Bauwerk

Wohnpark Neue Donau
Harry Seidler & Associates - Wien (A) - 1999
Wohnpark Neue Donau, Foto: Eric Sierens
Wohnpark Neue Donau, Foto: Eric Sierens

Siedlung mit Ausblick

Skeptisch wurde Harry Seidlers Wohnanlage auf der Wiener „Donau-Platte“ aufgenommen: Er hat mit der traditionellen Fixierung auf Block und Hof gebrochen. Wodurch er allerdings imstande ist, den Nutzern ein Maximum an Komfort zu bieten.

16. Oktober 1999 - Liesbeth Waechter-Böhm
Die Gegensätze könnten größer nicht sein. Wenn man auf der Reichsbrücke stadtauswärts fährt, dann fällt der Blick linkerhand auf einen Teil der neuen „Donau-City “, und er fällt rechterhand auf einen Teil der „Donau-City“. Links waren relativ junge heimische Architekten am Werk. Rechts hat Harry Seidler geplant.

Es geht um die sogenannte Platte, um die Überplattung der Donauufer-Autobahn und die Entwicklung der Stadt jenseits, aber direkt an der Donau. Wie geht man mit einer solchen Lage um? Das ist die Gretchenfrage, auf die links und rechts der Wagramer Straße ganz unterschiedliche Antworten gegeben wurden. Links: städtebauliche Versatzstücke aus einem Wettbewerb, der nicht eindeutig genug entschieden wurde. Rechts das Konzept von Harry Seidler.

Letzteres wurde lange Zeit recht skeptisch betrachtet. Denn Seidler hat mit einer hierzulande tief sitzenden Vorstellung gebrochen, mit der traditionellen Fixierung auf den Block, den Hof. Er hat keine Blöcke, keine Höfe sondern seine Bauten schräg auf die Überplattung der Donauufer-Autobahn gestellt; er hat sie zur Donau hin abgetreppt, sodaß auch die weiter weg liegenden Wohnungen auf den Strom hin orientiert sind; er hat erkennbar mit gleichen, vorgefertigten Elementen gearbeitet; und er hat „Sichtschneisen“ für die dahinter liegenden Wohnbauten eingeplant. O-Ton Seidler: „Es wäre nicht anständig gewesen, den Leuten, die schon ewig hier wohnen, den Ausblick zu nehmen.“

Seidler verficht eine Architektursprache, der man gemeinhin seine Sympathie versagt. Er kommt vom Funktionalismus her, und der ist ja durch den kommerziellen Abklatsch einer dritten, vierten und fünften Architektenkategorie in wirklich arge Bedrängnis geraten. Andererseits: Seidler hat das Vokabular des Funktionalismus in formaler Hinsicht erweitert. Man muß die Literatur über ihn lesen, man muß lesen, wie ein Kenneth Frampton oder ein Dennis Sharp diese Sprache interpretieren. Sie stellen eine Verbindung zu Entwicklungen in der bildenden Kunst dieses Jahrhunderts her. Das Luftbild seiner Wohnanlage macht deutlich, was sie meinen.

Im jetzigen Stadium umfaßt Harry Seidlers Wohnanlage 540 Wohnungen und einen Kindergarten. In Bau ist ein Kino-und Freizeit-Center. Das lang umstrittene Hochhaus, das er vorgeschlagen hat, soll nun doch Gestalt annehmen –allerdings nicht als reines Bürohochhaus, sondern durchmischt mit Wohnungen.

Harry Seidlers Konzept präsentiert sich so einfach wie überzeugend: Er ging vor allem davon aus, daß jeder, der hier, auf der Platte an der Donau, wohnt, die Donau auch sehen will. Und er ging von den statischen Gegebenheiten aus.

Wenn man die Wohnbauten senkrecht beziehungsweise im rechten Winkel zur Donau stellt, dann müssen wenige Balken der Überplattung das jeweilige Haus tragen. Wenn man die Häuser schräg stellt, dann werden ungleich mehr Balken belastet, man kann folglich höher bauen. Und: Wenn man es geschickt macht, dann kann man auch alle Wohnungen zur Donau hin orientieren.

Genau das hat Harry Seidler geschafft, und genau deswegen waren seine Wohnungen schon vor Fertigstellung der Anlage vergeben, während man links, auf der anderen Seite der Wagramer Straße, damit zu kämpfen hat, daß Leute einziehen.

Die Wahrheit ist: Seidler hat eine Wohnanlage – aber auch generell einen Städtebau –entwickelt, der den Nutzern ein Maximum an Komfort bietet. Und er hat nicht nur Häuser gebaut, er hat ein ganzes Freiraum-Konzept entwickelt, das seine gebauten Vorschläge in einen Zusammenhang rückt, der an Wünschen, an Bedürfnissen der Allgemeinheit und der spezifischen Nutzer festgemacht ist.

Die Leute schauen auf die Donau. Sie gehen in ihr Haus und kommen in ein durchaus attraktives Stiegenhaus hinein – es ist zwar innenliegend, aber trotzdem wunderbar belichtet. Sie haben Wohnungen, denen Balkone, im Erdgeschoß kleine Gärten und ganz oben auch große Terrassen vorgelagert sind. Sie haben Wohnungen, die eine sehr freie Grundrißlösung erlauben. Nach außen drückt sich das kaum aus: Die Fensterbänder werden nur durch das kleine Apercu eines Ausblicks im Kinderzimmer rhythmisiert. Man braucht gestalterisch ja wirklich nicht mehr, um gut zu wohnen.

Seidler war gescheit: Er hat sein Augenmerk darauf gerichtet, wie man mit geringem Aufwand so etwas wie formale Monotonie vermeidet.

Und er hat sich darauf konzentriert, das gesamte – letztlich ja artifiziell geschaffene – Areal so zu interpretieren, daß ein Gewinn für alle dabei herauskommt. Auch für die Anrainer in den Fünfziger- und Sechziger-Jahre-Bauten daneben, die nicht nur durch die Überplattung der lauten Donauufer-Autobahn profitieren, sondern auch durch die Stellung des noch nicht fertigen Kino- und-Freizeit-Centers an der Wagramer Straße, das als Schutzschild vor dem Lärm von der Reichsbrücke fungiert. Und denen natürlich die überdimensionierte Tiefgarage zugute kommt, in der es auch Stellplätze für Anrainer gibt.

Sehr überzeugend ist der Kindergarten: Er ist zur Donau hin orientiert, aber halbgeschoßig eingegraben, damit den Kindern ein möglichst windgeschützter Freibereich zur Verfügung steht.

Im Bauteil Harry Seidlers ist alles durchdacht, er funktioniert. Daß Seidler sich den Luxus einer gebogenen Glasbrüstung vor den Balkonen leistet – diese Glaselemente sind übrigens so beschaffen, daß man zwar von drinnen nach draußen, aber unter dem Vorzeichen der geforderten „Privacy “nicht umgekehrt schauen kann –, daß er gebogene Betonelemente als durchgehendes gestalterisches Element einsetzt, hat zwar mit einer gewissen Individualisierung dieser Wohnanlage zu tun, es resultiert aber auch aus den heutigen bautechnologischen Möglichkeiten, die sich in der Wiederholung, in der großen Serie plötzlich zu rechnen anfangen.

Seidlers Beitrag zum Wiener Wohnbau ist nicht unumstritten. Überholter Funktionalismus, sagen die einen. Es gibt aber auch andere. Und die sehen, was da konzeptuell geleistet wurde. Denn der Formalismus einer individuellen Architektursprache war immer nur ein sehr schwacher Beitrag zur Architekturdiskussion.

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