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Nachdem die db gemeinsam mit dem Kuratorium Deutsche Bestattungskultur und dem BDIA NRW im letzten Jahr einen Wettbewerb zum Thema »Architektur in der Bestattungsbranche« durchgeführt hat, widmen wir diesem sensiblen und wichtigen Thema nun unseren Heftschwerpunkt. Bei der Betrachtung der ausgewählten Bestattungsinstitute, Aussegnungshallen, Krematorien, Abschiedsräume und Trauerhallen gehen wir der zentralen Frage nach: Inwiefern kann Architektur im Falle der Trauer und des Abschiednehmens unterstützend wirken? | Ulrike Kunkel

Artikel

8. April 2013 Martin Höchst
deutsche bauzeitung

Stein, Hof und Dach

Aussegnungshalle in Ingelheim am Rhein

Am neuen zentralen Friedhof der Stadt Ingelheim gelingt es, das ortstypische Bild des Bruchsteinmauerwerks in eine schützende und erdverbundene aber gleichzeitig dem Leben zugewandte Architektur zu übersetzen. Die neue Aussegnungshalle setzt dabei ein Zeichen im banalen Umfeld, das sowohl Trauernden wie denjenigen, denen die eigene Vergänglichkeit noch unvorstellbar erscheint, Halt bietet.

Die knapp 25 000 Einwohner von Ingelheim am Rhein im größten deutschen Weinbaugebiet »Rheinhessen« gelegen verteilen sich auf fünf Teilorte, von denen einige jahrhundertealte Ortskerne besitzen. In Nieder-Ingelheim sind gar die Überreste einer Kaiserpfalz Karls des Großen aus dem 8. Jahrhundert erhalten, deren Baumaterial ein ockerfarbener Kalkstein sich auch in etlichen Fassaden und Stützmauern der Gegend wiederfindet. Zwischen den alten Ortsteilen haben sich seit Ende des 19. Jahrhunderts sowohl der Bahnhof und das Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim – größter Arbeitgeber der Stadt – als auch die etwas gesichtslos immer noch wachsende Mitte der Stadt angesiedelt.

Da nicht nur das bauliche Umfeld für die Lebenden Ingelheims, sondern auch deren künftige letzte Ruhestätte zusammenwachsen soll, beschloss die Stadt, die an ihren jeweiligen Standorten begrenzt erweiterungsfähigen Friedhöfe zusammenzufassen; nicht zuletzt, um auch den veränderten Bestattungsgewohnheiten Rechnung zu tragen. So sah 2008 das Programm des beschränkten interdisziplinären Wettbewerbs zur Erweiterung des Friedhofs der Teilgemeinde Frei-Weinheim zum zentralen Friedhof neben einem Friedhofsgebäude und konventionellen Erdbestattungsfeldern auch Urnennischenwände, anonyme Urnenerdbestattungen und sogar einen Baumhain für Urnenbestattungen (in Anlehnung an einen Friedwald) vor.

Verbindend und Verschränkt

Am Standort unweit des Rheins galt es, zwischen gesichtslosem Ortsrand auf der einen und der Landschaft auf der anderen Seite eine Verbindung zu schaffen. Der realisierte erste Bauabschnitt des erfolgreichen Entwurf von Bayer & Strobel Architekten aus Kaiserslautern und den Landschaftsarchitekten jbbug Johannes Böttger Büro Urbane Gestalt aus Köln zeigt sich als streng orthogonale Anlage. Aussegnungshalle, zentrale Grünfläche und erste Erdbestattungsfelder – begrenzt von Urnenwänden – ziehen dabei ihren besonderen Reiz aus Großzügigkeit und den verwendeten wertigen Materialien, ohne dabei die nötige Zweckmäßigkeit aus dem Auge zu verlieren. Inbegriff dieser Haltung sind die geschosshohen, mit Kalkbruchstein bekleideten Betonmauern am Eingang, die sowohl durch ihre handwerkliche Qualität als auch durch ihre schiere Dimension beeindrucken. Selbstverständlich und selbstbewusst verschränken sie Ort und Friedhof und kennzeichnen den Haupteingang. Vom Friedhof aus betrachtet blenden sie die Banalität von angrenzenden Einfamilienhaus- und Gewerbegebieten aus, werden entweder Teil der großzügigen Hofanlage des Friedhofsgebäudes oder dienen als schützender »Rücken« für Urnennischengräber.

Der Belag der neuen Wege aus Kalksteinsplitt führt die Materialität der Wände am Eingang zwischen Grabfeldern und Beeten ebenso konsequent fort wie neue Rampen und Stützmauern. In einem zweiten Bauabschnitt werden noch weitere Erdbestattungsfelder und – als Überleitung zu Landschaft und Rhein – ein Feld für Urnenbestattungen unter Bäumen realisiert. Universell lesbar

Von Weitem bereits sichtbar ist das geschlossene Volumen des 60° geneigten 9 m hohen Satteldachs der Aussegnungshalle über dem eingeschossigen quadratischen Mauergeviert (38 x 38 m) von Höfen und Nebenräumen. Die Giebelwände aus Bruchstein mit Betonabschluss und die graue Blechdeckung des Dachs werden im Laufe der Jahre in ihrer Farbigkeit immer weiter miteinander verschmelzen und so dazu beitragen, den archetypischen Charakter des Gebäudes – angesiedelt zwischen Gotteshaus und Scheune – zu stärken. Darüber hinaus erlaubt die Verzinnung der Kupferblechdeckung, das anfallende Regenwasser auch zur Friedhofsbewässerung zu nutzen. Einfache Geometrie und kräftige Proportionen vertragen sich ausgesprochen gut mit dem eher ländlichen Umfeld und verleihen dem Gebäude Stärke und Würde, Gebäudequalitäten, die insbesondere einen Trauernden stützen können.

Nur wenige Meter nach dem Haupteingang gibt eine der beiden wegbegleitenden Mauern einen Durchgang zum Besucherhof des Friedhofsgebäudes frei. Ein umlaufendes 1 m auskragendes Betonvordach rahmt den Blick zum Himmel und die aufragende Giebelwand der angrenzenden Aussegnungshalle. Die drei Felsenbirnen im Zentrum dieses Hofs illustrieren anhand ihrer deutlich veränderten jahreszeitlichen Erscheinung den steten Wechsel der Natur. Ein ursprünglich vorgesehenes Wasserbecken fiel bedauerlicherweise Einsparungsmaßnahmen zum Opfer. Der Bodenbelag aus grau-beigefarbenem Terrazzo setzt sich auch hinter der verglasten EG Fassade der Aussegnungshalle fort. Die Möglichkeit, in diesem großen und freundlichen Hof einer Trauerfeier als Zaungast beizuwohnen, werde häufig praktiziert, um z. B. als entfernter Bekannter des Verstorbenen dabei sein zu können, den nahen Angehörigen aber dennoch Raum zu lassen, so Architekt Gunther Bayer. Direkt vom Windfang aus ist der Abschiednahmeraum, in dem der Sarg oder die Urne für ca. 2-3 Stunden vor der Trauerfeier aufgestellt wird, für den Besucher erreichbar. Holzdielen an Boden und einer Wand sowie der Ausblick auf einen kleinen Hof mit niedriger Bepflanzung entlang einer Bruchsteinmauer verleihen diesem Raum für eine persönliche Verabschiedung einen intimen Charakter. Zur Trauerfeier werden Sarg oder Urne von hier durch die bereits versammelte Trauergemeinde hindurch zur Stirnseite der Aussegnungshalle gebracht. Diese wirkt nicht groß aber sehr großzügig: Drei Seiten des EGs sind geschosshoch in tiefen Eichenholzlaibungen verglast und lassen den Blick bis zu den ockerfarbenen Bruchsteinmauern der angrenzenden unterschiedlich bepflanzten Höfe schweifen. Allein die vordere komplett geschlossene Giebelwand zieht den Blick nach oben: Über der scheinbar nahtlos im Innern fortgeführten eingeschossigen Bruchsteinwand des Hofs füllt eine geschlämmte Ziegelwand mit geradezu samten anmutender Oberfläche das Giebeldreieck und leitet zur aufgehellten Holzlattendecke über, die in einem durchlaufenden Oberlicht mündet. Um den First über die gesamte Länge und auch die Wände im EG öffnen zu können, spannen die Brettschichtholzträger des Dachs von Giebel zu Giebel. So entsteht ein lichtdurchfluteter Raum, der seine schützenden Wände für den Trauernden nach außen gerückt hat, um ihm Weite und gleichzeitig Geborgenheit bieten zu können. Pendelleuchten und Eichenholzbänke zeigen sich schlicht und gediegen und bringen vertraute Dimensionen in die Abstraktheit des Raums. Und obwohl das ganze Gebäude bewusst keine eindeutige christliche Symbolik aufweist – das filigrane Standkreuz lässt sich bei Bedarf leicht entfernen – und somit konfessionslose oder andere religiöse Aneignung zulässt, ist sein durch christliche Traditionen geprägter Charakter zu spüren.

Austausch und Angemessenheit

Als sehr konstruktiv erlebten die Architekten in der Überarbeitungsphase des Wettbewerbsentwurfs den Austausch am sogenannten Runden Tisch sowohl mit Vertretern der verschiedenen Glaubensgemeinschaften und der Stadt als auch mit Bestattern und Friedhofsmitarbeitern. Konfessionelle Belange standen hier ebenso zur Debatte wie funktionale. So entschloss man sich z. B. den Werkhof aus dem Gebäude an eine weniger prominente aber dennoch zentrale Stelle des Geländes auszulagern, um mehr Abstellmöglichkeiten u.a. für Fahrzeuge und Grabschachtschalungen zu gewinnen.

Als sinnvoll befand man von Anfang an hingegen die Platzierung der dienenden Räume im Mauergeviert auf der vom Haupteingang abgewandten Seite. Sie ermöglicht Mitarbeitern, Seelsorgern und Bestattern über einen untergeordneten Zugang an ihren Arbeitsplatz zu gelangen oder Anlieferungen abzuwickeln, ohne eine versammelte Trauergemeinde zu stören. Die interne Erschließung der Sozial-, Verwaltungs- und Technikräume sowie des Raums für die gekühlte Lagerung der Leichname und der Urnen mündet außerdem an der Stirnseite der Aussegnungshalle und im Abschiednahmeraum. Eine Trauerfeier begleitende Arbeiten können so aus dem Hintergrund heraus sehr dezent erledigt werden. Für ungewöhnlichen Komfort sorgt eine Fußbodenheizung, die sich aus der zuvor ungenutzten Abwärme der benachbarten Abwasserpumpstation speist. Besondere Aufmerksamkeit widmeten die Bauherrenvertreter der Qualität der Bruchsteinwände. Steinsorte und -größen sowie Kantenbeschaffenheit und Fugmaterial wurden anhand mehrerer Testmauerabschnitte ausgewählt. Letztlich kam ein gespaltener und danach getrommelter Kalkstein zur Ausführung, verfugt mit dem gleichen Mörtel, der auch bei der Konservierung der Ingelheimer Kaiserpfalz Verwendung findet. Die Mühe hat sich gelohnt. Und man kann es gut nachvollziehen, wenn Architekt Gunther Bayer sagt: »Die Leute haben ihr ganzes Leben diese Mauern vor Augen, dann findet das auch hier seine stimmige Fortsetzung.«

Diese regionale Besonderheit des Bruchsteins in einen universell lesbaren und gut organisierten Entwurf miteinzubeziehen und ihn mit zeitgemäßem hohem ästhetischen Anspruch konsequent umzusetzen, hat in Ingelheim wesentlich dazu beigetragen, einen angemessenen Ort der Trauer zu schaffen.

8. April 2013 Uta Winterhager
deutsche bauzeitung

Zwischen Erde und Himmel

Kolumbarium in der Liebfrauenkirche in Dortmund

Ein Kolumbarium muss kein Taubenschlag sein, das zeigt Volker Staab mit seinem bronzenen Urnengräberfeld in der umgenutzten Grabeskirche Liebfrauen in Dortmund. Wer diesen Raum betritt, kann glauben, dass das Leben im Tod nicht genommen, sondern gewandelt wird.

Die Geschichte der Dortmunder Liebfrauenkirche ist ähnlich vieler anderer Kirchen in der Region: Ende des 19. Jahrhunderts erbaut, als Katholizismus und Industrie prosperierten, wurde sie im Zweiten Weltkrieg größtenteils zerstört und von der Gemeinde ab 1947 wieder aufgebaut. Heute steht der neogotische Ziegelbau des Wiener Architekten Friedrich von Schmidt dicht umbaut und umfänglich saniert im innerstädtischen Klinikviertel. Bis 2008 war die Zahl der Gemeindemitglieder so weit zurückgegangen, dass die wenigen verbliebenen der benachbarten Propsteigemeinde angegliedert wurden. Um das Gotteshaus aber dennoch bewahren zu können, wollte der Katholische Gemeindeverband Östliches Ruhrgebiet es weiterhin gerne selber nutzen. Nicht als Kirche ohne Gemeinde, sondern als christliche Urnengrabstätte, Bestattungsort für Katholiken wie Protestanten gleichermaßen. Ein eher ungewöhnliches Unterfangen, war doch Katholiken die Kremation bis 1963 noch gänzlich verboten. Inzwischen sind mehr als die Hälfte aller Beisetzungen (auch katholische) in deutschen Großstädten Feuerbestattungen und der Wunsch nach einem christlichen Rahmen aus Ort und Liturgie wächst stetig. Diesen mitten in der Stadt, in der Liebfrauenkirche zu schaffen ist in einer Gesellschaft, die den Gedanken an den Tod eher aus dem Alltag verbannt, ein mutiger Schritt. Da es bis heute aber nur erlaubt ist, Päpste, Bischöfe und Kardinäle in einer Kirche beizusetzen, musste der Bau vor der Umnutzung zum Kolumbarium profaniert werden.

Dass auch die Art der Gestaltung eine wichtige Rolle bei der Akzeptanz der neuen Nutzung spielen würde, hat der Katholische Gemeindeverband frühzeitig erkannt und 2008 einen Wettbewerb ausgelobt. In Deutschland gab es zu dieser Zeit genau zwei vergleichbare Beispiele: die Grabeskirche St. Josef Aachen (Hahn Helten + Assoziierte, 2006) und das Kolumbarium in der Allerheiligenkirche Erfurt (Evelyn Körber, 2007). In beiden Fällen wurde die Grundidee des Kolumbariums – eine Wand wie ein Taubenschlag – in übermannshohe Stelen aufgelöst. Der Gesamteindruck der Stelen ist jeweils sehr dicht und skulptural, die schmalen Zwischenräume haben zwar eine intime Wirkung, doch die Kirchenräume verlieren an Offenheit und Weite.

Schweres Dunkel für Trauer und Gedenken

Als Ergebnis des Dortmunder Wettbewerbs wurden die beiden ersten Preisträger beauftragt. Volker Staab (Berlin) mit der Realisierung der Urnengrabstätten und die Künstler Lutzenberger + Lutzenberger (Bad Wörishofen) mit der Gestaltung der Prinzipalstücke für den Chorraum, in dem die Trauerfeiern abgehalten werden.

Staab Architekten nutzten die gesamte Fläche des Kirchenraums und verzichteten auf Höhe, sie entwarfen ein rechteckiges Gräberfeld auf dem scharfkantige Blöcke aus dunkler Bronze in rechtwinkliger Symmetrie um die acht Pfeiler der Stufenhalle mäandrieren. Das Bild ist streng und geerdet, doch da die bronzenen Einbauten nicht höher als die Rückenlehnen üblicher Kirchenbänke sind, bleibt die Weite des Raums erhalten. Die Bodennähe der Einbauten erinnert an ein Gräberfeld und nimmt der Urnenstätte so ihre Fremdheit.

Zweieinhalb Jahre nach der Eröffnung sind etwa 100 Grabstätten belegt, wie die Kerzen und Blumen und die quadratischen Abdeckplatten auf den »Bronzeblöcken« zeigen. Kein Detail, keine Gliederung gibt Aufschluss über Inhalt oder Konstruktion der Einbauten und fast nahtlos werden sie eins mit den bronzenen Bodenplatten. Die Urnen sind geborgen und geschützt – für die Angehörigen ein entscheidender Aspekt. Während der Beisetzung werden die Urnen von oben in die Kammern herabgesenkt, ein Ritual, das dem Herablassen des Sargs bei der Erdbestattung sehr ähnlich ist. Verschlossen werden die Gräber mit einer gegossenen Bronzeplatte, die nach den Wünschen der Angehörigen gestaltet werden kann. Dabei sind Typografie und Schriftgröße vorgegeben, es können jedoch individuelle Bildmotive – z. B. auch ein Foto des Verstorbenen – verwendet werden. Zu jeder Grabplatte gehören wahlweise außerdem ein Opferlichthalter, ein Kerzenhalter und eine Blumenvase, die an den Rand der Grabplatte gesteckt werden können. Ursprünglich war es so – und offiziell gilt das noch immer – dass darüber hinaus keine Dekorationen auf den Grabstellen erlaubt sind. Doch keiner bringt es übers Herz, die hinterlegten Sträuße, Engelchen oder Kinderbasteleien wegzuräumen. Auch hat die Erfahrung gezeigt, dass der Wunsch, die Grabstätte mit persönlichen Dingen zu schmücken, Teil des Trauerprozesses ist und mit der Zeit nachlässt.

In die Urnengrabblöcke sind an mehreren Stellen gepolsterte Sitzbänke eingelassen, die es den Angehörigen ermöglichen, dem Verstorbenen auch physisch nah zu sein. 20 Jahre währt die Nutzungs- bzw. Ruhezeit der Urnengrabstätten, danach wird die Totenasche von einem Priester in die »Letzte Ruhestätte« überführt. Sehen kann man davon nur ein geschlitztes Kreuz in der Mitte des Gräberfeldbodens, darunter verbirgt sich ein zum Erdreich offener Aschebrunnen.

Lichte Weite für Glaube und Hoffnung

Die gegensätzliche Wirkung der Materialien, schwere, dunkle Bronze (fein geschliffen, chemisch braun gefärbt und gewachst) an den Grabstätten und helle kanadische Eiche in lockerer Schichtung für Boden, Einbauten und Mobiliar im Chorraum, verstärkt die funktionale Gliederung des Kirchenraums. Hier setzt auch die Lichtplanung (ausschließlich mit LED) vom Büro Licht Kunst Licht an; vom Eingang aus betrachtet liegt hinter dem dunklen Gräberfeld der hell erleuchtete Chorraum. Die Gewölbe der Mittel- und Seitenschiffe werden mit diffusem Licht gleichmäßig ausgeleuchtet, um die gesamte Raumhöhe wirken zu lassen. Im Urnenfeld ist es gerade so hell, dass die Flammen der Kerzen auf den Gräbern noch als Lichtpunkte leuchten. Die gekonnte Mischung von Kunst- und Tageslicht verleiht dem Raum eine warme Atmosphäre, besonders reizvoll ist es, wenn die durch die bunten Fenster einfallenden Sonnenstrahlen ein flimmerndes Lichterspiel auf dem Gräberfeld erzeugen.

Im rechten Seitenschiff befindet sich die »Grabstätte für Unbedachte«, eine bronzene Wandscheibe in deren Nischen die Asche obdach- und mittelloser Menschen beigesetzt wird. Auch ihre Grabstätten bekommen ein Namensschild, die Kosten übernimmt der Gemeindeverband Kath. Kirchengemeinden ÖR. Nicht zuletzt trägt die neue Nutzung der Kirche auch wirtschaftlich dazu bei das Gebäude zu erhalten. Die Urnengrabstätten, von denen es etwa 4 800 gibt, werden in drei Preisstufen angeboten, Wahlgrabstätten für zwei Urnen kosten 7 000 Euro, Reihengrabstätten 3 000 und ein Platz in der Gemeinschaftsgrabstätte in der Josephskapelle 1 600 (die Kosten fallen jeweils einmalig für 20 Jahre Nutzungszeit an). Damit die Grabeskirche sich rechnet, braucht man einen langen Atem, sagt die Verwaltung, doch das Interesse nicht nur an den Grabstätten, sondern an der gesamten Institution ist enorm, wie die über 100 Führungen im letzten Jahr gezeigt haben.

An einem Dienstagmorgen im Februar ist die Kirche eiskalt, doch immer wieder kommen Menschen – und bleiben. Sie bringen Blumen mit, tauschen Kerzen aus und sprechen miteinander. Oft kommt es dazu, dass sich Einsame und Trauernde hier gegenseitig Trost spenden. Denn die Grabeskirche bietet neben der Schwere des Todes auch Allegorien für das Leben und den christlichen Glauben. Es ist nicht nur das Licht, dessen Wirkung man sich kaum entziehen kann, sondern auch die stille Größe des scheinbar unberührten sakralen Raums.

8. April 2013 Ulrike Kunkel
deutsche bauzeitung

Der Tod gehört zum Leben

Bestattungshaus in Bludenz (A)

Das Bestattungshaus als Erweiterung des bestehenden Bestattungsinstituts bietet Räume für Abschiednahme und Trauergesellschaften. Das in sich gekehrte Gebäude, das nur wenige, meist indirekte Ausblicke zulässt und kaum Einblicke gewährt, ohne dabei abweisend zu wirken, kreiert einen Ort der Einkehr und der Ruhe – ganz ohne Pathos.

Die Lage des neuen Bestattungshauses Feuerstein in Bludenz ist herausfordernd und gleichzeitig sehr gut, darin sind sich Bauherr und Architekt einig. Das Bestattungshaus, das kleinere Aufbahrungsräume für die stille Abschiednahme sowie einen Raum für größere Trauerfeiern bietet, liegt, wenn auch von der Straße nicht direkt einsehbar, mitten im 13 800 Seelen Ort Bludenz in Vorarlberg. »Sterben und Tod gehören ebenso wie Geburt zum Leben dazu und somit in die Gesellschaft hinein. Daher sollten wir auch die entsprechenden Räume und Institutionen nicht an den Stadtrand verbannen«, so der Architekt Eckhard Amann. Und auf die Frage hin, ob das Bauvorhaben an dieser Stelle auf Akzeptanzschwierigkeiten in der Bevölkerung gestoßen sei, meint der Bestattungsunternehmer und Bauherr Christoph Feuerstein: »Ganz und gar nicht. Im Gegenteil, man hat sogar den Eindruck, dass auf dieses Angebot gewartet wurde.« Und in der Tat, das Bestattungshaus bietet in weitem Umkreis bisher die einzige offizielle Möglichkeit, Trauerfeiern außerhalb des kirchlichen Rahmens abzuhalten. Noch bis 2005 war es in Österreich privaten Bestattern nicht einmal erlaubt, Aufbahrungsräume oder Trauerhallen zu errichten; dies war allein der Kirche und den Kommunen vorbehalten.

Für die Umsetzung des lange gereiften Wunschs, seinen Kunden für die Trauerfeiern konfessionslose Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, bot sich ein in Familienbesitz befindliches Grundstück etwa 80 m unterhalb des in der Innenstadt gelegenen Bestattungsinstituts an. Da, wie so oft, das Bestattungsunternehmen Feuerstein aus einer Familienschreinerei, die der Bruder inzwischen führt, hervorgegangen ist, bestand durch verschiedene gemeinsam realisierte Bauprojekte bereits der Kontakt zum Architekturbüro rainer + amann. »Die Bauaufgabe reizte uns sehr; die verschiedenen Nutzungen innerhalb der beengten, innerstädtischen Grundstückssituation überzeugend unterzubringen, war eine zusätzliche Herausforderung, der wir uns gerne stellten«, berichtet Eckhard Amann. Zum Raumprogramm gehören neben drei Verabschiedungsräumen ein Arbeitsbereich mit Thanatopraxie und Kühlraum, einem Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter mit angeschlossener, geschützter Terrasse, getrennte Sanitäreinrichtungen für Kunden und Mitarbeiter, eine Tiefgarage mit Waschplatz für die Fahrzeuge, ein Sarglager und eine Werkstatt, in der die Särge vorbereitet und ausgestattet werden sowie verschiedene andere Lagerräume. Büro und Besprechungsräume bedurfte es nicht, da die Verwaltung sowie der Kundenkontakt im ursprünglichen Bestattungsbüro verblieben sind. Architektonisch gesehen mag man das bedauerlich finden, nimmt es einem doch die Möglichkeit, ein ganzheitliches Gestaltungskonzept, das sowohl Räume für die Beratung und für Vorgespräche als auch die Verabschiedungsräume beinhaltet, umzusetzen. Im Alltag erweist sich die klare räumliche Trennung wohl als durchaus sinnvoll, da auf diese Weise diejenigen, bei denen die Erfahrung mit dem Tod und der Verlust eines geliebten Menschen noch ganz frisch ist, nicht in Kontakt mit denjenigen kommen, für die die Erfahrung schon ein wenig zurückliegt, die sich also bereits in einer anderen Phase der Trauer befinden.

Erdverbundenheit

Nähert man sich dem Gebäude über die schmale Zufahrt, gelangt man in einen Hof, der gleichzeitig der Vorplatz des Bestattungshauses ist und von diesem durch eine gold gelb schimmernde Stampflehmwand und einen mit gefalzten Kupferblechen bekleideten Gebäudeteil gefasst wird. Die Kupferhülle wird entlang der Tiefgaragenrampe und auf der Rückseite als perforiertes Blech weitergeführt. Durch die Lochung, die die Fassadenhülle durchlässig, aber nicht durchsichtig macht, ergibt sich nicht nur ein verblüffendes Spiel mit Licht und Schatten, sondern v. a. ist Diskretion bei der Anlieferung und Blickschutz für die Mitarbeiter bei gleichzeitigem Bezug zur Umgebung sichergestellt.

Durch einen verglasten Windfang betritt man das Bestattungshaus. Das Material der Außenhülle wird in diesem Bereich ins Gebäude hineingezogen; allerdings ist das hier verwendete Kupferblech bereits vorverwittert, damit sich mit der Zeit kein starker Kontrast zur Fassadenbekleidung ergibt. Die Lehmwand bildet das »Rückgrat« für den sich nun anschließenden Bereich für die Trauergesellschaften, gegliedert in eine Verweilzone und einen größeren Verabschiedungsraum, der sich durch eine mobile Trennwand abermals vergrößern lässt, sowie zwei kleine Aufbahrungs /Verabschiedungsräume. Die selbsttragende zwei schalige Stampflehmwand mit Wärmedämmung und Stahlverstärkung (zum Lastenabtrag der Oberlichter) ist etwa 55 cm dick; die gegenüberliegende Lehmwand ist nach außen als Sichtbetonwand ausgebildet, da das Nachbargrundstück bis an die Wand bebaut werden darf, zum Innenraum hin aber ebenfalls aus Stampflehm (18 cm dick). In dem gesamten Bereich gibt es keine direkten Blickbeziehungen nach draußen, nichts, was von der inneren Einkehr ablenken könnte. Die Belichtung erfolgt ausschließlich über Oberlichtbänder bzw. Fluter, die auf die Lehmwände gerichtet sind. Das über die gold gelben Wände einfallende Streiflicht hinterlässt immer wieder andere, flüchtige Zeichnungen auf der Wand und taucht die Räume in eine angenehme Lichtstimmung. Als weitere, prägende Materialien kommen Travertin für den Boden und Nussbaum für die Türen und mobilen Wandelemente zum Einsatz. Glatt gespachtelte Akustikdecken verstärken die gedämpfte Atmosphäre. Besonders intensiv ist der Eindruck in den beiden kleinen Aufbahrungsräumen. Bei geschlossener Tür kehrt ein Gefühl der Ruhe und Konzentration ein. Eine Raum Atmosphäre, von der man sich gut vorstellen kann, dass sie bei Trauer und Abschied unterstützend wirkt. Ein elektronisches Zugangssystem ermöglicht den Trauernden mit einem entsprechend programmierten Chip Tag und Nacht Zutritt zu den Aufbahrungsräumen.

Kühl aber nicht kalt

Während im öffentlichen Teil warme, erdverbundene Töne eingesetzt werden, herrscht im Arbeitsbereich technische Nüchternheit und Hygiene wie in einem Krankenhaus; tatsächlich ist der Raum, in dem der Körper hergerichtet wird (Thanatopraxie) ein vollwertiger OP Saal, in dem auch seziert werden kann. Direkt gegenüber liegt der Kühlraum für 12 Leichname. Böden, Wände und Decken sind in leicht getöntem Weiß gehalten und abwaschbar beschichtet. Die Oberlichter ermöglichen ein Arbeiten mit natürlichem Licht. Der Aufenthaltsraum für die Mitarbeiter liegt auf der Südseite, hier lassen sich die gelochten Fassadenpaneele zur Seite schieben. Zu öffnen sind die Fenster nicht, da es sich um die »Brandwand« zur Nachbarparzelle handelt. Das ist insofern aber unproblematisch, denn hinter der Fassade, über der Tiefgaragenrampe, haben die Angestellten einen großzügigen Balkon zum Rauchen und frische Luft schnappen. Türen, Einbauten und Möbel sind im nicht öffentlichen Bereich in naturbelassener Eiche ausgeführt.

Geheizt und gekühlt wird das Bestattungshaus über eine Grundwasserwärmepumpe in Kombination mit Solarmodulen auf dem Dach. Sowohl der Verabschiedungs als auch der Arbeitsbereich können zusätzlich klimatisiert werden.

Mit dem Bestattungshaus in Bludenz ist es den Architekten über Materialwahl und geschickte Lichtführung gelungen, einen Ort zu schaffen, der Kunden und Mitarbeitern gut tut und dem man zutraut, dass er einem auch im Falle der Trauer und des Schmerzes Geborgenheit gibt.

8. April 2013 Anneke Bokern
deutsche bauzeitung

Architektonischer Zuwanderer

Islamischer Friedhofspavillon in Amsterdam (NL)

Auf dem »Nieuwe Oosterbegraafplaats« in Amsterdam befindet sich nicht nur das größte muslimische Gräberfeld der Niederlande, sondern auch der erste muslimische Friedhofspavillon. Durch die Materialwahl und die moderne Formensprache stellt der objekthafte kleine Bau eine gelungene Synthese der Kulturen dar.

Der Nieuwe Oosterbegraafplaats, im Südosten von Amsterdam, ist mit 33 ha der größte Friedhof der Stadt. Spaziert man über die Anlage von 1894, fallen einem die vielen ausländischen Namen auf den Grabsteinen auf – angesichts einer Ausländerquote von 51 % in der Grachtenstadt, kein Wunder. Seit September 2012 gibt es in der äußersten Südwestecke des Friedhofs nun auch ein muslimisches Gräberfeld, das mit seinem Platz für 1 400 Gräber das größte in Amsterdam ist. Da es jedoch in muslimischen Kulturen weder Grabsteine noch Grabschmuck gibt, könnte man es auf den ersten Blick beinahe für eine einfache Wiese halten. Nur ein travertinbekleideter Pavillon mit einem unverkennbar muslimischen Fassadenornament, der am Rande des Gräberfelds steht, lässt ahnen, was es mit der Wiese auf sich haben könnte.

Muslimischen Traditionen zufolge werden Verstorbene nur in Leinentücher gewickelt, auf der rechten Seite liegend, mit dem Gesicht gen Mekka gewandt bestattet. Während solche sarglosen Erdbestattungen in Deutschland nur mit Sondergenehmigung möglich sind, sind sie in den Niederlanden prinzipiell erlaubt. Dennoch ist das kleine Gebäude der erste muslimische Trauerpavillon der Niederlande. Zwar gibt es inzwischen bereits auf etwa 40 Friedhöfen muslimische Gräberfelder, aber bislang mussten sie alle ohne Gebäude auskommen. Die rituellen Waschungen, die bei einer muslimischen Beerdigung unerlässlich sind, mussten die Hinterbliebenen zu Hause oder an kleinen Waschbecken unter freiem Himmel vornehmen. Um diesem und anderen Ritualen einen würdigen Rahmen zu geben, beauftragte die Friedhofsverwaltung zusammen mit einer muslimischen Stiftung das junge Amsterdamer Architekturbüro PUUUR, geleitet vom türkischstämmigen Niederländer Furkan Köse, mit dem Entwurf eines Trauerpavillons.

Kein islamischer Archetypus

In der islamischen Welt gibt es auf jedem Friedhof zwar ein Gebäude, in dem Leichenwaschungen, rituelle Waschungen und Gebete vorgenommen werden können, aber auch dort haben solche Bauten keine spezifische Bautradition und sind keine architektonischen Archetypen. Das ermöglichte Köse – der zuvor eine Moschee im Osten der Niederlande gebaut und dabei selber erfahren hatte, welche Kontroversen kleinste Veränderungen an symbolbeladenen, traditionellen Bautypen auslösen können – gestalterische Freiheit beim Entwurf des Trauerpavillons. Dieser präsentiert sich als autonomes Objekt, das direkt neben dem Gräberfeld über einem Kiesboden zu schweben scheint. Einem Sandwich ähnlich, sind die Travertinfassaden zwischen zwei hellen Betonbändern wie eingeklemmt. Durch das Verdrehen des Gebäudekerns gegenüber der äußeren Kontur entstehen schräg zulaufende Veranden und zwei kleine Patios; der Übergang zwischen Innen und Außen ist fließend, wie es in der islamischen Architektur Tradition hat.

Im baulichen Kontext fällt weniger die moderne Formensprache des Pavillons als vielmehr seine ortsuntypische cremefarbene edle Farbigkeit auf. So ist der Beton nicht gestrichen, sondern hat einen leicht glänzenden weißen Marmorzuschlag, die Glastüren des Gebäudes haben champagnerfarben eloxierte Aluminiumrahmen, und was auf den ersten Blick wie dünne Travertinplatten aussieht, sind in Wirklichkeit 10 cm dicke, aus der Türkei importierte Travertinblöcke mit ornamentalen Scheinfugen. Das große Ornament neben dem Eingang ist ein Relief des niederländischen Künstlers Rem Posthuma, den die Architekten von Anfang an in den Entwurfsprozess mit einbezogen haben. Es besteht aus unglasierten Keramikelementen und zeigt ein muslimisch anmutendes grafisches Muster, das endlos fortsetzbar ist und damit das ewige Leben der Seele symbolisieren soll.

Leichenwäsche und stehendes Gebet

Im Innern des Pavillons befinden sich ein Gebetsraum mit Umgang, der durch eine Schiebetür von einem Raum mit Leichenwaschtisch getrennt ist, sowie ein Servicebereich mit kleiner Teeküche und Toiletten. Dazu gehört auch der Waschraum, auf den man beim Betreten des Pavillons zunächst stößt und in dem die Trauernden die rituelle Fußwaschung vornehmen können. Anschließend findet im Gebetsraum das stille Al-djanaazah-Gebet statt. Der Leichnam wird meist schon am Tag vor der Bestattung in Gegenwart eines Imam und einiger enger Verwandter vor Ort gewaschen, in weiße Leinentücher gewickelt und aufgebahrt.

Auf den ersten Blick wirkt der Raum nicht besonders groß; aber da das Gebet im Stehen abgehalten wird, passen dem Architekten zufolge ca. 100 Personen hinein. Zudem kann man die Glastüren öffnen, den Leichnam vor dem Pavillon am Gräberfeld aufbahren und so zusätzlich Platz gewinnen. Wichtig ist v. a., dass die Betenden sich in Richtung Mekka wenden – und zwar nicht nur ungefähr, sondern auf Grad und Minute genau. Daraus ergab sich die charakteristische Verdrehung im Gebäudegrundriss: Während Boden- und Deckenplatte sich an der orthogonalen Rasterstruktur des Friedhofsgeländes orientieren, ist der Gebäudekern auf Mekka ausgerichtet.

Neutrales Innenleben

Im Innern wirkt der Bau dank seines weißen Fließestrichbodens und weißer Wände, zahlreicher Glastüren sowie der Rasterdecke aus hinterleuchtetem Milchglas mit vier zentralen Oberlichtern sehr hell und neutral, schafft aber gleichzeitig eine intime Atmosphäre. Die Neutralität des Interieurs kommt nicht von ungefähr, denn in den Niederlanden leben Menschen aus vielen verschiedenen islamischen Ländern – Türken, Marokkaner, surinamische Hindustanis, Indonesier und Molukkern –, die alle ihre eigenen Varianten des Islam pflegen, eigene Beerdigungsbräuche und eine eigene Baukultur haben. So wollten die marokkanischen Vertreter der Auftrag gebenden Stiftung z. B. einen Teppichboden im Gebetsraum haben, während die Türken strikt dagegen waren. Da es der Architekt ohnehin nicht allen hätte recht machen können, war der Weg frei für eine minimalistische Architektur, die nur abstrahierte oder allgemeingültige Elemente der islamischen Bautraditionen aufnimmt. Damit passt der Trauerpavillon einerseits in den zeitgenössischen niederländischen Architektur-Kontext, gibt sich durch seine Materialisierung und Ornamentik aber andererseits dennoch als Zuwanderer zu erkennen. Sogar in dem Olivenbäumchen, das in einem der Patios steht, manifestiert sich eine Synthese christlicher und islamischer Symbolik.

Als türkischstämmigem Niederländer der zweiten Generation war Köse aber auch daran gelegen, dass Frauen und Männer, niederländische und ausländische Gäste sich in dem Pavillon gleichermaßen willkommen fühlen und dort nicht ausschließlich streng orthodoxe muslimische Trauerfeiern abgehalten werden können. Sein Gebäude sieht er ganz unbescheiden als »Meilenstein auf dem Weg zur Integration« – und hat damit sicherlich Recht. Denn während v. a. türkische und marokkanische Einwanderer nach dem Tod bislang meist in ihr Geburtsland rücküberführt wurden, steigt seit einiger Zeit die Nachfrage auch dieser Gruppen nach Bestattungsmöglichkeiten in den Niederlanden deutlich an. Auf dem Gräberfeld neben dem Pavillon sind jedenfalls bereits zahlreiche Plätze belegt, obwohl es erst vor wenigen Monaten eröffnet wurde.

8. April 2013 Wojciech Czaja
deutsche bauzeitung

Tod und Strichcode

Unternehmenszentrale Bestattung in Wien (A)

Seit der Liberalisierung des Bestattungsmarkts müssen auch städtische Unternehmen um ihre Kunden werben. Die neue Unternehmenszentrale der Bestattung & Friedhöfe Wien macht das auf ungewöhnliche Weise. Das Wiener Büro Delugan Meissl Associated Architects (DMAA) hat es geschafft, die Themen Tod und Trauer aus ihrem dunklen, klischeebehafteten Mief zu befreien. Ein Lichtblick. Zumindest für den Kunden.

Wien hatte immer schon einen Hang zum Makabren, zum Morbiden, zum Gänsehautschauer im Ausnahmezustand. Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass der Wiener Zentralfriedhof mit seinen 2,5 km² zu den größten, aber auch schönsten Nekropolen Europas zählt. Viele Gräber werden als ultimatives Statussymbol erachtet, in dem so mancher Toter besser »haust« als seine lebenden Zeitgenossen. Die Tore und Portalgebäude sind dramatische Gesten, die einen Sterblichen schon mal das Fürchten vor dem Sensenmann lehren können. Und sogar der österreichische Architekturvater Clemens Holzmeister, der das sakrale Österreich zwischen 1920 und 1980 wie kein anderer prägte, hinterließ mit der 1922 errichteten Feuerhalle seine pompfünebrischen Spuren. (Pompfüneberer = österreichisch für Bestatter, Anm. d. Red.)

Doch plötzlich taucht zwischen all dem Pomp ein modernes, zeitgenössisches Stück Architektur auf. Das Gebäude – 50 x 57 m in seinen Dimensionen – ist neutral und entzieht sich einer funktionalen Zuordenbarkeit durch den Betrachter. Am ehesten würde man hinter dem hellen, umlaufenden Fassaden-Strichcode eine Schule oder ein Museum vermuten. Tatsächlich jedoch handelt es sich um die neue Unternehmenszentrale der Bestattung & Friedhöfe Wien (B&F). Die Planung für diesen außergewöhnlichen, so gar nicht nach Trauer gelaunten Bau stammt vom Wiener Büro Delugan Meissl, das zuletzt das EYE Filmmuseum in Amsterdam und das Tiroler Festspielhaus in Erl plante.

»Früher waren unsere Büros auf zwei in die Jahre gekommene Altbauten in der Stadt verteilt«, erinnert sich Florian Keusch, Pressesprecher der B&F. »Die Lage war zwar gut, aber organisatorisch und atmosphärisch waren die Büros für die Mitarbeiter und v. a. für die Kunden nicht mehr zumutbar.« Seit rund einem Jahr ist die neue B&F-Zentrale am Zentralfriedhof nun in Betrieb. Geschäftiges Treiben hat sich eingestellt. Fast erinnert die große Kundenhalle im EG mit ihren schlichten, eleganten Möbeln an ein nobles, gehobenes Reisebüro, das auf luxuriöse Fernreisen ins Paradies spezialisiert ist. So falsch ist diese Assoziation nicht. »Wir haben uns einen hellen, freundlichen Empfangsraum gewünscht«, meint Keusch. »Ein Trauerfall ist unangenehm und schmerzlich genug. Da muss man die Besucherinnen und Besucher nicht auch noch mit schwerer, düsterer Architektur konfrontieren, wie man sie aus diversen Klischee-Bestattungsinstituten kennt.«

Der Fußboden der Zentrale ist aus hellen, gebleichten und gekalkten Eichendielen, die Möbel aus weiß lackiertem MDF, die Wände weiß verputzt beziehungsweise mit Holz beplankt, und an der Decke gibt es 12 Oberlicht-Schlitze, die den großen Empfangsbereich in diffuses Westlicht tauchen. »Mit dieser luftigen, modernen Gestaltung können wir der Trauer vielleicht etwas entgegensetzen.«

Sich wandelndes Fassadenbild

Doch zurück zum Anfang, hinaus auf die viel befahrene Straße. »Ein zentraler Entwurfsgedanke dieses Projekts war, an diesen sensiblen Ort kein konventionelles Bürogebäude zu stellen, sondern den neuen Baukörper in eine übergeordnete, ruhige Form zu fassen«, erklärt Architekt Martin Josst, Partner bei DMAA. Aus diesem Grund sind die oberen zwei Geschosse von der umlaufenden, segmentierten Fassade umgeben, die der äußeren Erscheinung des Gebäudes Rhythmus und Abstraktion verleiht.

Nicht zuletzt ist die Fassade eine Maßnahme, um den Verkehr der angrenzenden Simmeringer Hauptstraße optisch und akustisch auszublenden. Während es sich beim Haus selbst um einen konventionellen Stahlbetonbau in Ortbeton mit Stützen und aussteifenden Wandscheiben handelt, verbirgt sich hinter der umlaufenden Strichcode-Fassade eine Stahlkonstruktion, die als Fachwerk mit biegesteifen Ecken fungiert und mit hellgrauem Alucobond bekleidet ist.

An einer einzigen Stelle, an der die Fassade weit aus der thermischen Hülle hinauskragt, muss der Stahlbau mit einem horizontalen Balken gestützt werden. Die statische Krücke tut dem visuellen Gesamteindruck aber keinerlei Abbruch. »Alucobond hat den Vorteil, dass man das Material knicken und daher auf unschöne Eckfugen verzichten kann«, erklärt Josst den Umgang mit dem Fassadenbaustoff. »Dadurch entsteht ein plastischer Eindruck.« Durchaus von plastischen Ausmaßen ist auch die Wandstärke dieser scheinbar schwebenden Fassade. 50 cm misst der Vorbau an der dicksten Stelle. Genau dieser Kniff ist es, der dem sonst so statischen Bauwerk beim Vorbeifahren oder Vorbeispazieren eine gewisse Dynamik verleiht. Mit dem sich ändernden Blickwinkel variiert auch der Transparenzgrad. Von der Seite gibt sich das Haus hermetisch und abgeschlossen, von vorne betrachtet ergibt sich eine Luftigkeit und Leichtigkeit. Man will sofort hinein. Der Weg zum Haupteingang führt vorbei an zwei holzbekleideten Sitzpodesten, die zugleich als Fahrradständer dienen.

Auf der anderen Seite des Zugangs befindet sich eine Open-Air-Ausstellung mit Grabsteinen, Grabeinfassungen, Blumenvasen und Laternen. Hier wird man wieder in die Realität des europäischen Sterbens und Trauerns zurückgeholt. Totenkult und Architektur passen nicht zusammen, werden auch niemals eine Einheit bilden. »Wir haben dem Bauherrn sogar vorgeschlagen, uns mit dem Thema Sarg oder Grabstein entwerferisch auseinanderzusetzen«, erzählt Martin Josst. »Doch das wurde abgelehnt.« Das Bedürfnis nach einer klassischen, altmodischen Formensprache, hieß es seitens Bestattung & Friedhöfe Wien, sei in dieser Branche nun mal sehr groß.

Hinter der Glasfassade – das gesamte EG ist transparent und ermöglicht Einblicke ins Innere – sieht man bereits das großzügige helle »Nichts« hinausleuchten. Es ist ausgerechnet der Empfangsbereich, der einen etwas unfertigen Eindruck hinterlässt. Die beiden von DMAA entworfenen Sitzbänke im gläsernen Eck des Hauses wirken nicht besonders einladend. Man starrt auf eine große weiße Wand und fühlt sich bald exponiert. Eine etwas »heimeligere« Gestaltung, ja vielleicht Kunst an der Wand würde dem Wartebereich gut tun. Hinter dem großen Kundenraum, in dem behördliche Angelegenheiten wie etwa Grabstättenpflege und Mietverlängerungen abgewickelt werden, befinden sich die Einzelbüros, in die sich die Kunden mit aktuellen Sterbefällen und Bestattungsplanungen zurückziehen können. Holz und weiße Vorhänge verleihen diesem Bereich des Hauses Diskretion und Zurückhaltung. Daneben gibt es einen kleinen Ausstellungsbereich, in dem ein paar Sargmodelle und Urnen ausgestellt sind. Wieder einmal drängt sich die Disharmonie zwischen Diesseits- und Jenseits-Design auf. Auf der anderen Seite der Kundenhalle schließlich befinden sich die verglasten Büros der Gärtner und Steinmetze. Ein wenig, so scheint es, leiden sie unter der zurückhaltenden Farbgestaltung ihres Arbeitsplatzes. Im Gärtnerbüro soll die vorherrschende Schwarz-Weiß-Holz-Ästhetik mit einer knallroten Lavalampe aufgebrochen werden. Eine einläufige Treppe führt hinauf ins 1. OG. Der hölzerne Handlauf und die indirekte Beleuchtung, die in die Treppenwangen integriert sind, sprechen unmissverständlich die Sprache von Delugan und Meissl. Nach 22 erklommenen Stufen ist man bereits unmittelbar vor der Kantine angelangt. Der hölzerne Fußboden zieht sich weiter in den Speisesaal hinein, hinter einer folierten Glasscheibe wird gegessen und getrunken. Räumliche Anordnung und Materialwahl haben einen guten Grund: »Ursprünglich war geplant, diesen Bereich des Hauses auch für Kundenveranstaltungen zu nutzen«, sagt Keusch. »Doch davon sind wir wieder abgekommen. Die logistische und organisatorische Abwicklung hat sich im Alltag als zu kompliziert erwiesen.«

Neben dem Speisesaal liegen zwei Terrassen. Hier spielt das Haus seinen größten Trumpf aus. Als würde man einen Zwischenraum zwischen innen und außen betreten, beginnt man plötzlich, die innere Logik der architektonischen Konzeption zu verstehen. Strichcode-Fassade und schwarzer Bürotrakt sind zwei völlig unabhängige Gebilde, deren Konturen zufälligerweise mal deckungsgleich sind und mal nicht. Dort, wo sich die äußere Schale wie eine Haut von der Architektur löst, ergeben sich spannende Freiräume für einen Aufenthalt an der frischen Luft. Geböschte Sichtbetoneinfassungen trennen den Aufenthaltsbereich von den Hochbeeten. Eine schlichte, elegant detaillierte Holzbank »zischt« durchs Raumkontinuum.

Banalität in den Büros

Gleichzeitig ist dieser Bereich auch die Schnittstelle, an der die Qualität des Projekts bricht – weg vom öffentlichen Vorzeigebau hin zu einem klassischen Bürogebäude mit langen, schmalen Fluren, Zellenbüros, Fensterbandfassade, Doppelboden und gläsernen Türen mit Milchglasstreifen. Die Arbeitsräume sind homogen und uninspiriert. Interessant ist lediglich die haustechnische Komponente: Gekühlt wird das Gebäude mit einer Rückkühlanlage auf dem Dach, geheizt wird mit der Abwärme aus dem benachbarten Krematorium.

Einige Mitarbeiter, die anonym bleiben wollen, vertrauen ihre Meinung dem Mikrofon an: Man arbeite gerne hier, die Architektur sei modern, die Aufgabe sei durch und durch innovativ gelöst. Doch ein Problem macht der sonst so angenehmen Arbeitssituation einen Strich durch die Rechnung: Sonneneinstrahlung und Überhitzung. Die gesamte hofseitige Südfassade des schwarz verputzten Bürotrakts weist keine Doppelglasfassade, keine Hinterlüftung, kein Vordach und keinen außenliegenden Sonnenschutz auf. Das ist nicht nur ein, das ist gleich eine ganze Summe von »No-Gos«. Zeitgemäße Office-Architektur sieht anders aus. Letzten Sommer, so hört man, sei die Überhitzung so hoch gewesen, dass man sich in einigen Büros bereits mit einer stark reflektierenden Sonnenschutzfolie beholfen habe. Ein Trauerspiel. Von dem unvorhergesehenen Gebäude-Tuning wusste man bei DMAA nichts.

Die neue Unternehmenszentrale ist ein inhaltlich und formal überzeugender Zugang zu den Themen Tod und Trauer. Wäre das Thema ethisch nicht schon längst determiniert, könnte man von einem erfreulich spielerischen Ansatz sprechen. Allein, die hohe architektonische Qualität beschränkt sich auf den öffentlichen Bereich, in dem sich das städtische Unternehmen als Mitbewerber auf einem längst liberalisierten, immer stärker umkämpften Markt präsentiert. Hinter den Kulissen regiert die Normalität mit all ihren Sympathien und Problemen.

8. April 2013 Ulf Meyer
deutsche bauzeitung

Eine Reise auf dem Pfad zum Himmel

Krematorium im Seoul Memorial Park (ROK)

Krematorien sind meist ungeliebte Nachbarn. Das ist in Korea nicht anders als in Europa. Der Seoul Memorial Park, das größte Krematorium der Mega-Stadt Seoul, eine gigantische »Einäscherungs-Maschine«, duckt sich daher wie ein Werk der Land-Art in sein Grundstück am Rande der Stadt. Räumlich eindrücklich führt die Architektur die Trauernden entlang einer symbolischen Reise.

Inzwischen gibt es in Südkorea mehr Christen als Buddhisten; die Mehrheit der Gesamtbevölkerung bezeichnet sich in Umfragen jedoch als nicht-religiös. Die Feuerbestattung ist in Korea weit verbreitet und hat in einer Mega-City wie Seoul, die mit ihren 24 Mio. Einwohnern im Großraum als zweitgrößte Stadt der Welt gilt, auch ganz handfeste praktische Vorteile: Die Metropole platzt aus allen Nähten und Flächen für Friedhöfe sind entsprechend rar und teuer.

Architektur des Trostes

Das neue Groß-Krematorium mit dem euphemistischen Namen »Seoul Memorial Park« liegt am Rande der Stadt auf einem Hanggrundstück. Um die Schönheit der umgebenden Natur und die Blickbeziehungen von den Wanderwegen der Woo-myung-Berge am Fuße des 600 m hohen Cheonggyesan-Berges auf die Stadt nicht zu stark zu stören, haben die Architekten vom Büro Haeahn das Gebäude in den Hang geschmiegt, ja gegraben. Mit ihrem Entwurf hatten sie sich 2009 bei einem Wettbewerb durchgesetzt. Die Dächer sind wie Blütenblätter um das leere Zentrum herum arrangiert und begrünt, um das Gebäude so unauffällig wie möglich zu gestalten. Es soll nicht als Objekt, als Fremdkörper auf dem Terrain wahrgenommen werden, sondern wie eine Skulptur mit fließenden Formen, die in die Topografie eingebettet ist. Die niedrigen Fassaden bestehen aus Granit, Terracotta und Titan-Zink, sind jedoch im landschaftlichen Zusammenhang kaum auszumachen. Dennoch muss, wie das Gebäude beweist, solch städtebauliches Understatement nicht zwangsläufig zu einer »schwachen« oder »weichen« Architektur führen. Ganz im Gegenteil. Die Innenräume haben einen starken Ausdruck und folgen geschickt einer räumlichen Dramaturgie, die eine »promenade architecturale« beschreibt, die nicht weniger als das Leben selbst symbolisiert. Arrangiert um einen großen, zentralen Innenhof – der mit einer Wasserfläche über schwarzem Stein, einer Blüten-Skulptur und Vegetation das Leben darstellt – führt der »Pfad zum Himmel« gegen den Uhrzeigersinn von Station zu Station über beide Etagen des Hauses. Das Regenwasser, das am Hang anfällt, wird in einem zentralen Becken gesammelt und dient als Spiegelfläche.

Warten auf die Asche der Verstorbenen

Die Zufahrt zum Gebäude von Norden, vom Bezirk Seocho-gu aus, gleicht dem Aufbau, wie man ihn aus englischen Landschaftsgärten kennt. Mit jeder Kurve und Wendung des Wegs gibt das Gebäude ein kleines Stück mehr von sich preis und »schält« sich so visuell aus der umgebenden Topografie heraus. Die Zuwegung erfolgt entlang verschiedener ökologisch gestalteter Gärten, die »zu Meditation und Gedenken einladen sollen«, so die Architekten, und auf die Trauerfeier einstimmen sollen. Trauernde Familien und Hinterbliebene reisen meist in einem Van – zusammen mit dem Sarg – an und gelangen, geschützt durch ein großes Vordach, in den »Gedenk-Park«. Am Eingang empfängt sie eine Kunstgalerie für kleine Ausstellungen. Die Angehörigen begleiten den Sarg bis zur Kremation und – anders als in Europa – warten dann darauf, dass Ihnen die Asche in einer Urne in einem besonderen Übergabe-Raum ausgehändigt wird. Einhüftige breite Gänge führen die Trauergemeinde von Station zu Station. Die Seite des Flurs, die zum Innenhof weist, ist als Ganzglas-Vorhangfassade ausgebildet. Die Flure und Räume in diesem Bereich des Krematoriums sind mit Natursteinplatten aus poliertem Marmor bekleidet, die den Schall gut reflektieren und das Weinen und Wimmern von Hinterbliebenen durch das ganze Haus tragen. Das wird nicht als penetrant empfunden, sondern als Zeichen aufrichtiger Trauer. Der Klageruf »Eigo, Eigo« wird oft und lange, wie ein Mantra gemurmelt.

Farblich sind die Räume unaufdringlich, fast neutral gestaltet; sie wirken feierlich-ernst. Oberlichter bringen Tageslicht in die Räume und machen sie hell und freundlich. Die Raumhöhen wachsen zum Raum der Übergabe an die eigentliche Kremation hin auf das Doppelte an. Hier findet der Abschied vom Körper des Verstorbenen statt. Im OG warten die Angehörigen in einem Warteraum mit Sitzgelegenheiten, bis auf einem Monitor der Name des Verstorbenen erscheint und seine Asche abholbereit ist.

Im Garten der Stille

Das Paradies ist ein Garten und kein Gebäude. Der Klimax der letzten Reise führt deshalb in einen »hortus conclusus«. Mit der Urne in der Hand führt der mäandrierende Pfad die Hinterbliebenen aus dem Gebäude hinaus durch einen Garten zu einem geschützten, steinernen Aschegefäß unter freiem Himmel mit Blick in die Weite und auf die Ausläufer Seouls. Die Gärten sind so gestaltet, dass sie zu den verschiedenen Jahreszeiten ganz unterschiedlich wirken, um den Fortlauf der Zeit und somit Erneuerung zu symbolisieren. Der Pfad und die räumliche Sequenz, die er beschreibt, markiert die Stationen des Abschieds und des Loslassens. Er gleicht einer Prozession. Die Reise des Lebens endet symbolisch in einem friedlichen und natürlichen Rahmen. Natur und Gebäude gehen ebenso nahtlos ineinander über, wie die Reise vom Leben zum Tod. Dieses Narrativ wird durch die fluide Formensprache des Entwurfs erreicht, die Orte der Reflexion, der Trauer und des Trostes entlang des Weges anbietet. Deswegen wurden für Böden und Wände reflektierende Materialien verwendet. Bei der Trauerfeier kleiden sich die Frauen meist in Weiß, die Männer in Schwarz. Der Tote selbst ist nicht mehr zu sehen: In Korea werden Verstorbenen die Augen geschlossen, der Leichnam gründlich gewaschen und in Hanf gewickelt. In den Mund gibt man etwas Reis als letzte Speisung.

Eine sensible Maschine

Bauherr des 18 000 m² großen Krematoriums ist die Stadt Seoul. Wegen der anfänglichen Widerstände der Anwohner vergingen von der ersten Planung bis zur Einweihung 14 lange Jahre, während derer in Seoul eine Krematoriums-Krise ausgerufen wurde. Um Umweltverschmutzung und Energieverbrauch in der Anlage möglichst gering zu halten, wurden umweltfreundliche Double-Casing-Öfen eingebaut, die doppelte Hüllen haben. Die elf Verbrennungsöfen erlauben 65 Einäscherungen am Tag. Es sind also meist mehrere trauernde Familien gleichzeitig im Haus. Die Öfen nutzen die moderne Counter-Flow Combustion-Methode, bei der sich die Re-combustion unter dem Hauptverbrennungspfad befindet und Materie während der vier Verbrennungsstufen von oben nach unten geführt wird. Die Anlage ist komplett rauch- und geruchsfrei. Eine neu entwickelte Software erlaubt es, den Trauernden einen One-Stop-Service anzubieten, wie die Stadt stolz vermeldet: In ein automatisiertes Software-System geben die Hinterbliebenen ihre Wünsche für die Kremation und Feier ein und alle Prozeduren und Zeitfenster werden dann effizient computergesteuert.

Der Seoul Memorial Park ist das erste urbane Krematorium in Korea und ein städtebaulich gut versteckter Koloss. Architektonisch überzeugt er durch eine Symbolik, die reich, aber nicht aufdringlich ist und Raum für individuelle Geschmäcker und Gefühle lässt. Das Gebäude ist sensibel gestaltet und zugleich auch eine moderne Hi-Tech-Maschine in einer der größten Städte der Welt.