Professor Puppenhaus
Der Spieltrieb ist ein wichtiger Lehrmeister. In Innsbruck ist nun eine zusammengestückelte Modellbaustadt aus Adolf Loos, Carlo Scarpa und Le Corbusier zu bestaunen.
Weniger Haus als vielmehr gebaute Landschaft, organisch und chaotisch vieleckig im Grundriss, massiv aufgemauert aus Ziegel und Stein, als fünfte Fassade schließlich eine traditionelle Dachdeckung mit Mönch und Nonne: Die Bauten des italienischen Architekten Alberto Ponis – mehr als 300 realisierte Projekte in Summe – scheinen mit den Felsen der sardischen Steilküste, der Costa Paradiso hoch oben im Norden der Insel, regelrecht zu verschmelzen.
„Ich bin fast ständig auf den Baustellen“, sagte Ponis, geboren in Genua, seit 1963 auf Sardinien lebend, wo er vor knapp zwei Jahren erst verstarb, zu Lebzeiten, „und das bedeutet, dass die Häuser wie Skulpturen geboren werden und weich in den Himmel wachsen, stets in Harmonie mit der umliegenden Natur. Ich versuche immer, meine Häuser um einen Felsen herum zu entwickeln. Der Felsen ist wie ein Licht oder wie das Feuer in der Mitte eines Zeltes, und alle architektonischen Volumina beginnen sich dann so zu definieren, dass sie sich rundherum fächerförmig anordnen.“
Neugierige Hände
Im Innsbrucker aut architektur und tirol im ehemaligen Adambräu-Sudhaus lässt sich Alberto Ponis’ Architektursprache im Maßstab 1:33 zentimetergenau studieren. Die Casa Stella, ein Haus in Form eines Seesterns, in Fachmedien besser bekannt als „Haus für Ivan“, wächst aus den Höhenschichtlinien der umgebenden Topografie heraus, präsentiert sich als weiß lackiertes Holzmodell, in einer Mischung aus Detailgenauigkeit und stark reduzierter Abstraktion, ein wenig erinnernd an ein flach gedrücktes, bis zur Farblosigkeit entsättigtes Schlumpfhaus oder auch eine im italienischen Modernismo nachgebaute Hobbithütte.
Fast möchte man den unübersehbaren Hinweis des „Berühren verboten“ ignorieren und mit der neugierigen Hand hingreifen, möchte die geschrumpfte Version der 1994 errichteten Casa Stella sinnlich ertasten und sich in allen zur Verfügung stehenden Dimensionen Stück für Stück erarbeiten. „Und genau das ist auch Sinn und Zweck dieser Architekturmodelle“, sagt Arno Ritter, Leiter des aut, der sich an der Università della Svizzera Italiana (USI) in Mendrisio, genauer gesagt an der Accademia di Architettura umsah und sich während seines Besuchs zur aktuellen Ausstellung inspirieren ließ.
„Wie steht das Haus auf dem Felsen? Wie reagiert es auf die umliegende Landschaft? Und wie hat der Architekt es bloß geschafft, die umliegenden Terrassen vor den heftigen Küstenwinden zu schützen? Allein anhand von Fotos, Plänen und Zeichnungen lassen sich solche Fragen meist nicht beantworten“, sagt Ritter. „Dazu braucht es den Besuch vor Ort – oder eben ersatzweise die intensive Auseinandersetzung damit, indem man sich dem Gebäude durch den Modellbau, also quasi durch die Reproduktion in einem verkleinerten Maßstab annähert.“
Links Wien, rechts Apulien
Die Methode ist keineswegs neu. Schon in der Gotik, in der Renaissance und im Barock bildeten die großen Meister ihre Schüler aus, indem sie sie jahrelang Kopien und Werke im eigenen Stil anfertigen ließen, ehe sich diese dann – mit allen Tricks und Techniken gewappnet – losrissen und ihre eigene Handschrift entwickelten. „Und auch heute noch funktioniert das Lernen in vielen Handwerksberufen auf diese Weise“, sagt Ritter, „ob das nun in der Küche, in der Tischlerei oder in der Schuhmanufaktur ist. Warum also nicht auch in der Architektur?“
Alberto Ponis’ Casa Stella findet sich im aut in durchaus prominenter Nachbarschaft, nur wenige Gehsekunden entfernt von Sverre Fehns Villa Sparre in Skedsmo, von Le Corbusiers weltberühmter Villa Savoye in Poissy oder von Lacaton & Vassals Maison Cap Ferret, aus der Dutzende Meter hohe Strandkiefern hinauswachsen. Und auch zur Villa Beer in Wien (Josef Frank und Oskar Wlach), zum Oberhus in Leis ob Vals (Peter Zumthor), zur Casa Balmelli in Rovio (Tita Carloni), zur Casa Malaparte auf Ischia (Adalberto Libera) oder zu den lokaltypischen, wie kleine Zipfelmützen in die apulische Landschaft hineinplatzierten Trulli in Alberobello sind es nur wenige Stufen bergauf.
„Das Studieren und Kopieren ist ein wichtiger Teil des Lernens“, sagt Walter Angonese, Professor an besagter Architekturfakultät in Mendrisio. „Zudem ist der Modellbau mit Holz – mit Messen, Sägen, Schleifen, Bohren, Schrauben, Kleben und Lackieren – wie eine Rekonstruktion des Originals, bloß etwas kleiner, und somit eine wertvolle Methode, um sich mit Bauweise, Erschließung, Raumkomposition, Lichtführung und konstruktiven Besonderheiten auseinanderzusetzen. Das ist besser, wertvoller und viel unmittelbarer als jeder Bildkonsum auf Tiktok und Instagram.“
Licht-und-Schatten-Spiele
2011, bei seinem Antritt als ordentlicher Professor, führte Angonese diese Methode ins Curriculum ein. 3D-Drucker und CNC-Fräsen sind strengstens verboten, es zählt die bestmögliche Annäherung mit Hirn, Hand und Herz. Seit damals sind mehr als 150 Modelle entstanden, die in der Schule öffentlich zugänglich sind und den nachfolgenden Studierenden als eine Art dreidimensionale Bibliothek zum Angreifen dienen. 64 davon sind nun im aut in der Ausstellung Rebuild: Figures of Space zu sehen.
„Es geht um einen Erkenntnisgewinn, der nicht nur kognitiv und intellektuell ist, sondern auch sinnlich und manuell“, sagt Angonese. „Oft werden die Modelle auch mit Lampen beleuchtet oder ins Freie hinausgetragen, um zu studieren, wie der Sonnenverlauf im Laufe eines Tages unterschiedliche Licht- und Schattenspiele generiert. Und ja, natürlich ist das alles auch eine Metapher für das Puppenhaus aus unser aller Kindheit. Der Spieltrieb ist ein wichtiger Lehrmeister.“
Und so verwandelt sich das aut in Innsbruck für die kommenden Monate in eine entsättigte Barbie Town für Erwachsene, in eine Art Minimundus für Architekten und Architektinnen, in eine Weltreise zu Alvar Aalto, Louis Kahn, Jean Nouvel, Atelier Bow-Wow und Lacaton & Vassal. Lehrreich und berührend.
„Rebuild: Figures of Space. 64 Häuser im Modell“, kuratiert von Tommaso Fantini und Andrea Sirotti. aut architektur und tirol, Lois-Welzenbacher-Platz 1, 6020 Innsbruck. Zu sehen bis 31. Oktober 2026.