Eine beispielhafte Volksschule in Simmering: Die Kinder durften mitgestalten
Volksschulen aus der Gründerzeit gibt es viele, barrierefrei sind die wenigsten und unter Mangel an Freiraum leiden so gut wie alle. Die Volksschule in der Molitorgasse im 11. Wiener Gemeindebezirk ist ein Herzeigebeispiel für eine gelungene Verwandlung.
Erbaut 1888 anlässlich des vierzigjährigen Jubiläums seiner Majestät Kaiser Franz Josef I. unter Bürgermeister Herrn Wilhelm Seidler“, steht auf der Tafel im Foyer der Volksschule Molitorgasse. Die Stadtbaumeister Johann Schneider und Anton Heindle hatten sie geplant, drei Stufen führen hinauf zum Entrée, sieben weitere in den Gang im Erdgeschoß, das natürlich ein Hochparterre ist. Denn eine Schule ist nicht nur irgendein, sie ist ein besonderes Haus mit einem kleinen Giebel über dem Haupteingang.
Ab dem Hochparterre übernimmt ein dreiläufiges Stiegenhaus die vertikale Erschließung, pro Geschoß gibt es vier Klassen, sechs mal zehn Meter, 3,50 Meter Raumhöhe. Das ist mehr, als heutige Klassenzimmer bieten, der einzige Freiraum der Schule war der rückwärtige Hof, der in einem schmalen Streifen entlang der nordwestlichen Stirnseite verebbte. Ersterer war asphaltiert, von einer Mauer begrenzt, beschattet und zum Fußballspielen zu klein. Nur Volley- und Handball waren erlaubt. Im zweiten Hof stand ein kleines temporäres Schulgebäude mit zwei Klassen, außerdem gab es dort Mülltonnen, zwei Parkplätze für den Schulwart und einen Geräteschuppen.
Der ummauerte Hinterhof ließ an Gefängnis denken
Gründerzeitliche Volksschulen wie diese gibt es viele in Wien. Im Jahr 2007 hatte der Gemeinderat das mit 570 Millionen Euro budgetierte Schulsanierungspaket I – SUSA beschlossen. Damit sanierte man die Substanz in 242 Pflichtschulen. Als das rasante Stadtwachstum durch Zuwanderung deren Kapazitäten zu sprengen drohte, schickte die Stadt das Erweiterungsprogramm PFERD gegen ihren PFlichtschulERneuerungsDruck ins Rennen. In drei Jahren entstanden 111 zusätzliche Klassen. (Christian Kühn, „Die Stadt der schnellen Schulen“, „Spectrum“ vom 29. August 2015). Auch einem Seitenflügel der Schule in der Molitorgasse setzte man ein PFERD vor. Messerscharf gehen sich der barrierefreie Zugang plus Fluchtstiege und eine Klasse im Zwischenraum bis zur anschließenden Feuermauer aus. Mehr als Funktion war da nicht, der ummauerte Hinterhof ließ Architektin Susanne Veit-Aschenbrenner mehr an einen Gefängnis- als einen Pausenhof für Kinder denken.
Keine Schulzukunft mehr?
Wie viele ihrer Artgenossen hatte die Schule die SUSA- und PFERD-Prüfung bestanden, für eine Ganztagsschule eignete sie sich nicht. Es fehlten ein Mittagstisch, Frei- und Sonderräume, auch in puncto Barrierefreiheit und Brandschutz genügte die denkmalgeschützte Schule nicht mehr. Ihre Existenz stand nicht zur Debatte, ihre Funktion sehr wohl, die schulerhaltende MA 56 traute ihr keine große Schulzukunft mehr zu.
Bildungscampusse gibt es in der Gegend genug, man überlegte, den Standort aufzugeben. Davor aber wurden die Architekten Susanne und Oliver Veit-Aschenbrenner beauftragt, das Potenzial der Schule zu prüfen. Zum Glück. Denn so ist Wien um ein Vorzeigebeispiel reicher. Fast prototypisch führt es vor, wie sich diese Schulbestände in hochwertige Lernorte mit Freiräumen und Ganztagskapazitäten verwandeln lassen.
„Ein grundsätzliches Problem dieser gründerzeitlichen Bauten ist das Hochparterre“, so die Architekten. „Sie sind alle nicht barrierefrei.“ Außerdem fehlten innen wie außen attraktive, helle Pausenräume mit genug Luft und Weite, um sich unbeschwert zu bewegen. Veit-Aschenbrenner dachten über den Grundriss hinaus und hoben das Bodenniveau des Hofes um ein Geschoß an. Dadurch schließt er an das Zwischenpodest an, was neue Raumkombinationen ermöglichte. Nun konnte man dem Hof eine Zentralgarderobe und einen zweigeschoßigen Bewegungsraum unterschieben, die beide barrierefrei über einen neuen rückwärtigen Eingang zu erschließen sind. Dieses Entrée funktioniert auch extern außerhalb der Schulzeiten für Bewegungsfreudige aus der Nachbarschaft.
Prachtvoller Gingkobaum
Im Eck des Hofes steht ein prachtvoller Ginkgobaum, der einige Hundert Jahre alt und kein Naturdenkmal war. Veit-Aschenbrenner wollten ihn unbedingt erhalten. „Unser ganzer Entwurf und unsere ganze Baustelle drehten sich um ihn.“ Das war riskant, sein Überleben war keineswegs gesichert, eineinhalb Jahre sahen Baumbetreuer regelmäßig nach ihm. Jetzt steht er da in voller Pracht, spendet Schatten und bereichert den Hof mit der majestätischen Ausstrahlung seines Alters.
Was vormals die unattraktive Rückseite war, ist nun auf mehreren Ebenen ein lebendiger Ort. Die hohe Mauer stand auf schuleigenem Grund, konnte problemlos fallen und gibt den Blick auf das Nachbargrundstück frei, wo das Beispiel der Schule auf fruchtbaren Boden fiel: Auch dort gestaltete man den Hof. Wo früher vor dem nordwestlichen Seitenflügel die Mistkübel standen, gibt es heute einen Spielplatz. Am Eck umarmt eine schöne Treppe mit Sitzstufen den Ginkgobaum mit einem sachten Schwung und setzt dann am neuen Hofniveau auf. Wo früher Asphalt war, liegt heute ein heller Sportbelag mit fünf kreisrunden Sitzbänken, um die eine grüne, rote und blaue Linie ihre Schlaufen zieht. Man könnte ihr folgen, die gelben Kästchen zum Kästchenhüpfen entdecken oder um die Wette laufen. Die Kinder lieben diesen Hof.
Das Licht fällt farbig herein
Drei der Bänke legen sich um plane, begehbare Glasscheiben, die der Zentralgarderobe und dem Bewegungsraum zu natürlichem Licht verhelfen. Ein halbes Jahr lang dauerte es, bis die Architekten den Bauherren von dieser teureren Alternative zur Oberlichtkuppel überzeugt hatten. Jetzt, wo die schmucken Möbel im Hof fertig sind, begreift jeder den großen Mehrwert. Unter dem Glas sind die Ränder der ausgeschnittenen Decke von Garderobe und Bewegungsraum sonnengelb, blau und türkis gestrichen. Dadurch fällt das Licht farbig herein. Auch die Kinder wurden eingebunden. So konnten sie die Geräte am Spielplatz aussuchen und bei der Wahl der Fliesen mitbestimmen. Eine kleine Manipulation gesteht die Architektin ein: Sie taufte die rosa Fliese mit den vielen Flecken „Panther-Fliese“ – wodurch sogar die Buben dafür votierten. Sie macht sich gut in den Sanitärzellen und dem neuen Speisesaal im Erdgeschoß. Sogar eine kleine Keksküche für die Kinder ging sich im Budget noch aus. Und das, obwohl insgesamt 500.000 Euro eingespart werden konnten. Die kommen nun der nächsten Schule zugute.
Erste Pflänzlein schlingen sich um Gerüste
„Besonders stolz sind wir darauf, dass uns eine massive Entsiegelung gelungen ist“, so die Architekten. Rückseitig stellten sie eine Art Sichtbetonregal vor die Fassade, dessen drei große Ebenen auf einem Niveau an die Zwischenpodeste des Stiegenhauses andocken. Sie schenken der Schule 15 Meter lange, vier Meter tiefe Freiräume, die über ihre gesamte Höhe von einem Edelstahlnetz fallsicher eingehaust sind. Auf ihnen fühlt man sich, als könne man fliegen. Im obersten Stock stehen bereits Möbel, an der Wand hängt eine Tafel. Das sieht nach Unterricht im Freien aus. Die ersten Pflänzlein schlingen sich schon zaghaft an den zwei seitlichen Rankgerüsten hoch, sie werden rasch wachsen. Dann wird hier ein vertikaler Garten blühen.