefühlt und gerochen hat.)

Eva Ceska und Friedrich Priesner betreiben ihr Architekturbüro seit nunmehr zwei Jahrzehnten. Im vergangenen Jahr wurde mit dem langjährigen Mitarbeiter Georg Hurka ein dritter Partner ins Boot genommen. Seit Beginn ist der Geschoßwohnbau eines ihrer Hauptarbeitsfelder, das sie mit einer Empathie und einer extrem konzeptuellen Herangehensweise betreiben, wie sie in diesem Segment des Bauens selten geworden ist. ?eska Priesner haben bislang keine richtig großen Projekte umgesetzt. In den lautstark vermarkteten Stadterweiterungsgebieten mit den meist sonderbaren, an Vergnügungsparks erinnernden Namen haben sie nichts gebaut. Meist handelte es sich um Baulücken in Gegenden außerhalb des Fokus. Rohe, industrielle Materialien finden sich immer wieder an ihren Bauten. Putze werden in dezenten Grau- und Beigetönen gehalten. Sparsame Farbakzente sind im Spannungsfeld zwischen Poesie und Ironie angesiedelt.

Der kleine Wohnbau neben dem Garten der Pfarrkirche Neuerlaa fügt sich in das heterogene, von Großwohnsiedlungen, kleinteiliger Wohnbebauung und Gewerbe geprägte Umfeld zwischen Erlaaer Straße und Perfektastraße so ein, als wäre er immer schon da gewesen. Etwas Aufmerksamkeit ist daher gefragt, um das Besondere daran auszumachen. – Von Norden kommend, fällt die dem Kirchgarten zugewandte, plastisch gegliederte Fassade auf. An der Straßenfassade wurde mit der Ästhetik von Gewerbebauten kokettiert. In ihrer Glätte entspricht sie dem Bebauungsplan, der keine Vorbauten vorsieht. Die Fensterreihen in den beiden Obergeschoßen sind identisch, bestehen aber aus jeweils fünf unterschiedlichen Fensteröffnungen, an denen sich die verschiedenen dahinterliegenden Funktionen – Schlafzimmer, Gangbereich, Küche, Wohnzimmer, Loggia – abbilden. Die beige Putzfassade erfuhr eine Veredelung mit Glimmerpartikeln, die Allgemeinbereiche im Erdgeschoß erhielten eine pastellviolette Verkleidung. Der Eingangsbereich ist witterungsgeschützt leicht nach innen versetzt.

Im Innenhof konzentriert sich dann auf engstem Raum eine Vielzahl an Feinheiten, die jedoch so beiläufig und selbstverständlich gesetzt wurden, dass sie eher fühlbar als sichtbar vorhanden sind.

Vier Brücken zerschneiden auf Höhe des ersten Obergeschoßes den nicht sehr großenHof, gliedern ihn und schaffen Bereiche von unterschiedlicher Eigenschaft und Funktion.Sie führen aus den Maisonettewohnungen zu „ausgelagerten“ Loggien an der Feuermauer des benachbarten Gewerbebetriebs. Es handelt sich dabei um aufgestelzteKabanen, deren Böden und Seitenwände aus Beton und deren Dächer und Rückwändeaus transluzenten Kunststoffwellplatten ausgebildet sind. Darunter gibt es – zwar im Freien,doch etwas witterungsgeschützt – Abstellplätze für Fahrräder. Durch die in Distanz zuden Wohnungen angebrachten Freiräume entsteht nicht nur eine neue, interessante Interpretation des Themas Loggia, sondern es wird auch der Luftraum über der Hofflächebespielt. Die angrenzenden Feuermauern verlieren damit an Dominanz und werden besser in das Ganze integriert.

Purer Beton, Kunststoff, verzinkte Metallgitter: Es sind nicht die Materialien – die edel sind, sondern eine Reihe an Details entweder in der Verarbeitung oder im besonderen Umgang mit an sich banalen Gebäudeelementen. Kleine Betonpodeste neben den Eingängen im Erdgeschoß markieren eine – wenn auch kleine – private Vorzone, die zum Beispiel als Stellfläche für Blumentöpfe genutzt werden kann. Die zweite Maisonettenreihe wird über einen Laubengang im zweiten Obergeschoß erschlossen. Die kleinen horizontalen Fensteröffnungen zur Belichtung der Innentreppe liegen hier in Bodennähe neben den Eingängen, weil sie so direkt das Treppenpodest erhellen, also für attraktivere Lichtverhältnisse innerhalb der Wohnung sorgen.

Ein zu Hof und Pfarrgarten hin offenes Treppenhaus erschließt die eingeschoßigen Wohnungen am Ende des Längsriegels und an der abschließenden Stirnseite. Hier wiederholt sich an der Brüstung der vom Eingang bekannte Violett-Ton, der übrigens auch bei den Wohnungstreppen Anwendungfand. Die Ränder der Sichtbetonstufen erhielten einen aufgerauten Randstreifen, und auch sonst wurde viel unternommen, die an sich groben Materialien mit handwerklicher Sorgfalt zu behandeln.

Sandkiste und Rasenfläche, die einen großen Teil des Hofes einnehmen, sind mit einer Umrandung aus einerseits Holz – als wärmerer Sitzfläche – und ansonsten Beton sauber gefasst. Die Hofbeleuchtung liegt verdeckt unter den dem Weg zugewandten Rändern dieser Flächen und verzaubert sie bei Dunkelheit in einen grünen Tisch.

Viel Präsenz auf der Baustelle und die Fähigkeit zum produktiven Dialog mit den ausführenden Firmen sind notwendig, um aus dem Einfachen das Bestmögliche herauszuholen. Ein Einsatz, der nicht extra bezahlt und wenig bedankt ist. – Bitte in Zukunft mehr von solchen Wohnhäusern, die sich dem aalglatten Mainstream verweigern! Damit der den mittlerweile üblichen Einheitsbrei produzierende Pragmatismus nicht länger die Oberhand behält.

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