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db deutsche bauzeitung 04|2014
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Spielen statt parken

Umnutzung eines Parkdecks zum Quartiersplatz in Göttingen

Der neue Treffpunkt einer Wohnsiedlung der 70er Jahre schafft auf dem vormaligen Parkdeck einer Siedlungsgarage einen wohltuenden und identitätsstiftenden Stadtraum, der seinen Nutzern mit seiner eigenständigen Gestaltung vielfältige Angebote macht.

03. April 2014 - Hartmut Möller

Der im Westen Göttingens gelegene Stadtteil Grone besteht zum einen aus der kleinteiligen Struktur des vormaligen Dorfkerns im Norden und zum anderen aus großmaßstäblichen Wohnsiedlungen, die seit den 70er Jahren südlich davon entstanden. Diese Bereiche Grones werden neben ihrem großen Wohnanteil v. a. durch die hohe Konzentration ihrer größtenteils einkommensschwachen Bewohnerschaft geprägt. Den daraus resultierenden gesellschaftlichen Problemen versucht die Stadt mit öffentlichen Fördermitteln auch seitens der EU, des Bundes und des Landes Niedersachsen entgegenzuwirken. So wurde bereits 2007 im Rahmen des »Soziale Stadt«-Konzepts in Grone-Süd ein Nachbarschaftszentrum errichtet.

In Grone-Nord zeichnete sich schon seit längerer Zeit ein Sanierungsstau ab und dies besonders deutlich in einem Quartier des ehemaligen Gewerkschaftskonzerns »Neue Heimat« aus den 70er Jahren, das aus heutiger Sicht deutliche stadtplanerische Mängel aufweist. Dem seinerzeit vorherrschenden Ideal einer modernen Stadt folgt die räumliche Trennung von Wohnen und öffentlichen Einrichtungen entlang der St.-Heinrich-Straße: Während sich im Westen Kindertagesstätte, Schule, Sporthallen, Kirche und Supermarkt aufreihen, stehen im Osten entlang der Quartiersachse ausschließlich Wohnungsbauten. Immerhin zeigen sich mittlerweile die Fassaden der üppig durchgrünten Wohnblöcke saniert, und ein kleiner bestehender Teich wurde jüngst ebenfalls wieder hergerichtet. Außer wenigen Spielplätzen für Kleinkinder beschränkte sich der öffentliche Raum jedoch bislang im Wesentlichen auf breite Stichstraßen mit einem Übermaß an Parkplätzen – es mangelte an Begegnungsflächen mit Aufenthaltsqualität.

An zentraler Stelle des Areals befand sich eine baufällige Quartiersgarage, deren Oberdeck schon seit etlichen Jahren gesperrt war. Die Renovierung des Bestands oder der Neubau eines neuen, höheren Garagenhofs mit zusätzlichen überdachten Stellplätzen standen für die Verwaltungsgesellschaft des Wohnkomplexes zur Disposition. Für deren Projektpartner war Fabian Lippert von LKA Lippert Kavelly Architekten aus Berlin schon öfter tätig und bekam so die Gelegenheit, einen Quartierplatz auf dem Parkdeck umzusetzen. Lediglich 40 Stellplätze des unteren Niveaus der Bestandsgarage mussten, behördlich vorgeschrieben, bestehen bleiben. Nach einer Vorstudie erhielt er den Direktauftrag, 1,70 m über Straßenniveau einen Ort der Begegnung mit Spielmöglichkeiten und Sitzgelegenheiten zu planen.

Neue Mitte

Der 2013 eingeweihte Quartiersplatz schafft eine Mitte für die Nachbarschaft und vermittelt zudem stadträumlich zwischen den Geschosswohnungsbauten und den westlich liegenden Einfamilienhäusern. Der Straßenecke im Nordwesten folgend wird er an zwei Seiten über eine umlaufende Treppe aus Betonfertigteilen erschlossen. Um jedoch die Grundstücksgrenze nicht zu überschreiten, fällt diese im Steigungsverhältnis 19/26 cm recht steil aus. Trotz der baugenehmigungsrelevanten Geländer an ihren Stirnseiten, bzw. über der Garageneinfahrt, mutet das Podest wie ein Miniatur-Tempel der Maya an und lässt sich dadurch kaum übersehen. An den beiden Seiten zum Blockinnern vermitteln begrünte Böschungen, die im Winter offensichtlich bereits als Rodelhügel genutzt wurden, zur anschließenden Vegetation. Eine Zick-Zack-Rampe gewährt hier auch barrierefreien Zugang zur Platzebene, auf der zwei schlank detaillierte und räumlich wirkungsvoll versetzt angeordnete Pergolen wunderbar in ihrer Maßstäblichkeit mit den benachbarten fensterlosen Gebäudestirnseiten korrespondieren.

Die beiden Stahlkonstruktionen sollen die Bewohner durch ihre Tiefenstaffelung auf das Plateau locken und dienen außerdem einer Tischtennisplatte sowie einer u-förmigen Sitzbank als Witterungsschutz. Ihre abgehängten Leuchtkästen spenden abends einerseits direktes Licht, tauchen den Platz andererseits in ein von den mit Edelstahlblech bekleideten Dachuntersichten reflektiertes, indirektes Licht. Während zwei Sitzgruppen mit Brettspieltischen sich älterem Publikum anbieten, können kleinere Kinder eine Tafelfläche mit Kreidezeichnungen bemalen oder die beiden dauerhaften Bodenzeichnungen für Himmel und Hölle auf dem federnden Untergrund des hellen Gummibelags in Beschlag nehmen. Hell zeigen sich auch die nach Eigenentwürfen mit Weißzement betonierten, minimalistischen Möbel und die Treppenstufen. Sämtliche dunkel beschichteten Stahlelemente sowie der asphaltgraue Plattenbelag des kleinen Vorplatzes mit seinen in Anthrazit durchgefärbten Betonbänken stehen dazu effektvoll im Kontrast.

Diese »Unfarbigkeit« der Anlage wird jedoch durch ein farbiges Bodenbild gebrochen, das sich beinahe über die ganzen gut 1 000 m² der oberen Ebene erstreckt: Gerade und geschwungene Linien bilden als ineinander verschränkte Buchstaben das Wort »GRONE«. Das »E« definiert dabei ein Federballfeld. Erdacht hat dieses heitere und identitätsstiftende Schriftlogo Ina Geißler, die auch an der Müllbox und den Außenpfeilern der Tiefgarage neonrot-leuchtende Farbakzente gesetzt hat. Die Künstlerin und ihr Mann, Architekt Fabian Lippert, haben bereits einige Projekte gemeinsam verwirklicht.

Dünne Decken

Ohne Bestandsunterlagen gestaltete sich der Umbau als konstruktive Herausforderung. Die massiven Brüstungen des Parkdecks wurden abgebrochen; dank des Kunstgriffs der breiten Treppe und der Anböschung konnte auf eine weitläufige Absturzsicherung verzichtet werden. Lediglich zu den umliegenden Hauszeilen übernehmen Ortbetonwände diese Funktion. Das ehemals weitgehend offene untere Parkgeschoss wurde, abgesehen von vier Lüftungsgittern zur Entrauchung im Brandfall, beinahe vollständig mit Betonfertigteilen geschlossen.

Die Änderung der Verkehrslast von 3,5 KN/m² (Parkplatzfläche) auf 5 KN/m² (Versammlungsstätte) bedingte – angesichts der bestehenden schwach bewehrten, 10 cm dicken Betondecke aus Pi-Platten – sowohl die Lage der Pergolen auf das Stützraster der Garage abzustimmen als auch einen möglichst leichten Bodenaufbau zu verwenden. Zur Verringerung der Eigenlast wurde zudem die marode Asphalt-Abdichtung abgeschliffen. Unterhalb des wasserdurchlässigen Gummi-Oberbelags überbrückt nun ein druckfester, kunststoffgebundener Glasschaum (ebenfalls wasserdurchlässig) den bis zu 30 cm großen Abstand zur Betonkonstruktion darunter. Da die meisten der bestehenden Felder der Betondecke bereits für eine Entwässerung geeignete Neigungen aufwiesen, wurde lediglich bei den wenigen waagerechten Elementen ein »Rücken« aufgespachtelt und anschließend eine durchgehende Dichtungsebene aufgebracht. Aus dieser Ebene schließlich wird das anfallende Oberflächenwasser dem naheliegenden Teich zugeleitet.

Ausnahmeerscheinung

Selten genug hat ein Architekt eine solch umfassende Gestaltungsfreiheit wie Fabian Lippert bei der Umnutzung des Parkdecks. Dass er seine Chance nutzte, zeigt sich u. a. am variantenreichen, sorgfältig geplanten und spielerisch anmutenden Umgang mit dem Werkstoff Beton – egal ob schalungsglatt, sandgestrahlt, gesäuert oder geschliffen – für die möglichst robuste Außenmöblierung. Die Motive von Pyramidenstumpf und Raute kehren bei näherer Betrachtung in etlichen Details (Sitzbänke, Lampenabhängung, Rolltor, Geländermaschen) wieder.

Den Anwohnern, die sich den Platz bereits zu eigen gemacht haben, kann man zum Quartierstreffpunkt nur gratulieren. Großes Lob gebührt auch der Wohnungsgesellschaft, die als Bauherr beim Quartiersplatz Grone neben wirtschaftlichen offensichtlich auch gestalterische Ansprüche ernsthaft verfolgte.

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Für den Beitrag verantwortlich: deutsche bauzeitung

AnsprechpartnerIn für diese Seite: Ulrike Kunkelulrike.kunkel[at]konradin.de

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