Kathedralen des Schlamms
Gutes Abwassermanagement war schon immer ein Zeichen für Zivilisation. Heute wird die Planung und Gestaltung von Kläranlagen auch zu einer Aufgabe für Architekten.
Die Grüne Insel ist eine junge Insel. Seit 2002 hat sich die Bevölkerungszahl der Republik Irland um fast ein Drittel erhöht und überschritt erstmals seit der katastrophalen Hungersnot im 19. Jahrhundert wieder die Sieben-Millionen-Marke. Nur die Kleinstadt Arklow, südlich von Dublin an der Küste gelegen, wuchs nicht. Sie stagnierte bei etwas mehr als 13.000 Einwohnern. Nicht, weil sie nicht wachsen wollte, sondern weil sie nicht durfte. Arklow war die größte Stadt Irlands ohne Kläranlage, die Abwässer flossen über den River Avoca ungefiltert in die Irische See. Pläne für neue Wohnviertel gab es zwar, doch Staat und EU sagten: nicht ohne Infrastruktur.
Heute hat Arklow wieder eine Kläranlage, und sie ist nicht nur groß, grün und unübersehbar, sondern wurde auch für den wichtigsten europäischen Architekturpreis, den EU Mies van der Rohe Award, nominiert. Wie das kam? Es begann mit einer Strategie des staatlichen Wasserverbandes Uisce Éireann, der sich zur Aufgabe machte, das ungeklärte Ableiten von Abwasser in die Natur zu beenden. Seit 2014 wurden in 35 irischen Gemeinden neue Kläranlagen errichtet, die dafür optimalen Standorte durch einen eigens entwickelten Algorithmus bestimmt. Die Kriterien: Wirtschaftlichkeit, Energieeffizienz, Schutz vor Naturgefahren.
Schilfgrüne Hoffnung
Für Arklow ermittelte der Algorithmus die Landspitze direkt an der Mündung des Flusses ins Meer – nicht diskret versteckt, sondern mittendrin. Also lobten die Behörden für das 139-Millionen-Euro-Projekt einen Wettbewerb mit zehn Architekten aus, um die sensible Eingliederung von Schlamm und Schmutz in Stadt und Landschaft zu bewerkstelligen. Die Gewinner Clancy Moore aus Dublin waren die Einzigen, die sich nicht damit begnügten, die Infrastruktur in hübsches Geschenkpapier zu wickeln. „Uns war klar: Kein Architekt hat jemals eine Kläranlage entworfen, wir stehen also alle am Anfang“, erklärt Andrew Clancy. „Wir begannen damit, einen sechsmonatigen Prozess der Kommunikation mit allen Expertinnen und Experten zu entwerfen, und dann erst die Architektur.“
Am Ende des Prozesses stand nicht nur ein hochwertiges Stück Architektur, sondern auch ein neues Konzept für die Funktion. „In der Regel bestehen Kläranlagen aus horizontal angeordneten Becken, was einen hohen Aufwand für das Pumpen bedingt“, sagt Clancy. „In Arklow haben wir die Becken übereinandergestapelt, zwölf Meter überirdisch und zwölf Meter unterirdisch. Das minimiert den Fußabdruck, macht sich die Schwerkraft zunutze und macht die Anlage zum Gebäude.“
Genau gesagt drei Gebäude, alle in freundlichem Schilfgrün, mit horizontalen Lamellen aus Faserzement, die als Sichtschutz und Entlüftung dienen. „Arklow war durch Stagnation und Arbeitslosigkeit deprimiert, die Kläranlage sollte daher Optimismus und Aufbruch ausstrahlen“, sagt Clancy. Der kleinste der drei Bauteile, direkt am Eingang, zwinkert mit rundem Fenster und spitzer Nase wie ein freundliches Gesicht in Richtung Stadtzentrum. „Die Bewohner mögen es, manche erinnert es an Bart Simpson“, sagt Clancy. Heute können die Mitglieder des Schwimmvereins und Ruderklubs wieder ohne Nasenklammer ihren Wassersportfreuden nachgehen – und Clancy Moore sind stolze Experten für Abwasserarchitektur geworden.
Kleinstadt des Klärens
Sie sind nicht die Ersten – auch wenn diese Art öffentlicher Infrastruktur weniger Ruhm zuteilwird als den oberirdischen Äquivalenten. War doch Ingenieur Sir Joseph Bazalgette, der in den 1860er- und 1870er-Jahren das dringend benötigte Abwassersystem für London mit 720 Kilometern Hauptkanal und prachtvollen Pumpwerken plante, dem Pariser Stadtplaner Baron Haussmann mindestens ebenbürtig. Der für ein Bevölkerungswachstum von 50 Prozent ausgelegte „London Sewer“ funktionierte bis ins 21. Jahrhundert tadellos. Heute sorgen wachsende Städte, grüne EU-Richtlinien, neue Technologien und erneuerbare Energien für eine Renaissance der Kläranlagenarchitektur.
Dies kann die Form grüner Quader wie in Irland annehmen – oder die einer Stadt im Miniaturformat, wie in Altenrhein am Bodensee an der schweizerisch-österreichischen Grenze. Dort hat der Zürcher Architekt Lukas Imhof, Professor an der TU Graz, gemeinsam mit dem Abwasserverband AVA über mehrere Jahre eine Strategie entwickelt und die einzelnen Bauten mit unaufgeregter Sorgfalt zu einem Ganzen gemacht. Dunkel gestrichener Putz, Sichtbeton und vorvergraute Holzfassaden mit vertikalem Rhythmus. „Bisher waren Kläranlagen immer eine Art Bastelarbeit, es gab keine architektonischen Regeln dafür“, sagt Imhof.
Also macht man sie sich selbst. Die zwei Zylinder der Stapelmischanlage werden zu Twin Towers, die Kuben der Cosubstrat-Annahmestelle zu einem fein austarierten Ensemble, die kleine Trafostation zu einem Stück 1920er-Jahre-Expressionismus im Dickicht des Rheintals. Das luftig konstruierte Achteck des Infopavillons öffnet sich mit roten Markisen wie eine Blüte. „So zu tun, als wäre eine Kläranlage eine Stadt, hilft beim Verständnis ihrer Funktion“, sagt Imhof. „Es gibt Gassen, Straßen, Höfe, Plätze. Die einzelnen Bauten haben eigene Identitäten und Adressen.“ Man kann es eine Fingerübung auf abgeschlossenem Areal nennen – aber sollte man deswegen die Ansprüche an Architektur herunterschrauben? Und schließlich haben auch Kläranlagenmitarbeiter ein Recht auf eine schöne Arbeitsumgebung.
Dass das Hinterteil städtischer Infrastruktur auch in großen Ballungsräumen nicht versteckt werden muss, wird in den kommenden Jahren in Zürich sichtbar werden. Die Abwasserreinigungsanlage, bisher in einem Feuchtbiotop gelegen, soll verlegt werden, zusammen mit einer neuen Abfallverwertungsanlage wird hier ein „Multi-Energy-Hub“ entstehen, mit CO2 -neutraler Fernwärme, sauberem Strom und grünem Gas. Vor einem Jahr wurden sechs Architektenteams geladen, um diesem monumentalen Hub mit über 50 Meter Höhe eine städtische Form zu geben. Der siegreiche Entwurf von Penzel Valier aus Zürich ähnelt einem monumentalen Tempel der Infrastruktur. So wird das schmutzige Ende zur sauberen Sache.