In diesem sozialen Wohnbau ist es auch ohne Klimaanlage angenehm
Die „Rote Emma“ in der Wiener Donaustadt ist eines der größten Holzhybridprojekte Europas. Diese Bauweise schafft für die Bewohner auch bei großer Hitze noch angenehme Temperaturen.
Wer die „Rote Emma“ mit dem „Roten Wien“ assoziiert, liegt nicht ganz falsch – und nicht ganz richtig. „Rote Emma“ ist eine Erdäpfelsorte, die man früher anbaute, als die Donaustadt noch Feldlandschaft war. Nach ihr heißt eine geförderte Wohnanlage aus vier parallelen, unterschiedlich langen und breiten Riegeln sowie einem etwas entfernten Punkthaus, in die Mitte März die ersten Bewohner einzogen. Sie wurde auf zwei Bauplätzen von den zwei Architekturteams AllesWirdGut und GERNER GERNER PLUS für die zwei Bauträger migra und BWSG unweit der U1-Station Kagran realisiert. Von Anfang an arbeiteten alle außergewöhnlich konsequent gemeinsam.
Der Name „Rote Emma“ steht also für Verwurzelung und Resilienz. Ging es im Roten Wien um grundlegende Wohnbedürfnisse, geht es heute um den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen sowie um die Möglichkeit, in Beziehung und Nachbarschaft zu leben. Vereinzelung, Bodenversiegelung und Kreislaufwirtschaft sind große Themen im sozialen Wohnbau.
Problemzone Erdgeschoß
In der Donaustadt treffen Vorstadthäuser, Höfe aus der Zwischenkriegszeit, Kleingartensiedlungen, Zeilen-, Blockrand und hofbildende Bebauungsformen der letzten Dekaden aufeinander. Sozialer Wohnbau hat in Wien einen hohen Standard und eine große Schwäche: die Erdgeschoßzonen. Geschäfte sind mangels Frequenz fast nie rentabel, Gemeinschafts-, Fahrradabstell- und Müllräume mäßig attraktiv und Mietergärten zwar beliebt, aber mehr spießig als großstädtisch.
Der größere Bauplatz grenzt an den Bildungscampus Attemsgasse von Querkraft Architekten, sein Gegenüber bilden eintönige Fassaden, im Norden breitet sich ein kleiner Park aus, dahinter Wohnbauten, im angrenzenden Blockrand schließt das Punkthaus eine Lücke und setzt an der Kreuzung mit der Donaufelderstraße einen Akzent.
Im Erdgeschoß werden Setzlinge verkauft
Auf dem Dach erzeugen Glashäuser und Pergolen mit sattelbedachtem Umriss eine identitätsstiftende Silhouette, die einen sofort begreifen lässt, dass Punkthaus und Riegel zusammengehören. Die Pergolen beschatten die Hochbeete, Sitzplätze und Freiräume der Bewohnerschaft.
Die Glashäuser am Dach des Bauteils „Emmalie“ – jeder Bauteil ist nach einer anderen Kartoffelsorte benannt – werden vom Verein LOK – Leben ohne Krankenhaus genutzt. Der Verein betreibt dort ein Projekt, das Menschen mit psychischer Erkrankung unterstützt. Sie ziehen Setzlinge, die dann im LOK-Geschäft im Erdgeschoß verkauft werden. Zwischen oben und unten besteht eine Verbindung, beides sind Orte von Gemeinsamkeit, biologischem und zwischenmenschlichem Wachstum. LOK betreibt auch einen Stützpunkt und 16 betreute Wohnungen, die mit einem Jahr Vorlauf gemäß UN-Behindertenrechtskonvention partizipativ gestaltet wurden. Der Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit spielte schon während des Architekturwettbewerbs eine Rolle, weil man damals schon gemeinwohlorientierte Nutzer:innen suchte. Das Frauenwohnprojekt ro*sa war von Beginn an im Punkthaus angesiedelt. Auch die 44 Wohnungen mit den überdurchschnittlich großen Gemeinschaftsräumen, -küchen, -gärten und breiten Laubengängen wurden partizipativ mit den Architekten geplant.
Gebietsbetruung und Kindergarten
Zwischen den vier nord-süd-orientierten, parallelen Riegeln befinden sich ruhige, von Carla Lo sehr schön gestaltete Grünräume. Gemeinsam ist ihnen eine vier Meter hohe, massive Sockelzone, die teils Arkaden ausbildet und durchwegs öffentlich genutzt ist. Ihr zart zinnoberroter Farbton verweist auf die „Rote Emma“, wirkt freundlich und harmoniert mit den Balkonregalen, die den Riegeln vorgeschaltet sind. Im Punkthaus gibt es stattdessen zahnradartig gegeneinander versetzte Loggien.
Alle Öffnungen, Fenster und Glastüren sind raumhoch, das fördert die Verbindung zum Freiraum und zueinander. Man nimmt die Aktivität im Erdgeschoß wahr. Dort sind ein Grätzelconcierge der Volkshilfe, eine Gebietsbetreuung, ein Kindergarten, eine VHS, ein Mobilitätspoint sowie Stützpunkt und Lokal von LOK untergebracht.
Besonders günstige Smart-Wohnungen
Die Architekten reduzierten die Trakttiefe so weit wie möglich, um die Grünräume dazwischen zu vergrößern. Der straßenseitige Riegel ist am schmälsten, dort gibt es durchgesteckte Wohnungen, alle anderen sind per Mittelgang erschlossen. Das ist am wirtschaftlichsten, dafür bilden die Mittelgänge stirnseitig zusätzliche Räume aus. Die dortigen temporären Arbeitsplätze werden gern angemietet, die Hälfte aller Wohnungen sind besonders günstige Smart-Wohnungen. Die nördlichen Stirnseiten der Riegel liegen auf einer Flucht und bilden eine unaufdringliche Kante zum angrenzenden Park, während sie im Süden gleichermaßen in ihre zerteilte Nachbarschaft ausfließen. Das Grün, das diese Häuser versiegeln, geben sie zumindest teilweise über die Gärten am Dach zurück, wobei die Pergolen teilweise mit Photovoltaik für den Allgemeinstrom belegt sind. Dadurch bleibt die darunter liegende Fläche beschattet und nutzbar.
Die „Rote Emma“ ist eines der größten Holzhybridprojekte Europas. Sie besteht aus einem massiven Sockel, einem tragenden Skelett aus Stahlbetonstützen und betonkernaktivierten Decken, die auch bei Hitze noch für angenehme Temperaturen sorgen.
Der Bau der „Roten Emma“ fiel mitten in die Corona-Zeit, als die Baupreise explodierten. Die Architekten suchten damals mit den Generalunternehmern nach Einsparungsmöglichkeiten. Dabei wurde um jede Entscheidung gerungen, allerdings bringt es bei insgesamt 360 Wohnungen schon viel, wenn man Fertigteilschächte reduziert.
In schönen Häusern hat man lieber Gäste
Man konsultierte Holzbauexperten, um eine günstigere Lösung für das vorgeschaltete Holzregal mit den Loggien und Pflanztrögen zu finden, das de facto den Innenraum um ein Freiluftwohnzimmer erweitert. Man setzte auf vorgefertigte Holzbauelemente, eine integrierte Baulogistik und neue, präzisere Planungs- und Abstimmungsprozesse.
„In diesem Projekt steckt sehr viel technische Entwicklungsarbeit. Dazu braucht es viele engagierte Leute, die alle respektvoll miteinander umgehen und nicht gegeneinander arbeiten“, sind sich Friedrich Passler von AWG und Julia Haranza von GERNER GERNER PLUS einig. Schließlich konstruierte man nichttragende Holzriegelaußenwände. Das vorgelagerte Balkonregal mit Fertigteilplatten, in dem Pflanztröge für Gartengefühl und Privatheit sorgen, liegt auf Konsolen und tragenden Holzstützen auf.
„Es wäre einfach gewesen, die Pulverbeschichtung der Geländer oder die Holzlasur zu streichen, aber das sähe billig und unfertig aus“, sagt Passler. „Man darf nicht an Dingen sparen, die man sieht. Wenn Leute in einem schöneren Haus wohnen, haben sie lieber Gäste.“ Auch die Handläufe aus Holz wurden nicht eingespart. Es fühlt sich gut an, hier Treppen zu steigen.