Bauwerk

Museum Liaunig
querkraft architekten - Neuhaus (A) - 2008
Museum Liaunig, Foto: Lisa Rastl
Museum Liaunig, Schaubild: querkraft architekten

Museum Liaunig

19. Oktober 2008 - Az W

Ein Stab, der raumfordernd in der Kleewiese liegt? Der auf einer Hügelkuppe balancierende und an beiden Enden kühn in die Landschaft kragende „Balken“ gibt nur einen geringen Teil des Museums preis, das sich der Industriesanierer und Kunstsammler Herbert W. Liaunig für seine rund 2.200 Werke umfassende Sammlung im Kärntner Lavanttal errichten ließ. 90 Prozent der Kubatur sind im Erdreich eingegraben, nach außen unsichtbar: „Wir haben hauptsächlich Kellerwände betoniert“, berichtet Gert Erhartt von querkraft Architekten im Rahmen einer sonntäglichen Besichtigung, „dadurch konnten wir energieeffizient agieren und uns teure Fassaden ersparen.“ Doch es ist keineswegs der Geist des Sparens, der den Museumsbau durchweht, sondern der viel unbeschwertere Gedanke der maximalen Raumentfaltung auf Basis eines klaren, aus der Topographie des Ortes entwickelten Konzepts. Dabei hatten querkraft Architekten die symbolische Last eines charismatischen, doch (aus finanziellen Gründen) gescheiterten Vorgängerprojekts von Odile Decq zu tragen, das aus einem ersten Wettbewerb mit internationaler Beteiligung (Ben van Berkel, Diller Scofidio, Benedetta Tagliabue u.a.) hervorgegangen war. Herbert Liaunig, der das Museum zur Gänze aus eigenen Mitteln finanzierte, entschloss sich zu einem zweiten Anlauf und schrieb erneut einen Wettbewerb (diesmal unter österreichischen Architekten) aus, aus dem das stringente Konzept von querkraft Architekten siegreich hervorging.

Drei wesentliche Blickbeziehungen waren schon im Vorentwurf für die Raumfigur bestimmend: die Signalwirkung Richtung Bundesstraße, die bislang verwehrte Aussicht ins Drautal, die Sichtbeziehung zum Schloss Neuhaus, dem (von Günther Domenig adaptierten) Wohnsitz des Bauherren. Wie eine selbstverständliche, weil bezwingend logische Ableitung aus diesen Prämissen ergab sich die kreuzförmige Überlagerung von subterrestrischer Erschließung (mit großzügigem Foyer, Grafikgalerie und Schaudepot) und einer 160 Meter langen, 13 Meter breiten und 7 Meter hohen Hauptgalerie mit Aussichtsterrassen an den beiden Stirnseiten im Südosten und Nordwesten des Grundstücks. Dabei ist es ein besonderes landschaftsplanerisches Verdienst der Architekten, die zuvor unsichtbare (weil durch einen Wald abgeschirmte) Drau den Museumsbesuchern an einem Ende der puristischen Sichtbetonröhre zu Füßen zu legen. Den Blick in die Landschaft genießt jeder Gast, der auf die Terrasse tritt. Spiegelnd und in unwirklichem Grün windet sich der Fluß durchs Tal. Aufgrund der künstlerischen Exponate „im Rücken“ nimmt man den Ausblick als Land Art, die Landschaft selbst als jenes Kunstprodukt wahr, das es zweifellos ist.

Da ein Privatmuseum, so Gert Erhartt, in seiner Sonderstellung außerdem die Chance geboten habe, „alles zu zeigen, was da ist“, versuchten die Architekten, dem normalerweise den Blicken entzogene Sammlungsdepot (von querkraft als "Weinkeller der Kunst" bezeichnet) schon im Foyerbereich durch eine einsehbare Regalsequenz visuelle Präsenz zu verschaffen. Man wird in einer Sammlung dieser Größenordnung trotzdem niemals alles auf einmal zeigen können, doch die durch Glaswände einsehbaren Depotregale geben in variabler Anordnung Teile jener Sammlung preis, die der Bauherr mit großer Leidenschaft für die bildende Kunst nach 1945 in mehr als drei Jahrzehnten zusammengetragen hat und die hervorragende Werke nationaler und internationaler zeitgenössischer Künstler umfasst. Dass Liaunig den persönlichen Kontakt zu den Urhebern der von ihm erworbenen Werke gerne pflegt, zeigte sich auch bei der Eröffnung des Museums am 29. August 2008, zu der in erster Linie Künstler und Künstlerinnen geladen waren.

So smart bereits der Verzicht auf aufwändige Fassadenlösungen erscheinen mag, das Museum Liaunig kommt überraschenderweise auch ohne Stiegen und ohne Lift aus. Niveauunterschiede werden ausschließlich über flach ansteigende, konisch zulaufende Rampen bewältigt, die gesamte Kubatur scheint ohne Anstrengung in der Topografie des Hügels zu ruhen. In der wunderbar gleichmäßig von oben belichteten Hauptgalerie (die Paraschalen-Dachkonstruktion, die zudem die Außenhülle des Gebäudes bildet, steht dem Streulicht einer Shedhalle in nichts nach) wiegte man sich zunächst in der trügerischen Gewissheit, ÜBER dem Hügelplateau zu prominieren, bis Gert Erhartt die Sonntagsgäste daran erinnerte, dass zwei Drittel der Halle UNTER dem Erdreich liegen. Bis etwa zur Oberkante der Vorsatzschale sind die Sichtbetonwände im Hügel eingesenkt, wobei der abgehobene Ausblick als fantastische optische Täuschung das Raumerlebnis krönt. Selbst die separate Sonderschau „Gold der Akan“, eine Kollektion afrikanischen Goldes, die mit dem Rest der Exponate in keinem Zusammenhang steht, ist würdig erschlossen. Der durch eine Lichtinstallation von Brigitte Kowanz nobilitierte schmale Gang dorthin hält jene ambivalente Raumspannung aufrecht, die den gesamten Museumsbau auszeichnet. Querkraft Architekten, die in vergangenen Projekten allzu häufig für ihren Pragmatismus gelobt wurden, gebührt in diesem Fall die Anerkennung für ein inspiriertes Konzept, dessen Kunst auch darin besteht, einer klaren Lösung ein nicht so leicht entschlüsselbares Geheimnis einzuhauchen.

Das Museum ist gegen Voranmeldung von Mai bis Ende Oktober geöffnet. (Text: Gabriele Kaiser)

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Für den Beitrag verantwortlich: Architekturzentrum Wien

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Martina Frühwirthfruehwirth[at]azw.at