nextroom.at

Details

Adresse
Attemsgasse 38, 1220 Wien, Österreich
Mitarbeit GERNER GERNER PLUS.
Julia Haranza, Herta Frischenschlager, Marilies Frei, Lydia Hutter, Hanna Ernstbrunner, Daniela Podpera, Thomas Santner, Mario Bauer
Mitarbeit AllesWirdGut
Bogdan Hămbășan, Felix Kämpfel, Irvin Levicki Ahatovic, Jan Schröder, Karl Koschek, Katarina Malinaricova, Kristina Mosor, Patrick Tinauer, Peter Jakubicek, Theresia Gruber, Ursula Pivetz
Bauherrschaft
BWS-Gruppe, MIGRA
Mitarbeit BWS-Gruppe
A. Kopinitsch; T. Bernhard
Mitarbeit MIGRA
M. Kutschach
Mitarbeit
M. Herder, M. Tackner
Landschaftsarchitektur
Carla Lo Landschaftsarchitektur (Carla Lo)
Mitarbeit
Samuel Bucher
Mitarbeit
Florian Ehrenhofer
Fotografie
tschinkersten
Weitere Konsulent:innen
ELT, HT: Dr. Ronald Mischek ZT GmbH, Wien
Brandschutz und Bauphysik: B-Lab ZT GmbH
Soziale Nachhaltigkeit: Sonja Gruber, Wien
Leitsystem: Isolde Fitzel, Wien
Maßnahme
Neubau
Funktion
Wohnbauten
Wettbewerb
12/2020
Planung
2021
Ausführung
05/2024 - 03/2026
Grundstücksfläche
11.772 m²
Bruttogeschossfläche
45.260 m²
Nutzfläche
27.790 m²
Bebaute Fläche
5.904 m²

Nachhaltigkeit

Energiesysteme
Fernwärme, Photovoltaik, Wärmepumpe
Materialwahl
Holzbau, Stahlbeton

Raumprogramm

Nutzer:innenintegration als Planungsinstrument
Entsprechend dem im Wettbewerb angestrebten kulturell-sozialen Schlusspunkt für die Quartiersentwicklung wurde die Sockelzone unter maßgeblicher Einbeziehung ihrer Nutzer:innen präzisiert und weitestgehend plangetreu ausgestaltet.
Ein lebendiger Nutzungsmix entlang der Straßenräume und der Parkpromenade verbindet Gemeinschaft, Gewerbe und Nachbarschaft.
Im Bauteil Emmalie kuratiert der Verein LOK, der dort neben kleinen Wohneinheiten auch seinen Stützpunkt hat, darüber hinaus die Gewächshäuser am Dach und betreibt gleichzeitig das Geschäftslokal im Erdgeschoß.
Im Rahmen des Sozialprojekts finden Menschen mit psychischen Erkrankungen hier Beschäftigung in Bereichen wie der Jungpflanzenzucht – und verkaufen unten, was oben wächst.
Ergänzt wird der soziale Wohnbaustein durch das Frauenwohnprojekt ro*sa, das durch seine Ausrichtung auf Selbstbestimmung zur klaren feministischen und gemeinschaftlichen Prägung des Quartiers beiträgt.
Komplettiert wird das Angebot des Orts des städtischen Miteinanders durch die Gebietsbetreuung und die Volkshochschule Donaustadt im Erdgeschoß.

Ausführende Firmen

GU: Strabag AG

Preise und Auszeichnungen

Publikationen

architektur aktuell

Architekturwettbewerb

Das Projekt ist aus dem Verfahren 22., Attemsgasse – Die Stadt hervorgegangen. Details finden Sie auf der Plattform architekturwettbewerb.at

Karte

Pläne

Presseschau

10. August 2026 Isabella Marboe
Spectrum

In diesem sozialen Wohnbau ist es auch ohne Klimaanlage angenehm

Die „Rote Emma“ in der Wiener Donaustadt ist eines der größten Holzhybridprojekte Europas. Diese Bauweise schafft für die Bewohner auch bei großer Hitze noch angenehme Temperaturen.

Wer die „Rote Emma“ mit dem „Roten Wien“ assoziiert, liegt nicht ganz falsch – und nicht ganz richtig. „Rote Emma“ ist eine Erdäpfelsorte, die man früher anbaute, als die Donaustadt noch Feldlandschaft war. Nach ihr heißt eine geförderte Wohnanlage aus vier parallelen, unterschiedlich langen und breiten Riegeln sowie einem etwas entfernten Punkthaus, in die Mitte März die ersten Bewohner einzogen. Sie wurde auf zwei Bauplätzen von den zwei Architekturteams AllesWirdGut und GERNER GERNER PLUS für die zwei Bauträger migra und BWSG unweit der U1-Station Kagran realisiert. Von Anfang an arbeiteten alle außergewöhnlich konsequent gemeinsam.

Der Name „Rote Emma“ steht also für Verwurzelung und Resilienz. Ging es im Roten Wien um grundlegende Wohnbedürfnisse, geht es heute um den verantwortungsvollen Umgang mit natürlichen Ressourcen sowie um die Möglichkeit, in Beziehung und Nachbarschaft zu leben. Vereinzelung, Bodenversiegelung und Kreislaufwirtschaft sind große Themen im sozialen Wohnbau.

Problemzone Erdgeschoß

In der Donaustadt treffen Vorstadthäuser, Höfe aus der Zwischenkriegszeit, Kleingartensiedlungen, Zeilen-, Blockrand und hofbildende Bebauungsformen der letzten Dekaden aufeinander. Sozialer Wohnbau hat in Wien einen hohen Standard und eine große Schwäche: die Erdgeschoßzonen. Geschäfte sind mangels Frequenz fast nie rentabel, Gemeinschafts-, Fahrradabstell- und Müllräume mäßig attraktiv und Mietergärten zwar beliebt, aber mehr spießig als großstädtisch.

Der größere Bauplatz grenzt an den Bildungscampus Attemsgasse von Querkraft Architekten, sein Gegenüber bilden eintönige Fassaden, im Norden breitet sich ein kleiner Park aus, dahinter Wohnbauten, im angrenzenden Blockrand schließt das Punkthaus eine Lücke und setzt an der Kreuzung mit der Donaufelderstraße einen Akzent.

Im Erdgeschoß werden Setzlinge verkauft

Auf dem Dach erzeugen Glashäuser und Pergolen mit sattelbedachtem Umriss eine identitätsstiftende Silhouette, die einen sofort begreifen lässt, dass Punkthaus und Riegel zusammengehören. Die Pergolen beschatten die Hochbeete, Sitzplätze und Freiräume der Bewohnerschaft.

Die Glashäuser am Dach des Bauteils „Emma­lie“ – jeder Bauteil ist nach einer anderen Kartoffelsorte benannt – werden vom Verein LOK – Leben ohne Krankenhaus genutzt. Der Verein betreibt dort ein Projekt, das Menschen mit psychischer Erkrankung unterstützt. Sie ziehen Setzlinge, die dann im LOK-Geschäft im Erdgeschoß verkauft werden. Zwischen oben und unten besteht eine Verbindung, beides sind Orte von Gemeinsamkeit, biologischem und zwischenmenschlichem Wachs­tum. LOK betreibt auch einen Stützpunkt und 16 betreute Wohnungen, die mit einem Jahr Vorlauf gemäß UN-Behindertenrechtskonvention partizipativ gestaltet wurden. Der Aspekt der sozialen Nachhaltigkeit spielte schon während des Architekturwettbewerbs eine Rolle, weil man damals schon gemeinwohlorientierte Nut­zer:innen suchte. Das Frauenwohnprojekt ro*sa war von Beginn an im Punkthaus ange­siedelt. Auch die 44 Wohnungen mit den überdurchschnittlich großen Gemeinschaftsräumen, -küchen, -gärten und breiten Laubengängen wurden partizipativ mit den Architekten geplant.

Gebietsbetruung und Kindergarten

Zwischen den vier nord-süd-orientierten, parallelen Riegeln befinden sich ruhige, von Carla Lo sehr schön gestaltete Grünräume. Gemeinsam ist ihnen eine vier Meter hohe, massive Sockelzone, die teils Arkaden ausbildet und durchwegs öffentlich genutzt ist. Ihr zart zinnoberroter Farbton verweist auf die „Rote Emma“, wirkt freundlich und harmoniert mit den Balkonregalen, die den Riegeln vorgeschaltet sind. Im Punkthaus gibt es stattdessen zahnradartig gegeneinander versetzte Loggien.

Alle Öffnungen, Fenster und Glastüren sind raumhoch, das fördert die Verbindung zum Freiraum und zueinander. Man nimmt die Aktivi­tät im Erdgeschoß wahr. Dort sind ein Grätzelconcierge der Volkshilfe, eine Gebietsbetreuung, ein Kindergarten, eine VHS, ein Mobilitätspoint sowie Stützpunkt und Lokal von LOK untergebracht.

Besonders günstige Smart-Wohnungen

Die Architekten reduzierten die Trakttiefe so weit wie möglich, um die Grünräume dazwischen zu vergrößern. Der straßenseitige Riegel ist am schmälsten, dort gibt es durchgesteckte Wohnungen, alle anderen sind per Mittelgang erschlossen. Das ist am wirtschaftlichsten, dafür bilden die Mittelgänge stirnseitig zusätzliche Räume aus. Die dortigen temporären Arbeitsplätze werden gern angemietet, die Hälfte aller Wohnungen sind besonders günstige Smart-Wohnungen. Die nördlichen Stirnseiten der Riegel liegen auf einer Flucht und bilden eine unaufdringliche Kante zum angrenzenden Park, während sie im Süden gleichermaßen in ihre zerteilte Nachbarschaft ausfließen. Das Grün, das diese Häuser versiegeln, geben sie zumindest teilweise über die Gärten am Dach zurück, wobei die Pergolen teilweise mit Photovoltaik für den Allgemeinstrom belegt sind. Dadurch bleibt die darunter liegende Fläche beschattet und nutzbar.

Die „Rote Emma“ ist eines der größten Holzhybridprojekte Europas. Sie besteht aus einem massiven Sockel, einem tragenden Skelett aus Stahlbetonstützen und betonkernaktivierten Decken, die auch bei Hitze noch für angenehme Temperaturen sorgen.

Der Bau der „Roten Emma“ fiel mitten in die Corona-Zeit, als die Baupreise explodierten. Die Architekten suchten damals mit den Generalunternehmern nach Einsparungsmöglichkeiten. Dabei wurde um jede Entscheidung gerungen, allerdings bringt es bei insgesamt 360 Wohnungen schon viel, wenn man Fertigteilschächte reduziert.

In schönen Häusern hat man lieber Gäste

Man konsultierte Holzbauexperten, um eine günstigere Lösung für das vorgeschaltete Holzregal mit den Loggien und Pflanztrögen zu finden, das de facto den Innenraum um ein Freiluftwohnzimmer erweitert. Man setzte auf vorgefertigte Holzbauelemente, eine integrierte Baulogistik und neue, präzisere Planungs- und Abstimmungsprozesse.

„In diesem Projekt steckt sehr viel technische Entwicklungsarbeit. Dazu braucht es viele engagierte Leute, die alle respektvoll miteinander umgehen und nicht gegeneinander arbeiten“, sind sich Friedrich Passler von AWG und Julia Haranza von GERNER GERNER PLUS einig. Schließlich konstruierte man nichttragende Holzriegelaußenwände. Das vorgelagerte Balkonregal mit Fertigteilplatten, in dem Pflanztröge für Gartengefühl und Privatheit sorgen, liegt auf Konsolen und tragenden Holzstützen auf.

„Es wäre einfach gewesen, die Pulverbeschichtung der Geländer oder die Holzlasur zu streichen, aber das sähe billig und unfertig aus“, sagt Passler. „Man darf nicht an Dingen sparen, die man sieht. Wenn Leute in einem schöneren Haus wohnen, haben sie lieber Gäste.“ Auch die Handläufe aus Holz wurden nicht eingespart. Es fühlt sich gut an, hier Treppen zu steigen.

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