Zeitschrift

TEC21 2010|13
Ticino „città diffusa“
TEC21 2010|13
zur Zeitschrift: TEC21
Verlag: Verlags-AG
Wohl kein anderer Landesteil wird im Rest der Schweiz so selektiv wahrgenommen wie das Tessin. Film und Literatur, Illustrierte und Fernsehen, Tourismuswerbung und sogar Schulbücher zeigen uns seit Jahrzehnten, wie wir uns unsere «Sonnenstube» vorzustellen haben. Die Klischees, aus denen sich das Wahrnehmungsraster zusammensetzt, sind sattsam bekannt, trotzdem werden sie von den Deutschschweizer Medien weiterhin fleissig reproduziert. Für einmal versagte sogar unsere sonst zuverlässig realitätsbezogene Fotoagentur, als wir Bilder zu den Artikeln «Architektur auf der Suche nach der Stadt» und «Eine Città Ticino mit öffentlichem Verkehr» suchten. Die Texte haben wir aus dem Tessin erhalten, aktuelle Bilder der besiedelten Landschaft mussten wir uns selber holen. Wir haben sie an den Magnolien und Kamelien vorbei aufgenommen.

Anlass für dieses Thema ist die Übernahme der Tessiner Architektur- und Ingenieurzeitschrift «archi» durch die Verlags AG, die bereits «TEC21» in Zürich und «TRACÉS» in Lausanne herausgibt (vgl. TEC21 39/2009, S.19). Der langjährige «archi»-Chefredaktor Alberto Caruso berichtet ab Seite 16, wie sich die Tessiner Architektur seit ihrem Welterfolg in den 1970er-Jahren weiterentwickelt hat. Und Riccardo de Gottardi, Leiter Raum- und Mobilitätsplanung im Tessiner Raumplanungsdepartement, liefert eine Übersicht über die grossen Infrastrukturprojekte im lange vernachlässigten öffentlichen Verkehr (vgl. S. 21ff.).

Beide Artikel beschäftigen sich mit etwas, das im klischierten Tessin-Bild gar nicht vorkommt: mit der Stadt bzw. mit der Agglomeration. Sie ist heute die Lebenswelt von 90 % der Tessinerinnen und Tessiner. Das Raumentwicklungsleitbild des Kantons propagiert eine durch den öffentlichen Verkehr vernetzte «Città Ticino», die Architekturkritik spricht einstweilen von der chaotisch gewachsenen «città diffusa».

Stau auf den Strassen und die miserable Luftqualität zwingen den Kanton, den öffentlichen Verkehr endlich auf einen zeitgemässen Stand zu bringen. Der Ceneri-Basistunnel wird ab 2019 zum Rückgrat der S-Bahn, die kräftig ausgebaut wird. Um ihre neuen Bahnhöfe herum kann sich die «città diffusa» zur Stadt verdichten.

An Kanton und Gemeinden liegt es, dafür zu sorgen, dass dies auf nachhaltige Weise geschieht und eine hohe Qualität der Architektur und der öffentlichen Räume resultiert.

Wie unstrukturiert die Tessiner Talsenken mittlerweile auch verbaut sein mögen: Unsere neu aufgenommenen Fotos scheinen uns in ihrer Aussage klar genug. Diffus wird hingegen langsam, aber sicher das Grotto-Rustico-Boccalini-Gemälde in unseren Köpfen.
Ruedi Weidmann

05 WETTBEWERBE
Baufeld 12, Bern Brünnen

11 MAGAZIN
Physarums Fähigkeiten nutzen

16 ARCHITEKTUR AUF DER SUCHE NACH DER STADT
Alberto Caruso
Die Tessiner Architektur wurde nach 1975 berühmt. Ihr Markenzeichen: der starke Bezug zur Umgebung. Diese hat sich seither verändert. Das Tessin ist heute dicht bebaut, doch in der «città diffusa» sind städtische Qualitäten noch selten.

21 EINE CITTÀ TICINO MIT ÖFFENTLICHEM VERKEHR
Riccardo de Gottardi
Das Tessin hat sich zu einer verzettelten Agglomeration verdichtet. Der öffentliche Verkehr wurde lange vernachlässigt. Verstopfte Strassen und die Neat wirken nun als Motor für ÖV-Projekte. Diese wiederum sind eine Chance zur Nachverdichtung der «città diffusa».

27 SIA
Präsidentenkonferenz 1/2010 | «Frau und SIA ist eine Marke» | Sonderfall Tessin

31 PRODUKTE

37 IMPRESSUM

38 VERANSTALTUNGEN

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